Angst vor Gesprächen überwinden: Wie Sie Besprechungen im Beruf meistern

Magengrummeln, weil ein Gespräch mit dem Chef vor der Tür steht? Viele Berufstätige haben im Berufsalltag Angst vor direkter Kommunikation. Auch auf die Begegnung mit Fremden reagieren manche besorgt und grüblerisch. In diesem Interview mit Dr. Sylvia Löhken und Tom Peters  – den Autoren des Buches „Begegnung im Gespräch“ – erfahren Sie, warum Gespräche desweilen Angst machen und was sich dagegen machen lässt.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Studierende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter und Sehnsüchtige

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Wie Angst vor Gesprächen im Job entsteht.
  • Wie Sie Ihre Angst vor direkter Kommunikation bewältigen.
  • Wie Sie Besprechungen vor- und nachbereiten können.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

Viele Berufstätige haben Angst vor Gesprächen mit dem Chef: Was sind die häufigsten Gründe für diese Angst?

Sylvia Löhken: Die Angst ist wahrscheinlich dann eher größer, wenn wir nicht sehr oft mit dem Chef reden. Dann ist dieses Gespräch, das vor uns liegt, eine Ausnahmesituation. Wer sich regelmäßig mit seinen Vorgesetzten unterhält, hat wohl eher wenig Angst. Es ist ganz normal, dass wir Angst haben, wenn wir etwas Ungewohntes tun sollen. Das Angstzentrum in unserem Gehirn will uns schützen, und in neuen Situationen schlägt es leicht Alarm.

Tom Peters: Das ist auch persönlichkeitsabhängig: Manche Menschen brauchen mehr Sicherheit und haben deswegen auch eher Angst.Wenn dann noch etwas hinzukommt: Die Angestellte will etwas, etwa eine Gehaltserhöhung. Oder sie erwartet Kritik vom Chef, weil er sie zu sich bestellt hat: Dann geht das Kopfkino an…

Die Angst vor dem Ungewohnten

Auch vor Gesprächen mit unbekannten Geschäftspartnern oder neuen Kollegen fürchten sich viele. Was sind hier die Gründe?

Tom Peters: Im Prinzip ist es auch hier das Neue, das Ungewohnte, das verstörend wirkt. Und wenn mein Gegenüber dann auch noch abweisend, still oder anders wirkt, dann verstärkt das die Unsicherheit noch. Besonders schlimm ist es, wenn bei mir Signale ankommen, die ich deute als „Der/die mag mich nicht!“ Manchmal reicht schon ein Stirnrunzeln oder ein Paar gehobener Augenbrauen. Oder ein Statusspiel geht verloren. Hier hilft es, das gemeinsame Ziel in den Mittelpunkt zu rücken und so ein Wir-Gefühl zu schaffen. Die Fähigkeiten des Partners wahrzunehmen und zu würdigen hilft auch – es schafft Nähe, Respekt und Vertrauen.

Sylvia Löhken: Das ist dann eine Angst vor „Schmerzen“. Diese Angst packt uns auch, wenn wir mit einem Menschen reden wollen, um ein Problem, etwas Persönliches oder etwas Heikles zu besprechen – selbst dann, wenn der Andere eigentlich ok ist. Wir können nicht immer einschätzen, was aus dem Fass herauskommt, das wir mit dem Thema aufmachen. Über das Wetter zu reden macht eben weniger Angst und Schmerz, als wenn wir den anderen vorsichtig auf seinen Körpergeruch hinweisen wollen.

Das hilft gegen die Angst: Gespräche üben

Was können Berufstätige gegen Angst vor Gesprächen tun?

Tom Peters: Angst ist erst einmal ein Zeichen für etwas Neues: Da kommt in irgendeiner Weise etwas, das ich nicht kontrollieren kann. Neues Terrain. Es hilft, wenn wir uns das erst einmal erlauben und uns vor Augen halten: Diese Angst ist menschlich. Sie darf sein!

Sylvia Löhken: Ich frage mich in solchen Situationen: Wozu ist mir dieses Gespräch wichtig? Wenn ich das Wozu habe, den Sinn, dann finde ich einen Weg, um den Austausch zu gestalten, mitsamt meiner Angst. Und wie immer gilt: Je mehr ich Gespräche übe, umso weniger machen sie mir Angst. Last but not least liegt es auch an mir und meinen Signalen, wie Menschen mir entgegenkommen. Wer vor einem Gespräch Angst hat, merkt damit auch: Etwas an dem Gespräch ist mir wichtig: das Gegenüber, das Thema, die Begegnung…

Tom Peters: Genau. Mutig ist der Mensch, der mit seiner Angst handelt. Menschen, die nie Angst haben, machen mir eher Angst. :-)

Wie sinnvoll ist es, sich auf Gespräche vorzubereiten, um die Angst zu mindern? Wie kann eine solche Vorbereitung aussehen?

Gespräche vorbereiten: Sich über Motive und Ängste klar werden

Sylvia Löhken: Ich kann mich fragen: Wovor habe ich genau Angst? Wir sind, als wir „Begegnung im Gespräch“ schrieben, auf drei Sicherheitszonen gestoßen. Wir wollen, dass unsere Umgebung sicher ist, dass unser Gegenüber berechenbar ist und dass wir selbst so kommunizieren, wie wir uns das wünschen.

Tom Peters: Die erste Frage lautet also: Welche Sicherheitszone ist mir nicht sicher genug und macht mir diese Angst? Die zweite Frage lautet: Was kann ich tun, um dort für mehr Sicherheit zu sorgen? Und manchmal geht es wieder zum Wozu: Wozu will ich dieses Gespräch und halte dafür zum Beispiel den unberechenbaren Gesprächspartner aus? Einem anderen Menschen zuliebe? Weil ich endlich die Gehaltserhöhung will? Oder weil ich unbedingt etwas wissen will, was der andere weiß? Für besonders wichtige Gespräche würde ich in die Arbeit mit einem erfahrenen Coach investieren – ein Profi sieht einfach mehr und kann entsprechend gut begleiten. Zum Beispiel ist es sinnvoll, dass ich gespiegelt bekomme, welche Signale ich aussende, sprachlich und körperlich. Auch der Einsatz meiner Stimme ist hier von großer Bedeutung, denn sie erzeugt Stimmung.

Macht es Sinn, wichtige Gespräche zuvor zu üben? Wie könnte so eine Übung aussehen?

Sylvia Löhken: Am meisten und am besten lernen wir, wenn wir spielen. Je spielerischer wir Gespräche üben, umso mehr haben wir davon. Einfach Worte abspulen kann zwar helfen, sie zu erinnern, aber ein gutes Gespräch wird daraus noch nicht.

Mit Vertrauten Gesprächsvarianten durchspielen

Tom Peters: Es kann sehr entspannend und befreiend sein, mit einem Menschen unseres Vertrauens ein paar absurde Varianten durchzuspielen. Oder einfach zu lachen. Oder das Ganze als interessantes Experiment zu betrachten, das sich so oder so durchführen lässt.

Was macht ein gutes Gespräch aus?

Tom Peters: Kontakt heißt wörtlich mit Berührung. In einem guten Gespräch gibt es eine Berührung: mit einem Menschen und/oder mit neuem Wissen. Deshalb sind wir nach diesem guten Gespräch reicher: um eine schöne, warme oder interessante persönliche Begegnung oder um Informationen. Redezeit steuern ist auch wichtig. Von der Grundidee: Dem anderen etwas mehr Zeit zugestehen als meinem eigenen Wort.

Gut für sich sorgen

Was können Gesprächsteilnehmer tun, damit es ihnen im Gespräch gut geht und was, damit es dem Gegenüber gut geht?

Sylvia Löhken: Gut dafür sorgen, dass es uns gut gehen kann! Mich zwischendurch fragen: Geht es mir gut? Geht es meinem Gegenüber gut? Ich habe zum Beispiel gerade den Eindruck, dass es uns allen bestens geht in diesem Gespräch. Wenn nicht, versuche ich etwas Anderes. Ich wechsle das Thema, schlage eine Pause vor – oder ich frage Sie, liebe Anja, was Sie noch wissen wollen…

Woran scheitern Gespräche?

Tom Peters: Ablenkung. Missverständnisse. Einschüchterung. Bewertung. Belehrung. Verletzung.

Sylvia Löhken: Nicht verstehen können oder wollen. Blödheit, Unfähigkeit, Gleichgültigkeit.

Manchmal kann etwas schiefgehen

Wie lässt sich die Situation retten, wenn ein Gespräch schiefgeht?

Sylvia Löhken: Lachen – am besten über uns selbst. Ja, ein echtes Gespräch hat eine Fallhöhe. Und manchmal geht es schief. Aber immer noch besser, als es gar nicht zu versuchen…

Tom Peters: Wenn uns etwas Falsches herausrutscht, können wir uns einfach entschuldigen. Wenn etwas Peinliches passiert, kann das lustig werden. Wenn das große Schweigen beim Gegenüber undurchdringlich wird: Das ist ein erwachsener Mensch. Der darf schweigen. Und ich darf ihn lassen und mich freundlich verabschieden! Manchmal ist es gut, im Anderen mehr zu sehen, als dieser gerade geben kann.

Was können Berufstätige aus schiefgegangenen Gesprächen lernen?

Tom Peters: Man stirbt nicht davon! Eine Erfahrung mehr, die ich mit dieser Frage möglichst gut nutzen kann: Was kann ich beim nächsten Mal anders oder besser machen? Das Kapital der Krise finden: Auch eine Form von Neugier. :-)

Sylvia Löhken: Die Beziehung geht weiter. Ein mieses Gespräch ist kein Fallbeil, das die Verbindung kappt. Und was weitergeht, lässt sich verbessern. Wie, das steht in unserem Buch. Oder ist das jetzt Schleichwerbung?

Tom Peters: Ja!

Gespräche nachbereiten

Sollte man wichtige Gespräche nachbereiten, um von ihnen später profitieren zu können? Wie könnte eine solche Nachbereitung aussehen?

Sylvia Löhken: Wer sich konkret verbessern will, kann ja Fortschritte notieren, wie in einem Trainingsprogramm. Ich mache das selbst nicht…

Tom Peters: Ich würde die Leitfragen immer gleich halten, damit ich eine Vergleichbarkeit habe und den Fortschritt sehe:

  • Was habe ich erwartet?
  • Was davon ist erfüllt worden?
  • Was lief richtig gut?
  • Was hätte besser laufen können?
  • Welche unerwarteten Dinge sind geschehen, und was ist der Nutzen daraus?
  • Was ist mir leichtgefallen?
  • Was ist mir schwergefallen? Wie kann ich mich hier verbessern?

Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Haben Sie Angst vor Gesprächen im beruflichen Kontext?
  • Wann und warum entsteht bei Ihnen dieses Gefühl?
  • Wie gehen Sie damit um?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel? Ist er hilfreich? Dann würde ich mich über einen Like auf meiner Facebookseite freuen!

Bitte schreiben Sie auch einen Kommentar! Vielen Dank!

Meine Linkempfehlungen:

Mein Literaturtipp:

  • Sylvia Löhken, Tom Peters: Begegnung im Gespräch. Wie Sie mit Worten Beziehung gestalten (Dein Leben), Gabal, Offenbach 2019, 20,90 Euro.

(Copyright 2019 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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