Sinn im Beruf finden: Freude und Glück im Job aufspüren

„Keinen Sinn im Beruf“: Das empfinden viele Menschen. Sie haben bereits die innere Kündigung abgeschickt, gehen aber noch täglich zur Arbeit. Die Sehnsucht nach Sinn und Werten ist groß, bleibt aber oft im Joballtag auf der Strecke. Dieses Interview mit dem Professor für Wirtschaftspsychologie der International School of Management in Dortmund Prof. Dr. Nico Rose und Dr. Bernd Slaghuis geht dem Thema auf den Grund. Die beiden Autoren des Buchs „Besser arbeiten“ geben dabei wertvolle Tipps für sinnerfülltes Arbeiten.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Sehnsüchtige, Berufserfahrene, Berufseinsteiger und Neustarter.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Warum Menschen ihren Beruf als sinnlos erleben.
  • Was im Arbeitsalltag Sinn macht.
  • Welche Tipps Berufstätigen helfen, Sinn zu finden.
  • Literaturempfehlung.
  • Linkempfehlungen.

Über Sinn im Beruf wird viel diskutiert. Auch Sie schreiben in Ihrem Buch davon. Aber wann macht ein Beruf für einen bestimmten Menschen Sinn?

Nico Rose: Der Sinn speist sich einerseits aus den positiven Konsequenzen der Arbeit. Die Tatsache, dass man durch die Arbeit seinen Lebensunterhalt sichern kann, stiftet zum Beispiel Sinn. Noch wichtiger sind aber die Aufgaben selbst – und der Rahmen, in dem diese erbracht werden. Erstens hilft es, wenn wir den Impact unserer Arbeit spüren: Wie hilft meine Leistung anderen Menschen in der Organisation? Was ist mein Beitrag für unsere Kunden? Zweitens ziehen wir Sinn aus gelingenden Beziehungen. Je mehr wir unsere Kollegen mögen, umso mehr Sinn macht das Gefüge für uns. Zudem geht es um Beziehungen höherer Ordnung, vor allem: Sind meine persönlichen Wertvorstellungen mit jenen meines Arbeitgebers in Deckung? Drittens geht es um Selbstwerdung. Wenn wir das Gefühl haben, uns selbst in seinen Aufgaben näherzukommen, dann ist das ein wichtiger Sinntreiber. Das passiert u.a., wenn wir viel Zeit mit Tätigkeiten verbringen dürfen, die den Einsatz unserer ureigenen Stärken erfordern. Schließlich geht es auch um Autonomie: Je mehr wir bewegen können, je mehr wir das Gefühl haben, trotz des Eingebundenseins in Strukturen und Hierarchien „Autor unserer eigenen Geschichte“ zu sein, desto mehr Sinn empfinden wir.

Sinn wichtiger als Status und Geld

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage in der Berufswelt ein? Fehlt es vielen Menschen an Sinn?

Bernd Slaghuis: Ja, der Sinn im Beruf löst immer stärker Werte wie Erfolg, Status und Geld ab. Viele haben für sich und in ihren Jobs in den letzten Jahren erkannt, dass wichtig klingende Titel, ein übervolles Bankkonto oder der Erfolg eines Projektes ohne Sinn und Freude wenig wert sind. Mit Zunahme dieses Bewusstseins für den Wunsch nach stärkerem Sinnerleben im Beruf ergibt sich die Konsequenz, dass viele Arbeitnehmer auch dessen Mangel härter spüren. Hinzu kommt eine andere Entwicklung, die ich im Arbeitsmarkt beobachte: Unsere Arbeitsleistung wird mit zunehmender Automatisierung und Digitalisierung immer komplexer und für den Einzelnen als Spezialisten in einem Fachgebiet immer kleinteiliger. Einige meiner Klienten beklagen einen zu hohen Routine-Anteil – auch unter den Führungskräften, sie langweilen sich in ihren Jobs und sehnen sich nach herausfordernd Neuem. Der Blick für und die Mitarbeit am großen Ganzen ist immer schwerer möglich, was unmittelbar auch den Wert „Sinn“ als erlebbares Gefühl, elementarer Teil von etwas Größerem zu sein, in Gefahr bringt oder sogar verletzt.

Auswirkungen der Corona-Krise auf die Sinn-Frage

Hat die Coronakrise bei manchen Berufstätigen dazu geführt, die Sinnfrage neu oder anders zu stellen? Was sind Ihre Erfahrungen?

Bernd Slaghuis: Die Corona-Krise hat bei vielen von uns massiv am eigenen Wertegerüst gerüttelt. Sowohl die Pandemie selbst und ihre Auswirkungen auf unser Leben, die wir uns Anfang 2020 nicht im Traum hätten vorstellen können, als auch die lange Zeit der Isolation und Distanz im Homeoffice zum Job haben viele Menschen ins Reflektieren gebracht. Uns allen ist nochmal bewusster geworden, was für uns als Einzelnen sowie auch in unserem Lebens- und Arbeitsumfeld wirklich wichtig ist, um gesund und glücklich zu sein. Seit Mitte April erhalte ich so viele Anfrage für Coachings zur beruflichen Neuorientierung wie nie zuvor in meiner fast 10-jährigen Selbständigkeit – und der fehlende Sinn spielt als Veränderungsmotivation häufig die zentrale Rolle.

Etwas zum Positiven verändern

Viele Berufstätige erleben in ihrem Job Unzufriedenheit und Sinnlosigkeit. Was würden Sie diesen Menschen raten? Aushalten oder ändern?

Bernd Slaghuis: Eine ungesunde Situation über einen langen Zeitraum auszuhalten – und dies ist der Fall, wenn unsere wichtigsten persönlichen Werte im Beruf nachhaltig nicht erfüllt sind- kann kein guter Ratschlag sein. Aushalten bedeutet Schmerz ertragen, wegzuschauen, die Dinge schön zu reden oder sich selbst zum Opfer der Umstände zu erklären. Das kann auf Dauer nicht gut gehen und raubt uns zudem Energie für positive Veränderungen. Insofern kann die Alternative nur lauten, etwas zu verändern. Dies muss jedoch nicht sofort die Kündigung des Jobs sein – was für die meisten Angestellten auf hohem Frustrationsniveau auf den ersten Blick oft als einzig mögliche Lösung in den Sinn kommt. Vielleicht ist es das Gespräch mit der/dem Chef/in über einen veränderten Arbeitsbereich oder mit HR (Personalabteilung, Anmerkung von Anja Schreiber)) über Veränderungsmöglichkeiten innerhalb des Unternehmens. Vielleicht ist es die eigene Initiative, sich in spannende Projekte einzubringen. Und manchmal hilft bereits der täglich neue Fokus auf das, was auch gut läuft und positiv auf Sinnempfinden und Freude im Beruf einzahlt. Ich erlebe oft Angestellte, die ihre Möglichkeiten der Veränderung innerhalb einer Organisation massiv unterschätzen. Ja, und falls die Erkenntnis reift, dass es beim aktuellen Arbeitgeber wortwörtlich keinen Sinn mehr macht, dann ist die Zeit reif, einen Plan für den nächsten sinnvollen Schritt im Beruf zu entwickeln.

Auf die Tätigkeiten kommt es an

Wie sollten Menschen bei ihrer Sinnsuche vorgehen?

Nico Rose: Ich würde vor allem auf die Arbeitsaufgaben selbst schauen: Welche Tätigkeiten machen mir Freude? In welchen Aufgaben kommen meine Stärken voll zur Geltung? Wann habe ich das Gefühl, mir durch die Arbeit in meinem Wesen näherzukommen? Unter welchen Umständen empfinde ich mich – trotz Regeln, Strukturen, Hierarchien – als Autor meiner eigenen Geschichte. Dort „lauert“ auch der Sinn.

Viele schrecken vor Veränderungen zurück, gerade wenn der aktuelle Job Sicherheit und ein gutes Einkommen bietet. Was würden Sie Menschen raten, die Sie fragen, ob diese beiden Gründe ausreichen, um einen „sinn-losen“ Job auf Dauer zu ertragen?

Bernd Slaghuis: Wem Sicherheit und Geld wichtig sind, dem würde ich raten, dort zu bleiben. Wem andere Aspekte in einem Job wichtig sind, der sollte neugierig danach Ausschau halten, wo genau jene stärker erfüllt sind. Mit jeder Veränderung geben wir Altes für Neues auf und Veränderung bedeutet immer auch Entscheidungen treffen: Für mehr Freude, Sinn und Erfüllung im Job und in diesem Fall womöglich gegen das bisher hohe Gehalt oder die vermeintliche Sicherheit. Und wer sich entscheidet, Sinnloses zu ertragen, dem würde ich sagen, dass sie oder er dann nicht darüber jammern darf. Auch dies kann eine bewusste Entscheidung sein – wenn es aus meiner Erfahrung auch nur für begrenzte Dauer gesund ist.

Sinn und Freude sind eng verwandt

Wie ist das Verhältnis zwischen Sinn und Freude? In welchem Zusammenhang stehen Orientierungslosigkeit, Freudlosigkeit und Unzufriedenheit zueinander?

Nico Rose: In empirischen Untersuchungen zeigt sich, dass die Konzepte Sinn und Freude sehr eng verwandt sind. Ergo: Was Sinn macht, bereitet verlässlich Freude – und umgekehrt. Orientierungslosigkeit kann Unzufriedenheit und Freudlosigkeit Vorschub leisten. Orientierungslosigkeit mündet auf lange Sicht in Hilflosigkeit. Damit kann kaum ein Mensch gut umgehen.

Proaktivität hilft

Welches Mindset hilft Berufstätigen, Sinn zu finden und welches Mindset zerstört Sinn? Können Sie konkrete Beispiele jeweils für solch eine konstruktive oder destruktive Geisteshaltung nennen?

Nico Rose: Grundsätzlich hilft ein gerüttelt´ Maß an Proaktivität in Bezug auf die Organisation und auch die eigene Rolle. Wir kennen z.B. ein Phänomen, das im Englischen „Job Crafting“ genannt wird. In diesem Rahmen werden Menschen ein Stück weit zum Gestalter der eigenen Rolle, manchmal mit Zustimmung des Vorgesetzten, oft aber auch ohne. In einer Art kontinuierlichem Verbesserungsprozess versuchen sie, ihr Aufgabenportfolio zu entwickeln, übernehmen freiwillig neue Aufgaben, versuchen aber auch, Themen loszuwerden. Sie gestalten bewusst auch das Netzwerk der Beziehungen, pflegen „energiespendende Kontakte“ und fahren andere Kontakte herunter. Schließlich konstruieren sie ihre Aufgaben auf einem höheren Abstraktionsniveau. Stichwort: Schichte ich Steine aufeinander – oder baue ich an einer Kathedrale?
Für Sinnlosigkeit gilt im Grunde das Gegenteil: Passivität, Teilnahmslosigkeit, stumpfes Abarbeiten von Aufgaben: Das alles ist langfristig nicht sehr sinnstiftend.

Neugier auf Veränderung

Was können Menschen tun, um ihre destruktive Geisteshaltung zu ändern? Könnten Sie meinen Leserinnen und Lesern ein paar Tipps geben?

Bernd Slaghuis: Voraussetzung für eine positive Veränderung ist das eigene Interesse und die Neugierde auf Veränderung, etwas Neues, Besseres. Es ist exakt der Unterschied, ob jemand täglich ein rotes Büchlein mit allen Verfehlungen von Chefs und Kollegen füllt, sich darüber aufregt und abends erschöpft ist – oder ob jemand sich der belastenden Umstände im Job bewusst ist, das Heft des Handelns selbst in die Hand nimmt und versucht, womöglich auch nur Kleinigkeiten in eine bessere Richtung zu verändern. Und wer innerlich gekündigt endgültig mit seinem Arbeitgeber abgeschlossen hat, der sollte seine Energie besser dafür verwenden, für sich Freiräume zu schaffen und mit Blick in die Zukunft nach neuen Möglichkeiten Ausschau zu halten.

Und noch zwei persönliche Fragen an Sie beide: Was gibt Ihrer Berufstätigkeit Sinn? Wo erleben Sie Freude?

Nico Rose: Das sind ganz unterschiedliche Momente, die sich aus unterschiedlichen Tätigkeiten speisen. Als Professor sind das z.B. jene Augenblicke, wenn ein Student eine wirklich tolle Abschlussarbeit abliefert. Als Coach ist es wahnsinnig schön, wenn sich ein Klient nach einer gewissen Zeit wieder meldet und berichtet, dass er nach dem Coaching eine Entscheidung getroffen hat, die ihn an einen „besseren Ort“ gebracht hat. Als Speaker freue ich mich, wenn Menschen mir mitteilen, dass meine Worte etwas bewegt haben, sie darüber etwas Neues ausprobieren wollen. In Summe: Ich empfinde Sinn, wenn meine Arbeit einen Unterschied macht, der einen Unterschied macht.

Bernd Slaghuis: Für mich hat der Wert Sinn zwei Dimensionen: Ich empfinde Sinn darin, mit Klienten im Einzel-Coaching intensiv und sehr individuell persönlich an ihrer beruflichen Zukunft zu arbeiten. Den Menschen mir gegenüber kennenzulernen und ihn bei einem wichtigen Schritt in seinem Leben begleiten zu dürfen. Es ist nicht die Rückmeldung „Durch Sie habe ich meinen Traumjob gefunden“. Es ist vielmehr das Gefühl, unmittelbar während und nach einer Sitzung eine Veränderung im Denken und der Haltung bei meinen Klienten erkennen zu können. Sinn empfinde ich auch, wenn ich ihre Neugierde und echte Lust auf Neues wiederbeleben konnte. Die zweite Sinn-Dimension hat auch etwas mit Einfluss zu tun. Ich mag das Wort Influencer nicht sonderlich, doch es erfüllt mich, wenn meine Artikel viele Leser erreichen und ich mit meinen Impulsen in der Breite etwas verändere. Daher auch vielen Dank Ihnen, liebe Anja Schreiber, dass Sie einen Teil dazu beitragen. :-)

Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Wann erleben Sie Sinn im Beruf und wann nicht?
  • Sind Sie auf der Suche nach mehr Sinn? Und wenn ja, warum ist das so?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen in Sachen Sinnsuche geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel? Ist er hilfreich? Dann würde ich mich über einen Like auf meiner Facebookseite freuen!

Bitte schreiben Sie auch einen Kommentar! Vielen Dank!

Meine Literaturempfehlung:

  • Bernd Slaghuis, Nico Rose: Besser arbeiten. 66 Impulse für eine menschlichere Arbeitswelt und mehr Freude im Beruf, Haufe, Freiburg 2020

Meine Linkempfehlungen:

(Interview veröffentlicht September 2020)

(Copyright 2020 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.