Dorle Gelbhaar: Von der Krimiautorin zur Lyrikerin

Krimis und Gedichte schreiben: Die Berliner Autorin Dorle Gelbhaar ist vielseitig und wandelbar. Sie kennt die ehrenamtliche Vorstandsarbeit des Berliner Schriftstellerverbandes und des Literaturhauses Berlin. Sie weiß, wie sehr Vernetzung im Kulturbetrieb Autorinnen und Autoren helfen kann.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter und Sehnsüchtige

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Wie Dorle Gelbhaar zur Krimiautorin wurde.
  • Wie sie sich zur Lyrikerin wandelte.
  • Wie sich Gelbhaars ehrenamtliches Engagement in der Literaturszene auf ihre Schriftstellerei auswirkte.
  • Welche Tipps Dorle Gelbhaar (angehenden) Autorinnen und Autoren gibt.
  • Literaturempfehlung.
  • Linkempfehlungen.

Könnten Sie sich den Leserinnen und Lesern meines Blogs vorstellen?

Seit 1998 – da habe ich den Kriminalroman „Der Fremde am Telefon“ beim Elefanten Press Verlag veröffentlicht – bin ich freie Autorin. Ich stamme aus Rostock, lebe aber schon solange in Berlin, dass ich inzwischen auch schon Gedichte auf Berlinisch geschrieben habe. Meine Kollegin Ruth Fruchtman hat mich in einer Moderation unlängst als freche Berliner Göre bezeichnet und war sehr darüber verwundert, dass ich gar nicht hier aufgewachsen bin.

Sie haben mich – das ist, glaube ich, schon etliche Jahre her – schon einmal interviewt, da ging es um das Berufsbild von professionell literarisch Schreibenden. Ihre Anfrage dazu ging an den gesamten Vorstand des Berliner Schriftstellerverbandes … oder – wie er korrekt heißt -: des VS in der ver.di, Landesverband Berlin. 18 Jahre lang habe ich ehrenamtlich in Vorständen wie dem des Berliner Schriftstellerverbandes gearbeitet, zuletzt in dem des li-be, des Literaturhauses Berlin. Es hat mich wie alle anderen im Vorstand umgetrieben – Vorsitzender war im Berliner VS Prof. Horst Bosetzky -, dass nur so wenige von ihrer Literatur leben können. Das impliziert ja auch die Frage, ab wann ist das überhaupt ein Beruf. Ich habe mal Kulturwissenschaften studiert, mich mit der Kulturkritik Walter Benjamins und mit der sehr deutschen Entgegensetzung von ernster und Unterhaltungsliteratur beschäftigt.

Früh von der Sehnsucht gepackt

Diese Interview-Serie heißt „Sehnsucht Buch“. Viele sehnen sich danach, Bücher zu schreiben und zu veröffentlichen. Wie war das bei Ihnen? Wann und wie hat Sie die Sehnsucht gepackt? Was genau hat Sie angetrieben?

Die Sehnsucht hat mich ziemlich früh gepackt, früher, als ich überhaupt lesen und schreiben konnte. Ich bin immer sehr auf Märchen abgefahren, habe mir mit einem gleichaltrigen Freund, einem Musikersohn – da waren wir fünf – Märchen ausgedacht. Wir lebten auf einer Zauberinsel. In dem Alter hat mir meine Schwester das leise Lesen beigebracht. Auf die Art hat jede ihr eigenes Ding gemacht.

Meine Schwester ist vier Jahre älter als ich und ich war wohl ziemlich anhänglich. Das muss ihr auch ziemlich auf die Nerven gegangen sein. Ich sollte also leise lesen, um nicht zu stören. In dem Alter leise zu lesen ist schon eine sehr eigene Wanderung in die Welt der Literatur. Später habe ich mir für meine jüngeren Brüder Märchen ausgedacht. Und da gab es bei mir auch schon den Gedanken daran, selbst Bücher schreiben zu wollen. Also, das begann sehr früh. Als Berufsziel habe ich in der fünften Klasse dann allerdings angegeben, Lektorin werden zu wollen. Das ist mir vor zwei Jahren erzählt worden. Es hat sich anderen eingeprägt, weil die mit dem Begriff „Lektor“ zu der Zeit nichts anfangen konnten.

Meine These ist, dass zur erfolgreichen Umsetzung der eigenen Traumziele nicht nur Sehnsucht, sondern auch strategisches Handeln gehört. Wie ist das bei Ihnen? Wie gehen Sie als Autorin vor?

Ich habe mich ziemlich früh in Netzwerke eingebunden. Das wird mir jetzt gerade bewusst. Also ich bin 1998 dem VS und dem Syndikat beigetreten. Das Syndikat ist eine internationale Vereinigung. Auf einer selbst organisierten Criminale treffen sich jedes Jahr professionell Kriminalliteratur Schreibende aus Deutschland, Österreich und der Schweiz in einem dieser Länder. Da wird vor Publikum gelesen und sich weitergebildet. Der Tango Criminale findet jeweils als krönender Abschluss nach der Vollversammlung statt. Es wird kräftig genetzwerkt.

Aber Sie haben natürlich völlig recht: Man braucht eine Strategie, um Erfolg zu haben. Es ist aber auch die Frage, was als Erfolg bewertet wird. Möglichst viele Bücher publiziert zu haben? Viel Geld damit verdient zu haben? Oder das geschrieben zu haben, was ganz allein meins ist und aus mir herausmuss, in die Welt, um sich ihr zu stellen?

„Zum Schreiben muss es mich treiben“

Strategie ist das eine, die Lebenswirklichkeit als Autorin das andere. Welche Erfahrungen haben Sie als Autorin im Rahmen des Schreibprozesses gemacht?

Strategie ist nicht unbedingt meine Stärke. Ich habe ungeheuer viele Buchprojekte angefangen und nicht vollendet. Das geht jedoch nicht nur mir so. Es mag auch an wirtschaftlichen Notwendigkeiten liegen, dass man unterbricht, um etwas ganz Anderes zu machen, das Geld bringt. Ich habe auch aus unfertigen Büchern gelesen. Das war zwar interessant, aber die sind nicht fertig geworden und schmoren immer noch in mir.

Es kommt bei mir hinzu, dass ich eine chronische Erkrankung auf dem linken Auge habe, die wahnsinnig schmerzhaft wird, wenn ich mich überstresse. Dann muss ich aussetzen und eventuell anschließend zeitweise etwas ganz anderes machen. Das Problem war in solchen Phasen für mich, dass ich das Schreiben einfach nicht lassen kann.

Zum Schreiben muss es mich treiben. Bei meinem jüngsten Buch war es so, dass das Thema Corona mich nicht losgelassen hat, da sind ja alle Lebensumstände und -ziele auf die Probe gestellt worden und gleichzeitig sind Ablenkungen weggefallen. Letzteres war für mich gut. Ich habe wirklich nur daran geschrieben und das hat sich auch mit dem verbunden, was gerade in mir und um mich herum geschah … was ich im Großen wie im Kleinen als Probleme ansehe, was ich als ganz neue Möglichkeiten erfahren habe, auch im Umgang mit Kindern, Enkelkindern, an möglichen Formen der Kommunikation, des Offenbarens von Liebe oder des Gegenteils.

Sie sind im Verband deutscher Schriftsteller aktiv. Wie erleben Sie die schriftstellerische Entwicklung anderer Kollegen und Kolleginnen? Was können Newcomer daraus lernen?

Also, es steckt oft ungeheuer viel Arbeit dahinter, bevor ein Buch fertig wird. Das imponiert mir unter anderem bei Regina Scheers „Machandel“, wie gründlich sie recherchiert. Die Sprache profitiert von dem Einstieg in vergangene Zeiten und der Verschränkung mit dem Heutigen.

Und ich selbst arbeite ja in einer Lyrik-Gruppe des Berliner VS mit. Auf jeder Zusammenkunft haben wir uns Gedichte vorgetragen und wechselseitig kritisiert, Ideen eingebracht. Das war ein gutes Treibmittel. Wir haben, 14 Kollegen und Kolleginnen, zusammen ein Buch, den Gedicht-Band „Ihre Papiere bitte! Gedichte zur Zeit“, herausgebracht. Da gab es sehr viel Reibungsfläche, sowohl vom künstlerischen Herangehen als auch von ganz persönlichen Sichten her, die aus unterschiedlichem Erleben resultieren. Man könnte ja befürchten, es käme Einheitsbrei dabei heraus, aber das Gegenteil war der Fall. Wir haben unsere Profile geschärft.

Vom Krimi zum Gedicht

Sie haben schon unterschiedliche Genres bedient, vom Krimi bis zum Gedichtband. Wie kam es zu dieser Entwicklung?

Ich habe wissenschaftlich und journalistisch zur Kriminalliteratur gearbeitet, da habe ich aber noch nicht gedacht, dass ich selbst mal Kriminalromane schreiben würde. Bei der Zeitschrift „neu leben“ habe ich aber Kurzkritiken publiziert und dann auch mal selbst einen Kurzkrimi – „Der Tod des Cheflektors“ hieß der, glaube ich. Als ich dem Verlag Der Morgen – jetzt Morgenbuch-Verlag – ein ziemlich verrücktes Romanfragment angeboten habe, meinte die Lektorin, wenn ich Kurzkrimis schreiben könne, dann könne ich auch einen Kriminalroman für eine von ihr geplante Krimi-Reihe verfassen. Aus der wurde dann dort nichts. Aber bei Elefantenpress habe ich in Kathrin Rohnstocks „Erotik macht die Hässlichen schön“ eine Kurzgeschichte eingebracht. Meine Geschichte kam bei Lesungen gut an. Ich bin nach weiteren Arbeiten gefragt worden und dann wurde tatsächlich mit meinem Buch eine internationale Krimi-Reihe gestartet.

Also, ich habe mich aber auch ziemlich intensiv mit dem Genre befasst, bevor ich mit dem Schreiben begann. Und ich recherchiere gründlich, wenn ich mich daran wage. Dabei hilft mir meine Mitgliedschaft im Syndikat. Die Figur meiner weiblichen Kommissarin aus dem Ruhrpott etwa ist mir nach einer Criminale gekommen.

Und wie kamen Sie zur Lyrik?

Die Hinwendung zur Lyrik hat wiederum mehrere Gründe. Dazu gehört, dass ein Gedicht vollständig im Kopf entstehen kann, bevor es seine schriftliche Form erhält. Ein Gedicht kann ich im Kopf hin- und herwälzen, bis es fertig ist. Vorangebracht hat mich da aber auch, dass ich Gedichte für Anthologien eingereicht habe. So konnte ich sehen, welche Gedichte angenommen wurde – beim ersten Mal gar keins – und wo Änderungen von den Herausgebenden gewünscht wurden.

Bei „Liebe in Corona-Zeiten. Satzfetzen Gedichte“ ist für mich wichtig gewesen, dass ich hier in ganz knapper Form etwas umreißen konnte, das mir wichtig ist. Diese kurzen Texte bauen eine Gesamt-Handlungslinie auf, die auch eine bestimmte Sicht auf die Dinge generiert, die aber permanent überprüft wird, indem Perspektiven gewechselt werden. Es ist nicht so der übliche Gedichtband.

Unbedingt machen wollen

Was haben Sie im Laufe Ihrer schriftstellerischen Entwicklung gelernt?

Ohne den Trieb, etwas unbedingt machen zu wollen, funktioniert bei mir nichts. Auf der anderen Seite musste ich lernen, meine Grenzen zu akzeptieren. Das ist aber natürlich etwas sehr Individuelles. Andererseits auch wieder nicht. Das mit den Grenzen meine ich. Das macht sich nur unterschiedlich bemerkbar. Bei jedem Vorhaben lerne ich wieder neu. Eins ist nicht wie das andere. Lernen kann man Handwerkliches. Das betrifft Handlungsaufbau, den Plot, das Wissen um verschiedene Varianten des Herangehens, um Besonderheiten im Genre.

Man kann allerdings Regeln kennen und bewusst gegen sie verstoßen, um eine bestimmte Wirkung hervorzubringen. Heute ist ja Perspektivwechsel im Werk eine gängige Sache, aber ansonsten hat mich bei manchen Romanen gestört, dass da eine Einseitigkeit erzeugt wird. Literatur muss Fragen aufwerfen, finde ich.

Vernetzung hilft

Was würden Sie künftigen Autorinnen und Autoren weitergeben wollen?

Die Ausgangssituationen sind unterschiedlich und ich habe keine Konzepte zu bieten, die Erfolg garantieren. Nur ein paar Sachen für den Einstieg: Die Mitarbeit an Anthologien, die Vernetzung, das hilft schon … auch dagegen, aufgeben zu wollen. Kontakt zum Lesepublikum ist gut. Für mich allerdings möglichst erst, wenn das Buch fertig ist. Es bedeutet mir ganz viel, zu wissen, dass eine Leserin mein neues Buch beruhigend fand, das hätte ich nicht für möglich gehalten. Eine hat mein Nachwort super-gern gelesen. So etwas wird von Nachworten, glaube ich, nicht so oft gesagt.

Ihr neuestes Buch – ein Gedichtband – befasst sich mit dem Thema Corona. Warum haben Sie dieses Thema aufgegriffen?

Meinen Verleger Klaus Farin und mich hat das Thema bedrängt. Alle sind damit konfrontiert. Anfänglicher Hochmut ob eigenen Wissens und Verhaltens verpufft. Im Großen und im Kleinen. Da kommt ja Politik in all ihren Varianten ins Spiel. Es ist doch auch interessant, wie nationaler Hochmut plötzlich verpufft. Wie Menschen in solch belastenden Situationen miteinander umgehen. Liebe ist ein sehr umfassender und vielschichtiger Begriff. Räumliche Isolation ändert das nicht. Im Gegenteil: Es wird sehr viel deutlicher, was wichtig ist.

Würden Sie Anfängerinnen und Anfängern raten, ein hochaktuelles Thema zu bearbeiten oder ist das riskant?

Es muss mich dazu treiben und ich muss etwas zu sagen haben, sonst macht es keinen Sinn. Ein hochaktuelles Thema bringt mich eventuell auf etwas, das schon lange in mir schmort und das kann ich dann daran abhandeln. Also, warum nicht?

Noch eine weitere Frage zu Corona: Was sind aktuell die größten Herausforderungen für Schriftstellerinnen und Schriftsteller? Was hat sich in Zeiten des Lockdowns in der Literaturszene verändert?

Schwierig. Für ganz viele sind die sozialen Probleme gravierend. Lesungen brechen weg. Die Honorare fehlen. Die persönliche Begegnung fehlt. Hingegen habe ich mehrfach gehört, dass man sich stärker auf das Schreiben konzentrieren könne und damit besser vorankomme. Für mich ist es ein Glück, dass ich viele intensive menschliche Kontakte habe. Die Begrenzung bekommt meinem Schreiben nicht schlecht. Wenn ich ohnehin sehr vereinzelt lebe, ist das sicher schwieriger. So hat man ja schließlich Telefon. Telefon-Vorlesen geht sogar stundenweise bei Kindern im Vorschulalter. Selbst erprobt..

Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Wollen Sie Autorin oder Autor werden?
  • Wollen Sie von Ihren Büchern leben?
  • Was treibt Sie an und was ist Ihre Sehnsucht?
  • Wenn Sie selbst schon Autorin oder Autor sind: Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
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Bitte schreiben Sie auch einen Kommentar! Vielen Dank!

Meine Literaturempfehlung:

  • Dorle Gelbhaar: Liebe in Corona-Zeiten. Satzfetzen Gedichte, Hirnkost, Berlin 2020

Meine Linkempfehlungen:

Weitere Interviews der Serie „Sehnsucht Buch“ und Artikel:

(Copyright 2021 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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