Scham im Beruf: Wie Sie das toxische Schamgefühl überwinden

Blamiert bis auf die Knochen: Dieses Gefühl kennen viele Berufstätige. Sie schämen sich in Grund und Boden, wenn der Chef ihre Intelligenz vor allen Kollegen infrage stellt. Scham kann verheerende Folgen für das Selbstbewusstsein und die Leistungsfähigkeit haben. Hilfreich ist es, sich dem Gefühl bewusst zu stellen und nicht zu verdrängen.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter und Sehnsüchtige

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Wie Scham entsteht.
  • Welche Folgen Schamgefühle haben.
  • Wie Sie Scham überwinden können.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlungen.

Die 38-jährige Texterin Nadja Bernd-Schneiderhain (Name von der Redaktion geändert) kennt das Problem Scham: „„In einem meiner Jobs machte mich meine Vorgesetzte im Großraumbüro wiederholt fertig, wenn ich in einem Werbetext Rechtschreibfehler übersehen hatte. Da habe ich tiefe Scham empfunden.“ In solchen Situationen hatte sie das Gefühl, dass alle im Raum sie beobachteten, aber keiner für sie Partei ergriff. „Gleichzeitig wusste ich: Wenn andere Flüchtigkeitsfehler machten, war dies kein Drama.“

Manchmal reichten auch Blicke, damit Bernd-Schneiderhain das brennende Gefühl von Scham empfand. Gerade in Meetings hat sie das oft erlebt. „Wenn ich eine Idee vortrug, wurde diese stillschweigend übergangen. Dann aber kam ein Kollege und hat mit anderen Worten das Gleiche vorgeschlagen und alle waren begeistert.“ In solchen Momenten fühlte sich die Texterin entwertet … nicht nur als Arbeitskraft, sondern als ganze Person.

Oft entstand durch die Beschämung ein Teufelskreis. „Ich wollte es meiner Chefin und den Kollegen beweisen und etwas besonders gut machen. Dadurch wurde ich aber nervös und machte erst recht Fehler.“ Das wiederum führte zu weiterer Kritik. „Meine Selbstzweifel wuchsen rasant. Es war wie eine selbsterfüllende Prophezeiung.“

Scham und ihre körperlichen Konsequenzen

Die Scham hatte bei Bernd-Schneiderhain auch körperliche Konsequenzen. „Wenn das wöchentliche Meeting anstand, konnte ich die Nacht vorher nicht schlafen. Ich reagierte regelmäßig mit Durchfall und Magenkrämpfen auf die für mich unerträgliche Situation.“ Außerdem fühlte sie sich allein gelassen. „Ich hatte immer den Eindruck, dass ich ein Einzelfall war und alle anderen mit meiner Chefin kein Problem hatten.“ Doch eine Kollegin offenbarte ihr: „Das macht die bei jedem Neuen so.“ Das war für die Texterin aber nur ein schwacher Trost. Schließlich kündigte sie. Aber bis heute spürt sie Nachwirkungen. Noch immer bekommt sie bei jeder Mail eines Vorgesetzten Bauchgrimmen, weil ihre damalige Chefin sie tagtäglich mit Mails voller Befehle und Zurechtweisungen regelrecht bombardiert hat.

Scham als Warnsignal

„Das Gefühl der Scham ist ein Wächter. Es zeigt, dass jemand persönliche Grenzen überschritten hat“, betont Prof. Dr. med. Günter H. Seidler, Psychiater und Psychotraumatologe aus Heidelberg. Bis zu seiner Pensionierung lehrte er an der Universität Heidelberg. Scham sei also kein krankhaftes Gefühl, sondern eine natürliche gesunde Reaktion. Sie sei vergleichbar mit dem körperlichen Schmerz, der ebenfalls ein Warnsignal ist.

Der Berliner Pädagoge und Buchautor zum Thema Scham Dr. Udo Bär betont: „Wer sich schämt, hat das Gefühl, ’falsch zu sein‘.“ In solchen Momenten der Scham komme es zu einer Selbstentwertung. „Wir Menschen brauchen aber Würde.“ Doch gerade bei beschämenden Situationen im Beruf erlebten Mitarbeiter das Gegenteil. Oft liegt die Abwertung schon im Verhalten. Wenn Blicke ins Leere gehen und Vorgesetzte und Kollegen jemanden im Meeting ignorieren, löst das Scham aus.

Persönliche Kritik in der Öffenlichkeit: Der totale Horror

„Scham entsteht dann, wenn Vorgesetzte einen Mitarbeiter zur Sache machen und er so zum Objekt wird, zum Beispiel indem sie ihn durch Kritik in Grund und Boden stampfen“, erklärt Seidler. So werde er quasi als Mensch vernichtet. Denn die Missbilligung ziele nicht auf einzelne Handlungen, sondern auf die ganze Person. „Auch Marginalisierung führt zur Scham, also wenn jemand nicht dazugehört und nicht sozial akzeptiert ist“, berichtet Seidler.

Der Psychiater weiß, dass die Beschämung in aller Öffentlichkeit – zum Beispiel im Meeting oder im Großraumbüro – das Gefühl noch multipliziert. „Persönliche Kritik in der Teamsitzung ist für viele der totale Horror“, so Seidler. Sie wirke wie die Prangerstrafe im Mittelalter, bei der der Verurteilte der öffentlichen Verachtung preisgegeben wurde.

Beschämung wahrnehmen

Der Weg aus der Beschämung geht über die Wahrnehmung. Baer warnt davor, die Scham zu überspielen. „Der Betroffene sollte das Gefühl registrieren und dann mit vertrauten Menschen darüber reden.“ In solchen Fällen sei geteiltes Leid halbes Leid. Denn der Beschämte brauche Verbündete.

Seidler empfiehlt Betroffenen, die Grenzen zu ziehen, die das Gegenüber durch sein unverschämtes Verhalten überschritten hat. „Sie sollten Formulierungen benutzen wie zum Beispiel ‚Bitte hören Sie auf‘ oder ’Bitte nehmen Sie das zurück‘.“ Wichtig sei es, gerade in einer beschämenden Situation Position zu halten, ergänzt der Psychoanalytiker, der auch als Coach arbeitet.

Nicht verstummen und den eigenen Wert kennen

„Wenn jemand einen anderen Menschen beschämt, will dieser ihn klein machen. Scham führt zum Verstummen“, betont Baer. Deshalb rät er Betroffenen, eben nicht zu verstummen. „Haben Sie Mut und machen Sie im Meeting den Mund auf.“

Die beste Vorbeugung gegen Beschämung sieht Seidler in einem guten Selbstwertgefühl. „Warum sollten Menschen ihren Selbstwert von anderen abhängig machen?“, fragt er. Wer seine eigenen Stärken und Schwächen kenne, der brauche auch die scheelen Blicke anderer nicht zu fürchten. „Im Alltag wird es immer Situationen geben, in denen nicht alle nett zu einem sind“, so der Psychiater. Wer dann seinen eigenen Wert kenne und nicht auf die Wertschätzung anderer angewiesen sei, könne leichter mit schwierigen Umständen umgehen. „Erlebt jemand immer wieder solche beschämenden Momente, dann sollte dieser sich fragen, ob er ein ’eingebautes Programm des Scheiterns‘ habe“, so Seidler. Meist sei das eine Hypothek aus der Kindheit. In so einem Fall ist es sinnvoll, das Problem therapeutisch aufzuarbeiten.

Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Kennen Sie das Gefühl von Scham im beruflichen Kontext?
  • Wann und warum entsteht bei Ihnen dieses Gefühl?
  • Wie gehen Sie damit um?
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Meine Literaturempfehlungen:

  • Udo Baer, Gabriele Frick-Baer: Vom Schämen und Beschämtwerden, Beltz, Weinheim Basel 2018, E-Book: 11,99 Euro, broschiert: 14,95 Euro
  • Günther H. Seidler: Der Blick des Anderen: Eine Analyse der Scham Taschenbuch, Klett-Cotta, Stuttgart 2015, 45,00 Euro

(Hauptartikel veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung, Juni 2019)

(Copyright 2019 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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