Im Beruf die Macht der Gedanken positiv nutzen: Mentale Intelligenz hilft dabei

Wie können Berufstätige die Kraft ihrer Gedanken zielgerichtet nutzen? Wie kann positives Denken Zufriedenheit und Erfolg im Job fördern? Dr. Petra Bernatzeder, Coach und Autorin des Buches „Mentale Intelligenz“, beantwortet diese Fragen im Interview. Sie erklärt die Vorgänge im Gehirn und gibt Tipps für den Arbeitsalltag.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Studierende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter und Sehnsüchtige

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Wie das Gehirn funktioniert.
  • Was unter „mentaler Intelligenz“ zu verstehen ist.
  • Wie die Kraft der Gedanken im Berufsalltag hilft.
  • Literaturempfehlung.
  • Linkempfehlungen.

Was ist mentale Intelligenz und warum brauchen Menschen diese im beruflichen Alltag?

Wir leben in einer Welt, in der sich alles immer schneller dreht, in der Komplexität und Dynamik weiter zunehmen werden. Viele Menschen sind überwältigt von den vielen Möglichkeiten, fühlen sich durcheinandergewirbelt, verlieren die Orientierung, landen im Hamsterrad oder versinken im Dauerstress. Die Folgen für Lebensqualität und Gesundheit sind immens. Aber wir können lernen, wie wir mit äußeren Bedingungen so umgehen, dass wir unser Leben gesund genießen. Mentale Intelligenz bedeutet zu wissen, was sich in unserem Kopf abspielt, zu verstehen, wie wir ticken und wie wir uns gezielt steuern können, und zwar mit der Kraft der Gedanken. Einige Beispiele: Wie wäre es, wenn wir uns in stressigen Situationen ganz einfach und schnell wieder in einen gelassenen Zustand versetzen könnten? Wenn wir uns in schwierigen Situationen auf Erfolg programmieren könnten? Wenn es zu jedem Zeitpunkt gelänge, sich selbst mit frischer Energie und Konzentration zu versorgen, und dies nur mit der Kraft innerer Bilder? Ich möchte mit der Begrifflichkeit „mentale Intelligenz“ dazu einladen, „intelligent“ mit den eigenen mentalen Stärken umzugehen.

Dem Kopfkino nicht hilflos ausgeliefert

Könnten Sie anhand eines Beispiels erklären, worin sich Menschen mit hoher mentaler Intelligenz von Menschen mit geringerer mentaler Intelligenz im Job unterscheiden?

Der wichtigste Punkt ist zu verstehen, dass wir unsere Gedanken im Kopf steuern können, dass wir dem Kopfkino nicht hilflos ausgeliefert sind. Das bedeutet auch, dass wir entscheiden können, was wir zu welchem Zeitpunkt denken. Denn wo wir unsere Aufmerksamkeit hinrichten, fließt die Energie. Wenn wir dieses akzeptieren, ergibt sich von selbst, dass wir uns nicht ständig über Themen aufregen sollten, die wir sowieso nicht ändern können. Dieses „Aufregen“ erhöht nur den persönlichen Stresspegel und führt zu nichts Positivem. Und wir treffen in unserem Umfeld sicher immer wieder Menschen, die vor allem Negatives großziehen. Damit beeinflussen sie auch die Emotion der anderen im Team … und zwar über die Spiegelneuronen, die die Emotionen von anderen ins eigene System transportieren.

Die Funktionsweise des Gehirns verstehen

Was sollten Berufstätige grundsätzlich über ihr Gehirn wissen, damit sie im Beruf mehr Zufriedenheit und Erfolg erleben und besser gegen Probleme gewappnet sind?

Ein Grundprinzip lautet Neuroplastizität und es besagt, dass unser Gehirn bis ins hohe Alter Neues lernen und sich umformen kann. Wie ein Traktor, der bei Regen über eine Wiese fährt, kann er die alte Spur vertiefen oder eine neue legen. Das Gehirn arbeitet komplett abgeschottet, wie in einer Dunkelkammer, in der ihm fünf Wahrnehmungskanäle zur Verfügung stehen, die für unser Kopfkino verantwortlich sind. Gleichzeitig hat es auch etwas von einem Elektrobaukasten, denn ohne bioelektrische Impulse passiert gar nichts. Und ohne darauf aufbauende chemische Verbindungen gibt es keine Vernetzungen. Außerdem ist es ein starker Prozessor: Wahrnehmungen werden bewertet und daraus leiten sich komplexe Stoffwechselprozesse, Gedanken und Gefühle ab.

Die Art, wie wir Gedanken in Worten ausdrücken, bewirkt die Qualität der Bilder in unserem Kopf – bei uns selbst und unserem Gesprächspartner. Wir sollten uns auch immer wieder bewusst machen, dass unser Gehirn eine Schatzkammer an Erfahrungen ist, die wir als Kraftspender oder -räuber nutzen können. Und es braucht Pausen, um den Arbeitsspeicher wieder zu leeren und dann mit frischer Energie weiter aktiv sein zu können. Außerdem liebt unser Gehirn Schokolade, es sucht ständig nach Belohnungen, wussten Sie das?

Unser Gehirn hat auch ein „Häkchen-Zentrum“. Wenn wir Handwerker wären, beispielsweise Dachdecker, würden wir abends sehen, was wir am Tag geschafft haben. Kopfarbeiter, die nichts Sichtbares mit den Händen schaffen, brauchen ein Ritual, um ihre offenen To-Do-Listen im Gehirn abzuhaken. Beispielsweise das handschriftliche Notieren von Aufgaben, die man dann mit einem „Erledigt-Häkchen“ versehen kann. Selbst wenn man nur wenig von dem erledigt hat, was man sich vorgenommen hatte, ist es wichtig, die anderen Dinge zu würdigen, die man gemacht hat, ohne sie geplant zu haben. Damit kurbeln sie den Stoffwechsel an, der für Entspannung und ruhigen Schlaf verantwortlich ist.

Selbst-Wirksamkeit als Quelle des Selbstvertrauens

Es gibt im Joballtag viele verschiedene Situationen, in denen Menschen ihre mentale Intelligenz hilft. Deshalb möchte ich jetzt mit Ihnen unterschiedliche Szenarien durchgehen: Vielen Menschen fehlt es zum Beispiel im Joballtag an Selbstvertrauen. Sie glauben, dass sie ihre beruflichen Wunschziele nicht erreichen können. Wie stärken diese Menschen ihr Selbstvertrauen?

Selbstvertrauen wird aus vielen Quellen gespeist. In manchen akuten Stresssituationen ist es extrem hilfreich, sich selbst zu ermutigen. Die wichtigste Quelle von Selbstvertrauen ist das Gefühl der Selbst-Wirksamkeit. Das entsteht dann, wenn ich etwas tatsächlich mache, was mir wichtig ist. Viele Menschen haben das Glück, in ihrer Kindheit ein – nennen wir es – „Polster“ an Erfahrungen ihrer Selbstwirksamkeit anzulegen. Positive Erfahrungen, in denen Kinder mutig sind, sich etwas zutrauen, etwas geschafft haben, zahlen auf dieses Konto ein. Ein Beispiel für eine solche Erfahrung könnte sein: „Ich weiß noch, wie ich damals zum ersten Mal vom Fünf-Meter-Brett ins Wasser gesprungen bin und alle zugesehen haben. Ich habe mich großartig gefühlt.” Je mehr Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten entsteht, desto positiver wirkt sich dieses Zutrauen auch auf andere, schwierigere Themen aus.

Diese positiven Erfahrungen können Sie in Ihre Bildergalerie aufnehmen und nutzen, um in anderen, ähnlichen Situationen eine passende Referenz zu haben. So können Sie sich vielleicht an eine Situation erinnern, in der Sie – mit viel Lampenfieber – das erste Mal ein Referat gehalten haben. Dieses Bild können Sie nutzen, wenn Sie ein Referenzbild für den Umgang mit Lampenfieber brauchen oder wenn es um eine Präsentation geht. Sie können es auch auf andere Situationen übertragen, in denen es um andere soziale Kontakte geht. Damit stärken sie Schritt für Schritt ihr Selbstvertrauen.

Die Perspektive wechseln

Viele Berufstätige grübeln ständig. Ihnen kommen immer wieder negative Gedanken. Sie ärgern sich zum Beispiel dauernd über Vorgesetzte. Wie können sie ihre Gedanken positiv beeinflussen?

Es gibt Techniken des Perspektivwechsels, die uns helfen, die Wirkung, die eine bestimmte Wahrnehmung auf uns ausübt, zu verändern. Zum Beispiel, indem wir Antworten auf die Frage formulieren: „Was ist die positive Absicht der Führungskraft für sich selbst, wenn er mich mit Micro Management – also mit übertriebener Detailorientierung – quält?“ Anfangs ist es nicht leicht, sich auf diese Hypothesenfindung einzulassen. Der Ärger kocht hoch, wenn man nur an diesen Chef denkt. Aber mit wiederholten, auch zirkulären Fragen gelingt es, folgende Hypothesen zu reflektieren: Die Kontrolle von Vorlagen im Detail entspringt seinem besonderen Bedürfnis nach Sicherheit, Risikovermeidung und Perfektion. Er steht unter massivem Druck seines Chefs. Er kommt mit der Spontaneität nicht zurecht, sie macht ihm Angst.

Wenn es gelingt, mit diesen gedanklichen Bildern schließlich beim Ergebnis „armer Kerl“ zu landen, macht sich Entspannung breit. Mitleid und Stressreaktion schließen sich aus. Damit lässt sich eine Basis schaffen, um gelassen und gut vorbereitet mit dem Chef ein Gespräch zu führen, in dem man diesen Konflikt klären will.

Love it, leave it or change it

Unter den grübelnden Menschen finden sich auch viele, die sich ständig über die verschiedensten Ereignisse im Job aufregen. Wie werden sie gelassen(er)?

Sie können nach dem Prinzip „love it, „leave it“ oder „change it“ vorgehen. „Love it“ bedeutet: Energiespender genießen, Unveränderliches akzeptieren. „Leave it“ meint: die Situationen verlassen, vielleicht nur mental. „Change it“ bedeutet: volle Kraft und Konzentration auf die Herausforderungen, die Sie ändern können. Es hilft, ganz konkrete Energiespender und Energieräuber zu notieren. Das können Energiespender wie etwa die vertrauensvolle Zusammenarbeit im Team oder Energieräuber wie unklare Prozesse sein. Dann frage ich mich: Kann ich etwas an den unklaren Prozessen verändern? Wenn ja, mache ich mich auf den Weg. Wenn nein: Kann ich das Thema sein lassen? Wenn der Ärger über die unklaren Prozesse wieder in negativen Gedanken auftaucht, stecke ich diese in eine Schublade, mache sie zu und konzentriere mich auf anderes wie etwa Energiespender.

Andere Beschäftigte und Selbstständige leiden unter Aufschieberitis. Was hilft gegen Prokrastination, gegen das ewige Aufschieben?

Zunächst hilft die Antwort auf die Frage: Wann und bei welchen Themen bin ich im Flow? Eine solche Referenz-Situation aus der Schatzkammer unserer Erfahrungen gibt uns einen besonderen Fokus. Flow entsteht immer dann, wenn wir ein klares Bild vor Augen haben zur Frage: „Was ist anders, wenn ich damit fertig bin?“ Beispiel: Wenn der Projektbericht fertig geschrieben ist, dann fühle ich mich erleichtert und frei. Ich mache ein dickes Häkchen auf meiner To-Do-Liste und gönne mir einen Cappuccino. Mit diesen Bildern verstärken wir die Dopamin-Dosis … das Hormon, das uns hilft, Ziele zu erreichen. Wir erhöhen den Endorphin-Spiegel, der uns unterstützt, Nebensächliches zu vergessen. Über das Serotonin, den Botenstoff für „geschafft, super!“ belohnen wir uns und stärken unsere Selbstwirksamkeit.

Die Qualität von Zielen

Außerdem gibt es Berufstätige, die sich leicht von ihren Zielen abbringen lassen. Wie kann in diesem Fall mentale Intelligenz dabei helfen, sich nicht mehr so leicht entmutigen zu lassen?

Die Qualität von Zielen ist der Dreh-und Angelpunkt für Erfolg oder Misserfolg. Damit sie wirksam werden, brauchen sie eine emotionale Komponente. Beispielsweise wenn jemand sich scheut, das Gespräch mit dem Chef zu führen, um eine angemessene Gehaltserhöhung zu erwirken. Auch hier ist die Frage: „Was ist anders, wenn ich das gewünschte Gehalt bekomme?“ „Ich kann zum Beispiel mir eine Urlaubsreise leisten, entspannt meinen Kontoauszug ansehen und ruhiger schlafen.“ Dann kommt der Blick in die Schatzkammer: „In welchem ähnlich wichtigen Gespräch war ich richtig erfolgreich? Was sehe ich vor meinem geistigen Auge?“ Wenn wir in diese Situation eintauchen, fokussieren wir unseren Stoffwechsel und unsere Ausstrahlung auf den erfolgreichen Abschluss des Gesprächs.

Gerade bei Problemen am Arbeitsplatz fühlen sich Menschen häufig missverstanden, missachtet oder sogar schutzlos. Wie sollten sie sich verhalten, damit sie diese Gefühle nicht weiter belasten?

Das ist ein großes Thema mit vielen Ansatzpunkten. Wenn das Gefühl der Hilflosigkeit ein momentanes ist, könnte das Gespräch mit einer Kolleg*in des Vertrauens helfen. Das Gefühl, mit seinen Sorgen angenommen und verstanden zu werden, erhöht den Oxytocin-Spiegel … das Kuschelhormon, das Adrenalin senkt und Herzkranzgefäße weitet.

Wenn das Gefühl der Hilflosigkeit groß und global ist, hilft das Gespräch mit einem professionellen Berater oder Coach. Viele Unternehmen bieten inzwischen barrierefreien Zugang zu solchen Experten an.

Etliche Berufstätige schöpfen ihre Potenziale nicht aus, stattdessen blockieren sie sich selbst – zum Beispiel mit Selbstsabotage. Was können diese Menschen tun? Wie fördern sie ihre Kreativität und steigern ihre Leistungsfähigkeit?

Wir wissen, dass Milliarden von Nervenzellen in unserem Gehirn über bioelektrische Impulse kommunizieren. Bestimmte Frequenzen in unserem Gehirn sind bestimmten Zuständen zugeordnet. Um die Gehirnwellen in den Alpha-Modus zu versetzen, der für mehr Konzentration und Kreativität sorgt, ist auch die Verschaltung beider Gehirnhälften wichtig. Das kann über akustische Signale erfolgen, zum Beispiel mit über Kopfhörer abwechselnd links und rechts wahrgenommenen Tönen, die von einer angenehmen Musik untermalt sind. Mit diesen Tönen erfolgt auch ein Impuls für leichte Augenbewegungen nach rechts und links. Schnelle Augenbewegungen tragen in der REM-Schlafphase dazu bei, die emotionalen Erfahrungen des Tages im Gehirn zu verarbeiten. Dieses Wissen um die heilsame Wirkung von Augenbewegungen wird seit den 1990er-Jahren in der Therapie posttraumatischer Belastungen mit EMDR erfolgreich eingesetzt. Das Prinzip der Augenbewegungen wird auch im wingwave®-Coaching aufgegriffen und für den Aufbau von innerer Balance und verbesserter Kreativität genutzt. Wenn Sie also etwas Frisches, Wohliges, Positives spüren oder vor Ihrem geistigen Auge wahrnehmen, können Sie den Effekt vertiefen, in dem Sie Ihre Augen ganz leicht und langsam über Ihr ganzes Gesichtsfeld führen, also nach oben, rechts, unten, links. Diese Augenübung können Sie auch einsetzen, wenn besondere Kreativität gefragt ist. Die eigens entwickelte Art von EMDR- oder Wingwave®-Musik wird inzwischen in einigen Unternehmen beispielsweise in Entwicklungslabors zum Aufbau von Kreativität eingesetzt.

Wenn Sie das Gefühl haben, Ihr Arbeitsspeicher im Gehirn ist zu voll, es passt nichts mehr hinein, dann können Sie auch über diese spezielle musikalische Stimulation Ihres Gehirns die „Reset-Taste” drücken und Ihr System wieder neu aufzusetzen.

Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Haben Sie bereits vorher von der mentalen Intelligenz gehört oder gelesen?
  • Nutzen Sie – wie oben beschrieben – die Macht der positiven Gedanken?
  • Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel? Ist er hilfreich? Dann würde ich mich über einen Like auf meiner Facebookseite freuen!

Bitte schreiben Sie auch einen Kommentar! Vielen Dank!

Meine Literaturempfehlung:

Petra Bernatzeder: Mentale Intelligenz. Wie Sie die Kraft Ihrer Gedanken zielgerichtet nutzen, Wiley VCH, Weinheim 2021

Meine Linkempfehlungen:

 

(Artikel veröffentlicht November 2021)

(Copyright 2021 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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