Fernstudium: So lässt sich Berufstätigkeit und akademische Weiterbildung verbinden

Ein Hochschulabschluss per Fernstudium wird immer beliebter. So verzeichnen die Anbieter staatlich zugelassener Fernstudiengänge ein Teilnehmerplus. Kein Wunder, denn dieses Studienmodell kommt den Bedürfnissen jener Arbeitnehmer entgegen, die Berufstätigkeit und akademische Weiterbildung verbinden wollen.

Fernstudium: Berufstätigkeit und akademische Weiterbildung verbinden.
Fernstudium: Berufstätigkeit und akademische Weiterbildung verbinden.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Studierende, Berufserfahrene und Neustarter.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • warum ein Fernstudium sinnvoll sein kann.
  • welche Voraussetzungen für den Erfolg wichtig sind.
  • wie Fernstudierende sich organisieren sollten.
  • warum die Kommunikation mit dem Arbeitgeber ratsam ist.
  • Tipps auf einen Blick – ein kleiner Guide für das Fernstudium.
  • Linkempfehlungen.

Das Ziel: Weiterqualifikation

Die 30-jährige Berlinerin Alice Lorch ist ein klassisches Beispiel für eine Fernstudierende: Sie ist im Beruf erfolgreich, möchte sich aber durch ein Studium weiterqualifizieren. Seit 2012 belegt sie an der AKAD University aus Stuttgart den Bachelor-Studiengang „International Business Communication“.

Gleich nach ihrem Abitur begann sie schon einmal mit einem Studium: Sie belegte die Fächer Volkswirtschaftslehre und französische Philologie an der Technischen Universität. Doch eines fehlte ihr: Sie hatte keine klare Vorstellung, was sie mit dem Hochschulabschluss einmal beruflich machen könnte. „Das Studium war mir viel zu theoretisch. Es gab überhaupt keinen Praxisbezug“, betont Lorch. Deshalb brach sie es schon bald ab.

Erst Ausbildung, dann Fernstudium

Anschließend bereiste sie Frankreich, Spanien und die USA. „Ich wollte andere Kulturen und Sprachen kennenlernen.“ Schon bald stand fest, dass sie ihr Interesse an anderen Ländern zu ihrem Beruf machte wollte. So entschied sich Alice Lorch für eine Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin. Danach arbeitete sie vier Jahre im Projektmanagement und später in der Geschäftsführung einer spanischen Stiftung auf Teneriffa. 2010 kam sie nach Deutschland zurück und begann als Projektassistentin in der Stiftung Genshagen. Heute ist sie in ihr zuständig für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Bereich der europäischen Kunst- und Kulturvermittlung.

„Schon bald nach meiner Rückkehr war mir klar, dass ich studieren muss, wenn ich beruflich weiterkommen will“, erklärt Lorch. Aber es waren nicht nur Nützlichkeitserwägungen, die sie bewogen haben, noch einmal zu studieren: „Ich fühlte mich endlich für ein Studium bereit und hatte richtig Lust, etwas Neues zu lernen.“

Wunsch nach Aufstieg oder beruflicher Umorientierung

Für Fernstudierende ist das ganz typisch: „Sie wollen sich weiterentwickeln und in der Hierarchie weiter nach oben kommen“, berichtet Prof. Dr. Daniel Markgraf vom Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre an der AKAD University. „Andere bereiten mit Hilfe des Studiums ganz gezielt ihre berufliche Umorientierung vor. Bei der Gruppe der über 45-Jährigen, die bereits beruflich etabliert sind, geht es in der Regel darum, noch mal etwas Neues zu lernen.“

Ein Fernstudium bietet dafür die idealen Voraussetzungen, denn die Studierenden können ihre Zeit frei einteilen. Voraussetzung ist natürlich, dass sie noch freie zeitliche Kapazitäten haben. „Wer schon im normalen Berufsalltag 60 Stunden oder mehr pro Woche arbeitet, für den kommt so ein Studium nicht in Frage“, so Markgraf. „Denn in der Regel müssen Studierende mit einem Zeitaufwand von mindestens zehn bis 15 Stunden in der Woche rechnen.“ Das sei zum Beispiel bei einer geregelten Arbeitswoche von 38 oder 40 Stunden durchaus möglich. Zusätzlich müssen Studierende der AKAD University noch zehn Tage im Jahr für Präsenzveranstaltungen einplanen.

Wichtige Voraussetzung: Zeit für das Studium

Markgraf empfiehlt Arbeitnehmern, die sich nicht sicher sind, ob sie das Arbeitspensum zeitlich in ihr Leben integrieren können, erst einmal auf Probe zu studieren: „Bei uns gibt es zum Beispiel einen Probemonat. Sie haben auch die Möglichkeit, erst einmal einen zertifizierten Kurs zu belegen, der ihnen später auf ein Studium angerechnet werden kann.“
Auch Sabine Dietzsch, Beraterin für Akademische Berufe bei der Arbeitsagentur Berlin-Süd, betont: „Studierwillige sollten sich vorher über die Doppelbelastung klar werden, die ein Fernstudium mit sich bringt.“ Deshalb empfiehlt sie ihnen, im Vorfeld die eigene Lebenssituation genau unter die Lupe zu nehmen. „Wer einen Partner oder eine Familie hat, muss sich mit diesem engsten Umfeld abstimmen. Am Besten ist es, wenn die ganze Familie dahinter steht.“

Außerdem rät Markgraf Fernstudierenden, realistisch zu planen: „Viele sind gerade am Anfang übermotiviert.“ Deshalb sei auch der Austausch mit anderen Studierenden besonders wichtig. Möglichkeiten dazu bieten nicht nur Präsenzveranstaltungen, sondern auch die Online-Communities der Hochschulen. Die Doppelbelastung von Beruf und Studium kennt auch Alice Lorch. „Wichtig ist eine gute Planung und Organisation„, betont die Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Von ihrem Arbeitgeber wird sei dabei im Rahmen seiner Möglichkeiten unterstützt.

Unbedingt mit dem Arbeitgeber reden

Dietzsch empfiehlt Berufstätigen, unbedingt mit ihrem Arbeitgeber ins Gespräch zu kommen und ihn über ihren Studienwunsch zu informieren: „Wenn das Studium den Mitarbeiter für seine aktuell ausgeübte Berufstätigkeit weiterqualifiziert, sind viele Unternehmen bereit, ihm beizustehen. So kommen Arbeitgeber dem Studierenden zum Beispiel bei der Arbeitszeit entgegen.“ Eine Herausforderung bleibt es allerdings dennoch, Beruf und Studium unter einen Hut zu bringen.

Deswegen betont Dietzsch: „Wer ein Fernstudium erfolgreich absolvieren möchte, muss bereit sein, seine bisherigen Freizeitaktivitäten neu organisieren.“ Zeitlich aufwendiges soziales Engagement und viele Hobbies lassen sich nur schwer mit dem Studium vereinbaren.

Richtig planen: Freizeit neu ordnen

Das erforderliche Zeitmanagement fällt Alice Lorch leicht: „Ich habe in meinem Beruf gelernt, mich gut zu organisieren.“ Natürlich muss auch Alice Lorch privat kürzer treten, um Zeitfür ihr Studium zu haben. Denn Feierabende, Wochenenden und die Urlaubszeit nutzt sie in der Regel zum Lernen. So holt sie auch abends um 23 Uhr noch einmal ihre Skripte heraus, um diese zu lesen. „In meinem Freundeskreis finden es alle toll, dass ich studiere. Meine Freunde akzeptieren, dass ich weniger Zeit habe, um zum Beispiel mit ihnen ins Kino gehen.“ Trotz der zeitlichen Belastung versucht die Bachelor-Studentin, ihr Privatleben nicht ganz zu vernachlässigen. So macht sie weiterhin Sport und trifft dabei auch Freunde.

Verzahnung von Theorie und Praxis

Schon jetzt profitiert sie von ihren Studieninhalten wie der interkulturellen Kommunikation oder den Wirtschaftswissenschaften. „Durch mein Studium erkenne ich zum Beispiel psychologische Zusammenhänge und verstehe die Auswirkungen kultureller Einflüsse in der Kommunikation besser. Das bereichert meine Arbeit“, berichtet Lorch. Schließlich hat sie es tagtäglich mit internationalen Gesprächspartnern zu tun. „Das Studium macht mich viel feinfühliger in Umgang mit Menschen aus anderen Kulturen.“ Auch über Führungsstile, Arbeits- und Organisationsmanagement weiß Lorch inzwischen viel mehr. „Als rechte Hand der Geschäftsführung kommt mir das alles sehr zugute.“ Auf der anderen Seite profitiert sie im Studium von ihrer Praxiserfahrung.

Mit der Wahl eines Fernstudiengangs ist Lorch ganz und gar zufrieden: „Diese Studienart ermöglicht mir, in einem selbstbestimmten Tempo zu lernen und Prüfungen abzulegen.“ So hat sie die Möglichkeit, ihr Studium ohne Zusatzkosten in fünf Jahren zu absolvieren. Erst danach wird eine zusätzliche Gebühr verlangt. „Ich habe mir aber vorgenommen, meinen Bachelor schon nach dreieinhalb Jahren zu machen.“

Fakten zum Fernstudium

Die Beliebtheit von Fernlernangeboten steigt: Die Anbieter staatlich zugelassener Fernstudiengänge konnten nach Angaben des Forums DistancE-Learning im Jahre 2012 ein Teilnehmerplus von sieben Prozent vorweisen. Über 400.000 Fernlerner bildeten sich in 3.498 Fernlehrangeboten weiter. 268.622 Fernschüler absolvierten dabei einen Fernlehrgang im subakademischen Bereich, während 142.468 E-Learner in ein Fernstudium eingeschrieben waren, so aktuelle Zahlen des Fachverbandes Forum DistancE-Learning.

Tipps für Sie – ein kleiner Guide für das Fernstudium:

  • Finden Sie heraus, warum Sie studieren wollen. Der Wunsch nach Aufstieg oder beruflicher Umorientierung steht oft hinter dem Entschluss, ein Fernstudium zu absolvieren.
  • Finden Sie heraus, welcher Lerntyp Sie sind. Arbeiten Sie gerne selbstständig? Brauchen Sie den sozialen Anschluss in Präsenzveranstaltungen? Suchen Sie daraufhin das für Sie geeignete Studienmodell.
  • Wägen Sie Vor- und Nachteile eines Fernstudiums ab.
  • Fragen Sie sich, ob Sie genug freie zeitliche Kapazitäten haben, um erfolgreich studieren zu können.
  • Werden Sie sich über die Doppelbelastung klar. Nehmen Sie deshalb Ihre eigene Lebenssituation genau unter die Lupe.
  • Sprechen Sie unbedingt mit Ihrem Arbeitgeber und informieren ihn über Ihren Studienwunsch. Vielleicht hat er Interesse Sie zu unterstützen.
  • Organisieren Sie während Ihres Fernstudiums Ihre bisherigen Freizeitaktivitäten neu.  Denn Ihre Feierabende, Wochenenden und die Urlaubszeit werden Sie in der Regel zum Lernen nutzen.
  • Vergessen Sie trotz der zeitlichen Belastung  durch das Fernstudium nicht soziale Kontakte, Sport und Erholung.

Fragen an Sie:

  • Haben Sie schon mal über ein Fernstudium nachgedacht?
  • Warum wollen Sie ein Fernstudium belegen?
  • Welche  Vor- und Nachteile sehen Sie?
  • Welche Erfahrungen haben Sie mit einem Fernstudium gemacht?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?

Meine Linkempfehlungen:

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, März 2014)

(Copyright 2014 by Anja Schreiber)

Die Rolle der Eltern bei der Berufswahl: Begleiten statt bevormunden

Eltern begleiten ihre Kinder zur Studienberatung oder machen für sie einen Termin beim Bewerbungscoach: Das ist ein Trend in den letzten Jahren. Damit dieses Engagement den Jugendlichen auch wirklich hilft, ist ein richtiges Maß an Unterstützung wichtig. In keinem Fall  jedoch sollten Väter und Mütter den Nachwuchs bevormunden.

Eltern und die Berufswahl ihrer Kinder
Eltern spielen bei der Berufswahl ihrer Kinder eine große Rolle.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Eltern, Schulabgänger, Studierende, Auszubildende, Berufseinsteiger und berufserfahrene Angehörige.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • wie die Rolle der Eltren bei der Berufswahl ihrer Kinder aussieht.
  • wo die Eltern hilfreich sind.
  • wie Konflikte aussehen.
  • welche Ängste Eltern haben.
  • was Experten Eltern raten.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

Die Eltern kommen mit zur Beratung

Petra Caemmerer, Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur Berlin-Süd, stellt seit einigen Jahren fest, dass Eltern vermehrt zur Berufsberatung mitkommen. „Etwa 30 Prozent der Abiturienten bringen bei uns eine Begleitperson mit. Oft sind das die Mütter, manchmal beide Elternteile.“ Und auch Großmütter begleiten desweilen ihre Enkel zum Gespräch.
Caemmerer kennt sich mit der Beratung von Schulabgängern der verschiedenen Schulformen bestens aus. „Überwiegend engagieren sich Eltern von Abiturienten. Diese nehmen für den Beratungstermin oft sogar Urlaub.“ Bei Erziehungsberechtigten, deren Kinder die Haupt- oder Realschule besuchen, sei dies seltener der Fall.

Brigitte Reysen-Kostudis von der Studienberatung der Freien Universität beobachtet das gleiche Phänomen: „Noch vor 15 Jahren waren Mütter und Väter eigentlich nie beim Beratungsgespräch dabei. Heute sind es bei uns etwa acht Prozent.“ Aus anderen Regionen Deutschlands weiß sie, dass das Thema im Hochschulalltag noch viel präsenter ist. „Die Universität Bamberg lädt zum Beispiel zu Beginn des Wintersemesters nicht nur die Studienanfänger sondern ausdrücklich auch deren Familien zu einer feierlichen Begrüßung ein.“

Bei der Berliner Studien- und Berufsberatung planZ spielen die Erziehungsberechtigten eine zentrale Rolle. Schließlich bezahlen sie auch die private Beratungsleistung. „Unsere mehrstündige Beratung beginnt mit den Eltern und Kindern gemeinsam. Nach etwa einer Stunde verlassen dann die Väter und Mütter das Gespräch. Sie kommen erst am Ende bei der Präsentation der Ergebnisse wieder“, betont Malte Eilenstein, Mitbegründer von planZ. Er sieht die Vorteile der Familienberatung: „Wir haben fast nur positive Erfahrungen gemacht. Denn die ältere Generation begleitet die Jugendliche in aller Regel gut.“ Der Studienberater empfindet es außerdem als hilfreich, die Eltern kennenzulernen. „So kann ich mir ein Bild über die familiäre Situation machen.“

Mehr Engagement der Eltern

Oft verdrängen Minderjährige das Thema Studien- und Berufswahl, weiß Eilenstein. „Angesichts der schulischen Belastung ist das natürlich verständlich. Umso wichtiger ist es, dass Mütter und Väter dafür sorgen, dass das Thema im Alltag präsent bleibt.“ Das vermehrte Engagement der Erziehungsberechtigten bei der Berufswahl macht Eilenstein auch an der Verkürzung der Schulzeiten fest. So sind die Abiturienten aktuell deutlich jünger als noch vor einigen Jahren. „Heute greifen viele Eltern gern tief in die Tasche, um ihre Sprösslinge zu unterstützen. Unsere Kunden stammen aus ganz Deutschland oder sogar aus dem Ausland. So fallen neben der Beratungsgebühr noch Kosten für Fahrt und Unterkunft an.“

Auch der Karrierecoach Jürgen Hesse vom Autorenteam Hesse/Schrader berät immer wieder ganze Familien. „Die Eltern machen in der Regel den Beratungstermin aus und bringen ihr Kind vorbei. In vielen Fällen kommen sie sogar selbst mit zum Gespräch.“ Für den vielfachen Buchautor ist dieser Trend nur relativ neu. „Die Entwicklung begann vor etwa sechs Jahren nach abklingen der Wirtschaftskrise.“

Hilfreich im Beratungsgespräch

Die Familienberatung erlebt Caemmerer in aller Regel als unproblematisch: „Die Eltern sind überwiegend hilfreich. Denn oft fällt es den Jugendlichen schwer, über ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten zu sprechen. In diesem Fällen sind Väter und Mütter meist gesprächsfördernd“, berichtet Caemmerer. Denn sie können ihren Nachwuchs an seine speziellen Begabungen und Fertigkeiten erinnern und zum Beispiel berichten, dass sich ihr Sohn bestens mit Fahrradreparaturen auskennt. „Ansonsten halten sie sich diskret im Hintergrund. Nur die wenigsten dominieren das Gespräch.

Die Diplom-Psychologin Reysen-Kostudis sieht die Familienbegleitung ebenfalls häufig als problemlos an: „Die Jugendlichen wünschen oft sogar ausdrücklich, dass Vater und Mutter sie begleiten.“ Auf jeden Fall ist es sinnvoll, wenn sich die Erziehungsberechtigten informieren. „Denn selbst wenn sie Akademiker sind, wird vieles für sie neu sein. Schließlich unterscheidet sich das Studium von heute deutlich von dem vergangener Zeiten“, so Reysen-Kostudis. Außerdem sei durch die Bologna-Reform das Studienangebot sehr stark gewachsen, sodass das Bedürfnis nach Information aus erster Hand gestiegen sei.

Informationsbedarf der Eltern

Ein Grund für das verstärkte Interesse der Eltern ist das Alter der Studienanfänger: „Einige Abiturienten sind heute noch nicht volljährig. Sie können nicht einmal einen eigenen Mietvertrag unterschreiben. Deshalb ist es nachvollziehbar, wenn sich die Erziehungsberechtigten aus elterlicher Sorge auch mit der Studienwahl ihres Nachwuchses beschäftigen.“
Nicht immer läuft eine familiäre Berufsberatung harmonisch ab. Manchmal treffen auch konträre Meinungen aufeinander. Da kommen Sprüche wie: „Das hast Du mir ja noch nie gesagt“. Caemmerer: „Das Beratungsgespräch macht es möglich, dass Kinder und ihre Eltern offener miteinander reden als bei sich zu Hause. Oft enden diese Konfliktgespräche erfreulich und alle liegen sich zum Schluss im wortwörtlichen Sinn in den Armen.“

Berater als Mediatoren

Reysen-Kostudis kennt ebenfalls Konfliktsituationen: „Gerade wenn der Redeanteil der Erziehungsberechtigten sehr groß ist, wird es meist problematisch.“ Dann schlüpft die Psychologin in die Rolle der Mediatorin. So informiert sie etwa über die beruflichen Perspektiven jener Studiengänge, die Väter und Mütter vielleicht als „brotlose Kunst“ ansehen.

Auch Jürgen Hesse kennt aus seinem Coachalltag Situationen, die Eltern vor Überraschungen stellen. „Eine junge Frau erzählte zum Beispiel von ihrem Wunsch, Polizistin zu werden. Die sie begleitende Mutter war davon völlig perplex.“ Der Psychologe Hesse weiß, dass ein ungewohntes Setting wie ein Beratungsgespräch neue Erkenntnisse zutage fördern kann.

Doch auch am heimischen Küchentisch ist ein offenes Gespräch mit dem Nachwuchs möglich. Caemmerer: „Am besten fragen Sie nach den Träumen und Wünschen Ihres Kindes, ohne alles zu bewerten. Nehmen Sie ihm den Druck, dass seine Entscheidung auf Anhieb richtig sein muss.“

Oft besteht Caemmerers Aufgabe darin, die ältere Generation zu beruhigen. Schließlich bieten der demografische Wandel und der stärker werdende Fachkräftemangel den jungen Leuten vielfältige Beschäftigungsperspektiven. „Heute muss niemand unbedingt studieren, um beruflich erfolgreich zu  sein. Auch mit einer Ausbildung hat man beste Karrierechancen, zumal einem späteren Studium meist nichts im Wege steht … auch ohne Abitur.“

Begleiten statt bevormunden

Die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis rät zur Gelassenheit: „Eingeschlagene Wege können sich im Lauf eines Studiums noch ändern. Oft kippt im ersten oder zweiten Semester die Studienentscheidung. Und das ist kein Drama!“ Im Gegenteil: Ein Studienfachwechsel oder ein Studienabbruch ist oft der Ausgangspunkt einer guten beruflichen Entwicklung.

Jürgen Hesse versteht die Gefühle von Eltern, auch als Vater: „Natürlich will man seine Totchter oder seinen Sohn vor allem Bösen bewahren. Trotzdem sollte sich jeder klar sein, dass mit der Entscheidung für einen Beruf nun aber endgültig die Verantwortung der Erziehungsberechtigten aufhört.“ Deshalb empfiehlt er, die jungen Leute zu begleiten statt sie zu bevormunden.

Eltern sollten sich über ihren Einfluss auf die Berufsentscheidung ihrer Kinder klar werden. Denn nicht selten  tritt die junge Generation in die Fussstapfen der älteren, ergreift dieselben Berufe oder übernimmt sogar das Familieunternehmen. Doch das hat auch seine Schattenseiten. Hesse: „Manche Erwachsene sind mit ihrer Berufsentscheidung unglücklich, weil sie diese nur ihrer Familie zuliebe getroffen haben.“ Und genau diese Situation gelte es zu verhindern.  „Ermuntern Sie Ihren Nachwuchs, sich auszuprobieren. Signalisieren Sie aber auch Unterstützung, falls es mit der ersten Berufswahl nicht so klappt wie gewünscht.“

Die Ängste von Eltern, die Sorgen der Kinder

Ein immer wiederkehrendes Problem ist, dass Väter und Mütter ihre eigenen Sorgen auf ihre Kinder übertragen. Caemmerer: „Wer in der Familie nur über die Schattenseiten seines Jobs spricht, schürt bei Jugendlichen massive Ängste. Besser ist es, ihnen Lust auf den Beruf zu machen.“ Deshalb ihr Tipp: Erzählen Sie Ihrem Nachwuchs auch mal von den positiven Aspekten Ihrer Arbeit.

Nicht immer stülpen Eltern den Kindern ihre Befürchtungen über. Manchmal sind es auch die jungen Leute, die Ängste entwickeln. Malte Eilenstein erlebt zum Beispiel oft überbesorgte Schulabgänger: „Viele fühlen sich unter Druck, die richtige Entscheidung treffen zu müssen, während die Erziehungsberechtigten eher gelassen wirken. Denn nicht wenige Eltern haben selbst ein Studium abgebrochen und dennoch später Karriere gemacht.“

Tipps für Sie als Eltern:

  • Die Kinder nach ihren Wünsche und Zielen befragen. Das offene Gespräch suchen.
  • Den Jugendlichen nicht die eigenen Vorstellungen überstülpen.
  • Die eigenen  beruflichen und existenziellen Ängste nicht auf die Kinder übertragen.
  • Nicht nur über den eigenen Beruf klagen, sondern auch etwas Positives erzählen.
  • Sich selbst über die Studien- und Berufswahl und aktuelle Trends informieren.
  • Im Beratungsgespräch bei der Arbeitsagentur oder Uni keine dominierende Rolle spielen, sondern eher zuhören.
  • Den jungen Leuten die Chance bieten, sich auszuprobieren und sie zum Beispiel ermutigen, ein Jahrespraktikum oder ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren.
  • Den Kindern bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen helfen.
  • Unterstützung bei Problemen wie Ausbildungs- oder Studienabbruch signalisieren.

Fragen an Sie:

  • Begleiten Sie Ihr Kind zur Studien- und Berufsberatung?
  • Wie unterstützen Sie Ihr Kind bei der Berufswahl?
  • Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
  • Welche Tipps würden Sie anderen Eltern geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?

Meine Linkempfehlungen:

Meine Lektüreempfehlung:

  • Svenja Hofert: „Am besten wirst du Arzt“. So unterstützen Sie Ihr Kind wirklich bei der Berufswahl, 232 Seiten, Campus Verlag (Frankfurt a.M.) 2012 19,99 Euro.

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, September 2015)

(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Social Media Marketing: Jobs für Kommunikationsprofis

Social Media als Job: Immer mehr Unternehmen sind auf Facebook, Twitter und Co. vertreten. Dafür brauchen sie Profis! Deshalb haben junge Leute etwa als Social Media Manager gute Berufschancen. Eine standardisierte Ausbildung existiert aber noch nicht.

Social Media Jobs
Social Media Jobs bieten neuen Berufschancen

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Schulabgänger, Studierende, Auszubildende, Berufseinsteiger und Neustarter.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • wie der Berufseinstieg ins Social Media Marketing gelingt.
  • welche Studiengängen und Ausbildungen sich anbieten.
  • welche Fähigkeiten und Kompetenzen erwartet werden.
  • wie wichtig Praxiserfahrung ist.
  • wie unterschiedliche Berufsbilder aussehen.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

Die Kommunikation mit dem User

Der 33-jährige Atilla Sayan arbeitet heute bei der Robert Bosch GmbH im Geschäftsbereich Power Tools als „Teamleader Content Marketing and Social Media“. „Wir kommunizieren mit unseren Kunden über Facebook, Twitter und unsere eigene Community ‚1-2-do.de‘. Dort helfen wir Heimwerkern, ihre Probleme zu lösen und antworten auf ihre Fragen“, berichtet Sayan. Denn er ist für das Online-Marketing der Heimwerker-Werkzeuge zuständig. Das Besondere an Social Media beschreibt er so: „Es geht nicht darum, schöne PR-Texte zu verfassen, sondern zuzuhören und ohne Sprücheklopferei Verständnis für den User zu zeigen.“

Das Thema Design und Technologie zieht sich durch Sayans Lebenslauf wie ein roter Faden. Zuerst absolvierte er eine Ausbildung als Mediengestalter, machte dann sein Abitur und begann danach das Studium „Textildesign und Management“. „Das war aber nicht das Richtige. Deshalb wechselte ich an die Hochschule der Medien in Stuttgart, an der ich bis 2012 ‚Werbung und Marktkommunikation‘ studierte. Das war die beste Entscheidung meines Lebens.“ Schon während seines BA-Studiums arbeitete er freiberuflich als Social Media Berater und unterstützte Unternehmen bei der Kommunikation mit ihren Kunden. Zu Bosch kam Sayan über ein Praktikum und eine anschließende Werkstudententätigkeit.

Die Vorbildung:  Häufig BWL- oder Medienstudium

Prof. Harald Eichsteller, Studiendekan der Medienmasterstudiengänge an der Hochschule der Medien (HdM), betont: „Medienstudiengänge beschäftigen sich heute natürlich immer auch mit Social Media … egal wie sie auch im Einzelnen heißen.“ Aus seiner Erfahrung weiß er, dass viele Social Media Manager und Berater einerseits über einen betriebswirtschaftlichen Hintergrund und andererseits über eine journalistische oder PR-Ausbildung verfügten.

Auch die Berufsberaterin Jutta Dietrich von der Arbeitsagentur Stuttgart sieht ganz unterschiedliche Einstiegsmöglichkeiten in den Social Media-Bereich: „Interessierte Schulabgänger können zum Beispiel ‚Online-Medien-Management‘ studieren. Aber auch Marketing-Studiengänge befassen sich heute mit Social Media.“ Hochschulabsolventen mit einem Studium in Kommunikationswissenschaften, BWL oder Kommunikationsdesign haben genauso Chancen wie IT-Spezialisten. Denn schließlich gibt es in den sozialen Medien unterschiedliche Anforderungsprofile. Deshalb kommt auch eine Ausbildung zum Mediengestalter infrage.

Praxiserfahrung zählt

Neben theoretischen Kenntnissen zählt die Praxis. „Ganz dringend empfehle ich Praktika. Aber auch wer bloggt oder einen YouTube-Kanal betreibt, kann wertvolle Erfahrungen sammeln, genauso wie jemand, der die Facebook-Seite seines Vereins betreut“, betont Dietrich.

Auch Eichsteller rät zu praktischer Erfahrung. Die Möglichkeiten dazu sind vielfältig: „Junge Leute können via Social Media Geld für ihren Abi-Ball sammeln, im Netz eine Aktion für ein Tierheim starten oder über Facebook studentische Projekte organisieren.“

Kommunikationsfähigkeit ist ein Muss

Neben der Praxiserfahrung stehen in der Branche auch ein paar andere Eigenschaften hoch im Kurs: „Bewerber sollten auf jeden Fall Begeisterungsfähigkeit für das Thema Social Media mitbringen sowie kommunikationsfähig und empathisch sein. Denn sie stehen im ständigen Austausch mit Usern“, so Eichsteller.

Immer mehr Agenturen haben sich auf das Thema Internet und Social Media spezialisiert. So auch die Stuttgarter Internet-Agentur VERDURE. Sie sucht aktuell nach Mitarbeitern. „Zurzeit brauchen wir Social Media Trainees und Social Media Berater“, berichtet der VERDURE-Geschäftsführer Tobias Fox. „Wer bei uns als Trainee einsteigen will, sollte internetaffin und textsicher sein.“ Zudem will die Agentur wissen, ob sich der Bewerber auch inhaltlich mit dem Thema Social Media befasst hat. Ein Facebook-Account allein belegt das noch nicht. So erwartet Fox, dass die Kandidaten zum Beispiel einschlägige Blogs zum Thema lesen und die aktuellen Trends kennen. „Auch wenn wir hauptsächlich junge Leute zwischen 24 und 26 Jahren einstellen, haben ältere Quereinsteiger ebenfalls eine Chance.“

Kanalpflege oder Strategieentwicklung

Besonders wichtig ist der Agentur die Kommunikation mit ihren Kunden. „Social Media Berater müssen Strategien und Konzepte präsentieren. Dafür braucht es natürlich Eloquenz“, erklärt Fox. So leiten sie zum Beispiel Workshops zur Konzeptentwicklung und Wissensvermittlung, sie werten aber auch Kampagnen aus.

Während Agenturen oft Berater einstellen, suchen Unternehmen häufig Community Manager oder Social Media Manager. Dabei ist ein Community Manager für die Pflege der verschiedenen Kanäle zuständig. Ein Social Media Manager arbeitet dagegen meist an strategischen Fragen. „Die Aufgabenstellung in einem Unternehmen kann sehr unterschiedlich sein. Gerade im Mittelstand sind viele Leute Generalisten. Sie sind für das Marketing, die PR, die Website und Social Media gleichzeitig zuständig„, so Fox. Bei diesen Unternehmen übernimmt dann oft ein freiberuflicher Berater oder eine Agentur die Strategie-Entwicklung. „Konzerne brauchen dagegen häufiger hochspezialisierte Mitarbeiter, die sich zum Beispiel allein um die Anzeigenschaltung bei Facebook kümmern.“

Eichsteller sieht grundsätzlich sehr guten Arbeitsplatzchancen: „Viele Unternehmen haben einen großen Nachholbedarf, was Marketing und PR via Social Media angeht. Das gilt sowohl für den Handel als auch für die Hersteller.“ Doch nicht nur die Kommunikation mit dem Endkunden läuft heute immer mehr über sozialen Medien, auch zwischen den Branchen und Unternehmen werden diese Kanäle vermehrt genutzt. „Besonders wichtig sind inzwischen digitale Medien mit Interaktionsmöglichkeit, um neues Personal zu gewinnen.“

Tipps für Sie:

  • Medienstudiengänge bieten sich für die Arbeit im Social Media-Bereich genauso an wie betriebswirtschaftliche Studiengänge. Auch Kommunikationsdesign oder IT als Studium sind eine gute Ausgangsbasis. Als Ausbildungsberuf kommt etwa der Mediengestalter  infrage.
  • Besonders wichtig ist Praxiserfahrung zum Beispiel durch Praktika, aber auch durch das Betreiben eines eigenen Blogs oder YouTube-Kanals.
  • Wichtige Voraussetzungen für Jobs sind Kommunikationsfähigkeit, Empathie und das Interesse für das Thema Social Media.
  • Die Arbeitsplatzchancen im Social Media-Bereich sind grundsätzlich gut. Denn viele Unternehmen haben einen Nachholbedarf.

Fragen an Sie:

  • Wollen Sie im Social Media Marketing arbeiten? Und wenn ja, warum?
  • Welche Berufserfahrungen haben Sie bisher im Social Media Marketing gemacht?
  • Welche Tipps würden Sie Berufseinsteigern geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?

Meine Linkempfehlungen:

  • Die Hochschule der Medien in Stuttgart bietet gleich vier Bachelor- und einen Master-Studiengang im Bereich Medien an: www.hdm-stuttgart.de
  • Stuttgarter Internet-Agentur VERDURE. www.verdure.de

Meine Lektüreempfehlung:

  • Nico Lumma, Stefan Rippler, Branko Woischwill: Social Media. Wie Karrieren im Web 2.0 funktionieren, 119 Seiten, Springer Gabler (Wiesbaden) 2013, 24,99 Euro (E-Book: 19,99)

(Hauptartikel veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung, Juli  2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Arbeiten im Ausland: Mit „Work & Travel“ oder als Digitaler Nomade

Mit dem Laptop am Strand arbeiten, statt im Büro zu sitzen: Für viele Berufstätige ist das eine verlockende Alternative. Tatsächlich gibt es ganz unterschiedliche Möglichkeiten, Arbeiten und Reisen miteinander zu verbinden. Der klassische „Work and Travel“ ist nur eine Option. Denn auch die Selbstständigkeit bietet diese Chance.

Ortsunabhängig Arbeiten als Digitaler Nomade
Ortsunabhängig Arbeiten als Digitaler Nomade

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Schulabgänger, Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter und Eltern.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • wie ein „Work and Travel“-Aufenthalt ablaufen kann.
  • welche Voraussetzungen an einen „Work and Travel“-Aufenthalt geknüpft sind.
  • welche Jobmöglichkeiten sich dabei bieten.
  • was man beim Jobben im Ausland beachten sollte.
  • welche Voraussetzungen Digitale Nomaden erfüllen sollten.
  • wie das Leben als Digitaler Nomaden konkret aussehen kann.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

„Work and Travel“-Aufenthalt

Die 19-jährige Elena Bergmann aus Weinheim in Baden-Württemberg bereiste während ihres „Work and Travel“-Aufenthaltes Neuseeland, Australien, Thailand und Dubai. „Ich wollte schon mit zehn Jahren nach Neuseeland. Deshalb habe ich vor dem Abitur auch viel gejobbt, um mir diesen Traum zu erfüllen.“ Ein halbes Jahr nach Ende der Reise ist sie sich sicher: „Das war die beste Zeit meines bisherigen Lebens.“

Bergmann durchquerte das ganze Land und wechselte ständig die Jobs. Mal arbeitete sie im Housekeeping eines kleinen Hostels, mal auf einer Farm. „Ich habe im Durchschnitt nur zwei bis fünf Stunden am Tag für Kost und Logis gejobbt. So hatte ich die Möglichkeit, mehr Ausflüge zu unternehmen.“ In Neuseeland lernte sie die Herzlichkeit der Einheimischen kennen: „Ich wurde von meinen Arbeitgebern in die Familie aufgenommen und war nicht nur Hilfskraft.“ Die junge Frau erlebt die Neuseeländer als offene Menschen, die ihr gerne weiterhalfen und sie auch schon mal spontan zum Grillfest einluden. Ihre Arbeit bestand aus vielen Hilfstätigkeiten. Sie machte in Hostels Betten, saugte oder putzte Bäder. Auf einer Farm war sie für die Tiere zuständig. Sie fütterte sie, sorgte aber auch für deren Wohlergehen. „Dort gab es Alpakas, die waren trotz 37 Grad Hitze noch nicht geschoren. Deshalb habe ich sie täglich geduscht. Das fanden die Tiere super.“

Elena Bergmann buchte ihren Flug über TravelWorks, einem auf „Work and Travel“-Reisen spezialisierten Reiseveranstalter: „Das Ticket war günstiger, als wenn ich es allein gekauft hätte.“ Außerdem halfen ihr in der ersten Woche die Partner vor Ort, sich im Land zurechtzufinden.

„Work and Travel“: Voraussetzungen

„Bis zum Alter von 30 oder 35 Jahren können junge Leute in Australien, Neuseeland und Kanada für zwölf Monate Reisen mit Jobben verbinden“, erklärt Tanja Kuntz. Sie ist Geschäftsführerin von dem in Münster beheimateten Unternehmen TravelWorks. Voraussetzung für „Work und Travel“ ist, dass die Reisenden über ausreichend Geldmittel verfügen. „In Australien braucht man zum Beispiel 3500 Euro.“

TravelWorks informiert Reisewillige, unterstützt sie bei der Beantragung von Visa und bucht das Ticket. Vor Ort hat der Veranstalter Partner, die bei der Jobsuche und anderen praktischen Fragen helfen. „Schließlich wollen sich viele ein Auto kaufen und brauchen ein Konto“, so Kuntz. „Natürlich kann man das auch selbstständig organisieren. Aber gerade bei Problemen sind Kontakte vor Ort nützlich.“

„Work and Travel“: Die Jobmöglichkeiten

Sebastian Canaves kennt das Leben als sogenannter  „Backpacker“, also als Rucksacktourist. In seinen Blogs „TravelWorkLive“, „Off The Path“ und seinem gleichnamigen Buch gibt er Gleichgesinnten viele Tipps. „Besonders beliebt bei ‚Work-and-Travel-Aufenthalten‘ sind Jobs in der Gastronomie, zum Beispiel als Kellner oder als Hilfskraft in Hostels. Wer Knochenarbeit nicht scheut, kann auch in Kohleminen im Outback arbeiten. Dort verdient man 40 bis 60 australische Dollars die Stunde.“ Der Reiseblogger und Marketingberater Canaves empfiehlt noch andere Jobs … zum Beispiel als Fruit-Picker – also als Hilfskraft auf Farmen. „Ist jemand Handwerker, kann er natürlich mit seinem Beruf Geld verdienen. Denn Handwerker sind in Australien sehr begehrt„. Gerade Schulabgängern rät er, in dem Bereich zu jobben, in dem sie später beruflich tätig werden wollen.

Arbeiten und Reisen: Jobs im Ausland

„Work and Travel“ ist aber nicht die einzige Möglichkeit, Reisefieber und Geld verdienen zu verbinden.  Canaves: „In vielen Ländern bekommt man als Deutscher problemlos ein Arbeitsvisum. Allerdings ist man dann meist auf ein Unternehmen festgelegt. Verliert jemand seinen Job, ist auch ganz schnell das Visum abgelaufen.“

Dr. Beate Raabe von der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung der Bundesarbeitsagentur empfiehlt: „Wer einen sozialversicherungspflichtigen Job im Ausland sucht, sollte mindestens sechs Monate vorher anfangen, sich zu informieren. Wichtig sind Informationen über Arbeiten und Leben allgemein und darüber, wie in dem Zielland der Arbeitsmarkt und die Bewerbungsverfahren funktionieren.“ Ein guter Zeitpunkt für einen Auslandaufenthalt ist – so Raabe – zwei bis drei Jahre nach dem Ende des Studiums oder der Berufsausbildung. Dann haben die Auslandsinteresierten schon erste Berufserfahrungen. Das zählt! Raabe hat noch ein Tipp: „Schon bei der Ausreise sollten Berufstätige an die Rückkehr denken und berufliche Kontakte in Deutschland weiter pflegen.“

Leben als Digitaler Nomade

Eine Alternative zur Anstellung ist die selbstständige Tätigkeit im Ausland: „Wer im Internet sein Geld verdient, der braucht nur einen Laptop und eine Internetverbindung, um zu arbeiten“, betont Canaves, der selbst als „Digitaler Nomande“ lebt. „Die meisten  Selbstständigen haben nur ein Touristenvisum. Kurz vor dessen Ablauf reisen sie einfach aus, um wenig später wieder einzureisen.“

Zu romantisch sollte sich aber niemand diesen Lebensstil vorstellen. Denn er ist nicht gleichbedeutend mit Urlaub. „Die Betonung liegt auf dem Wort ‚Arbeiten‘, nicht auf dem Begriff ‚Reisen’“, so Canaves. „Ich habe seit vier Jahren keinen Urlaub im klassischen Sinne mehr gemacht.“ Er empfiehlt Freelancern, die vom Ausland aus ihre Business betreiben, sich möglichst langsam zu bewegen. Denn alles andere schade dem Broterwerb. Einsteigern rät er: „Ein Internetbusiness muss man sich erst einmal aufbauen. Für die Übergangszeit ist es wichtig, Rücklagen zu haben. 5.000 bis 10.000 Euro als Reserve sind schon sinnvoll.“

Die Vor-und Nachteile des ortsunabhängigen Arbeitens

Für das Leben als „Digitale Nomandin“ hat sich auch die 28-jährige Barbara Riedel entschieden. Sie ist als selbstständige Übersetzerin und Dolmetscherin tätig. „Meine Kunden sind vor allem deutsche Unternehmen und Privatleute.“ Außerdem hat die studierte Philologin auch einen eigenen Reiseblog.

Riedel hat festgestellt, dass sie im sonnigen Gefilden besser arbeitet als in einem deutschen Büro: „Gerade am Strand kann ich meine Batterien immer neu aufladen und bin dann dort viel produktiver. Wenn meine Augen müde werden, schaue ich ein paar Minuten aufs Meer.“ Auch auf die Gesundheit der Hessin wirkt sich das Reisen positiv aus. Sie hat seltener Migräne und Schlafprobleme als zu Hause. Bis diesen Juni war sie auf Weltreise und erlebte 13 Länder und vier Kontinente. „Die meiste Zeit habe ich gearbeitet, das Sightseeing machte oft nur fünf Prozent aus.“

In diesem Sommer ist Barbara Riedel als Strandtesterin in verschiedenen Gegenden Südeuropas unterwegs. „Der Job ist deutlich stressiger als man denkt: Um 9 Uhr morgens ist Team-Meeting. Danach geht es an bis zu drei Strände, die ich nach einem strengen Plan bewerte.“ Außerdem führt sie noch Interviews, produziert Fotos und Videos. Am Abend muss sie alle gesammelten Informationen in eine Datenbank übertragen. „Manchmal schaffe ich es bis 21 Uhr, aber es dauert auch schon mal bis nach Mitternacht.“

Mit dem Hanomag unterwegs in Afrika

Die Berliner Patrick Fuchs und Verena Renneberg arbeiten von ihrem „Hanomag A-L 28“ aus und bereisen Afrika. Ihr Entschluss, so zu leben, entstand 2012. „Zwei Jahre lang durchquerten wir zuvor den Kontinent von Nord nach Süd und lebten von unserem Ersparten. Als wir nach Deutschland zurückkehrten, hatten wir noch lange nicht genug vom Reisen“, betont der 40-jährige Patrick Fuchs. Seitdem arbeiten beide ortsunabhängig. Über ihr Leben berichten sie auf ihrem Blog.

Er ist Webdesigner und bietet seine Produkte im Internet und vor Ort in Afrika an, während Verena Rennebergs Auftraggeber hauptsächlich in Deutschland sitzen. Sie schreibt PR-Artikel und sogenannte Suchmaschinenoptimierungstexte. „Meine Geschäftspartner mussten sich erst an die Kommunikation per Mail gewöhnen. Denn die Telefonverbindungen sind oft ziemlich schlecht“, erklärt die 34-jährige Renneberg. „Und manchmal haben wir auch kein Internet.“ Strom dagegen ist immer vorhanden. Denn der Hanomag Baujahr 1968 hat Solarzellen auf dem Dach. Viel Geld brauchen die beiden nicht: „500 Euro reichen im Monat für alles Notwendige wie Krankenversicherung, Lebensmittel und Treibstoff“, so Fuchs.

Ein Erlebnis hat die beiden in den vergangenen Monaten sehr geprägt: Im Oktober letzten Jahres wurden sie auf einem überwachten Campingplatz Opfer eines Raubüberfalls. „Nachts standen plötzlich vier mit Macheten bewaffnete junge Männer vor mir und griffen mich ohne Vorwarnung an. Sie verletzen mich schwer am rechten Arm und raubten einen unserer Laptops“, so Renneberg. Um sich von dem Vorfall zu erholen, kehrten die beiden nach Deutschland zurück. Doch im September starten sie wieder in Richtung Malawi: „Wir haben so viel Schönes in Afrika erlebt. Das wiegt dieses Erlebnis bei Weitem auf“, so Renneberg. Und Fuchs ergänzt: „Wir sind das ganze Jahr dort, wo andere zwei Wochen Urlaub machen!“

Tipps für Sie:

  • Wer Arbeiten und Reisen verbinden will, hat verschiedene Optionen wie etwa „Work and Travel“, einen klassischen Job im Ausland oder das Leben als Digitaler Nomade.
  • Bis zum Alter von 30 oder 35 Jahren kann man in Australien, Neuseeland und Kanada für zwölf Monate „Work and Travel“-Aufenthalte verbringen.
  • „Work and Traveler“ können z.B. als Kellner, Hilfskraft in Hostels, Farmmitarbeiter oder Handwerker arbeiten.
  • Wer einen sozialversicherungspflichtigen Job im Ausland sucht, sollte mindestens sechs Monate vorher beginnen, sich über das Zielland und den Arbeitsmarkt dort zu informieren.
  • Schon bei der Ausreise ist es sinnvoll, sich über die Rückkehr nach Deutschland Gedanken zu machen.
  • Am Besten man pflegt während des Auslandsaufenthaltes berufliche Kontakte in der Heimat.
  • Wer als Digitaler Nomade ortsunabhängig Geld verdienen will, sollte sein Business bereits in Deutschland aufbauen.
  • Für die erste Zeit im Ausland ist es ratsam, finanzielle Rücklagen zu bilden.

Fragen an Sie:

  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?
  • Was sind Ihre Erfahrungen mit einem „Work and Travel“-Aufenthalt?
  • Haben Sie schon im Ausland gearbeitet? Was haben Sie dort erlebt?
  • Würden Sie gerne als Digitaler Nomade arbeiten und warum?
  • Welche Erfahrungen haben Sie bereits mit dem ortsunabhängigen Arbeiten gemacht?
  • Gefällt Ihnen der Artikel? Ist er hilfreich? Dann würde ich mich über einen Like auf meiner Facebookseite freuen!

Bitte schreiben Sie auch einen Kommentar! Vielen Dank!

Meine Linkempfehlungen:

  • Die Website „Work & Travel weltweit“ berichtet über Länder, Versicherungen, „Working Holiday Visa“ sowie Anbieter und Programme: www.work-and-travel.co
  • Travelworks informiet über Auslandsprogramme in den Bereichen „Work and Travel“, Freiwilligenarbeit, Au Pair sowie  Auslandspraktika: www.travelworks.de
  • Der Blog „TravelWorkLive“ hilft, ein ortsunabhängiges Unternehmen zu führen: www.travelworklive.de
  • Barbara Riedel bloggt über das Reisen und Arbeiten unter: www.barbaralicious.com
  • Der Reiseblog „runterwegs“ von Verena Renneberg und Patrick Fuchs zeichnet ihre Afrikareise nach und hilft beim Reisen durch den Schwarzen Kontinent: www.runterwegs.de
  • Die zentrale Auslands- und Fachvermittlung berichtet über die Arbeitsbedingungen in den verschiedenen Ländern unter den Menüpunkten „Arbeit“ und „Länderinformationen“: www.zav.de

Meine Lektüreempfehlung:

  • Sebastian Canaves: Off The Path. Eine Reiseanleitung zum Glücklichsein, 240 Seiten, Ullstein (Berlin) 2015, E-Book: 9,99 Euro, Taschenbuch: 12,99 Euro.

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, August 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Wissenschaftler werden: Der Weg zum Professor ist steinig

Manch eine weiß schon im Kindesalter, dass sie Forscherin werden will. Andere entdecken ihre Leidenschaft für die Wissenschaft erst im Studium. Doch egal, wann der akademische Nachwuchs sich für eine universitäre Laufbahn entscheidet: Vor ihm liegt ein steiniger Weg, der zwar eine interessante und anspruchsvolle Tätigkeit mit sich bringt, aber auch ein beträchtliches Risiko birgt.

Wissenschaftler werden
Wissenschaftliche Karriere: Der steile Weg zum Professor

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Schulabgänger, Studierende, Berufseinsteiger und Eltern.

Dieser Artikel informiert Sie über:

  • Vorausetzungen für eine wissenschaftliche Karriere
  • Rahmenbedingungen des Wissenschaftssystems
  • verschiedene Karrierebausteine
  • Alternativen zum Professor
  • Tipps
  • Linkempfehlungen

Intrinsische Motvation als Voraussetzung

Dr. Michal Or-Guil wollte bereits als Kind Forscherin werden. „Das war für mich schon damals eine Traumlaufbahn“, berichtet die Leiterin der Forschungsgruppe Systemimmunologie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Den eigentlichen Entschluss fasste die Physikerin nach ihrem Studienabschluss: Während eines Auslandsaufenthaltes in den USA und Brasilien lernte sie verschiedene Forschergruppen kennen. Sie nutzte die Zeit, ein Promotionsthema zu suchen. „Was mich von Anfang an fasziniert hat, war die Möglichkeit, eigenen Forschungszielen nachzugehen und selbstständig Entdeckungen zu machen.“

Nach der Fertigstellung ihrer Promotion an der Universität Münster wechselte Or-Guil zum Max-Planck-Institut für Physik komplexer Systeme in Dresden. „Die Forschung an dieser außeruniversitären Einrichtung war viel internationaler und weltoffener als an der Uni. Deshalb wollte ich dort auch bleiben“, betont die Forscherin. Doch dann reizte sie eine Ausschreibung der Volkswagenstiftung für die Gründung einer Forschungsgruppe an der Humboldt-Universität. Sie bewarb sich und kam nach Berlin.

Voraussetzung: Interesse an der Forschung

Die Berufsberaterin für Abiturienten und Hochschüler Bärbel Orphal wird immer mal wieder mit dem Berufswunsch Forschung konfrontiert. Gerade bei Abiturienten herrscht aber viel Unkenntnis über den beruflichen Werdegang in der Wissenschaft: „Wer sich für diesen Beruf interessiert, muss nach dem Masterstudium erst einmal an einer Universität promovieren“, erklärt Orphal von der Arbeitsagentur Berlin Mitte. Sie rät Interessierten, bereits im Bachelorstudium erste Schritte zu tun. „Am Besten absolvieren sie Forschungspraktika oder arbeiten als wissenschaftliche Hilfskraft an Lehrstühlen.“ Das ist auch eine gute Voraussetzung, um später an der Universität eine Promotionsstelle zu erhalten … vorausgesetzt, die Leistungen stimmen.

Die Rahmenbedingungen im Wissenschaftsystem kennen

Wer in der Forschung arbeiten will, sollte sich mit deren Rahmenbedingungen beschäftigen: „Während und nach der Promotionsphase haben Akademiker fast immer befristete Stellen“, betont Orphal. Außerdem sei das Gehalt an den Hochschulen oft deutlich geringer als in der Wirtschaft.

Auch Or-Guil sieht in der Befristung ein Problem: „In der Wissenschaft zu arbeiten ist wirklich sehr attraktiv, weil man selbstständig forschen kann. Allerdings ist es schwierig, längerfristig zu planen, wenn die Stellen nur befristet sind“, betont die Forscherin. Das mache es vielen Nachwuchskräften schwer, in der Forschung zu bleiben. „Bei mir selbst hat sich immer wieder ein guter nächster Schritt ergeben.“ Doch das Risiko sei erheblich. Denn nach einer befristeten Beschäftigung eine Anschlussfinanzierung zu finden, sei keine Selbstverständlichkeit.

Leben zwischen W 3 und Hartz IV

Die Berlinerin Dr. Monika Klinkhammer hat sich auf die Beratung von Wissenschaftlern spezialisiert und kennt deren spezifische Probleme. „Die Zahl der Professorenstellen ist bekanntlich gering.“ Von zwei bis drei Habilitierten – also entsprechend Qualifizierten –  werde nur einer tatsächlich Professor. Das sei ein „Engpass“. Denn vor der Berufung zum universitären Hochschullehrer stehen oft viele Jahre Unsicherheit und prekäre Arbeitsverhältnisse. „Das ist ein Leben zwischen W 3 und Hartz IV mit vielen Ortswechseln“, fasst es Klinkhammer zusammen. „Auch die Familienplanung und das Leben in einer Partnerschaft bleibt dabei oft auf der Strecke.“

Publikationen und Präsentationen auf Kongressen zählen

Um in der Wissenschaft Karriere zu machen, braucht es nicht nur fachliche Brillanz, sondern noch viele andere Kompetenzen. „Ganz wichtig ist es, dass sich Nachwuchskräfte mit ihrer Arbeit präsentieren können, zum Beispiel auf Kongressen und Tagungen“, berichtet Klinkhammer. Zudem sollten Promovierende neben ihrer eigentlichen Doktorarbeit weitere Forschungsergebnisse publizieren. „Gerade die Anzahl und Qualität der Publikationen entscheidet über den weiteren Werdegang, allerdings auch die Fähigkeit zu netzwerken.“

Zu dem wissenschaftlichen Nachwuchs, den Dr. Monika Klinkhammer coacht, gehört auch Julia Dittmann. Die 44-jährige Berlinerin promoviert derzeit an der Universität Bayreuth und hat ein klares Ziel vor Augen: „Ich möchte später an einer Film- oder Kunsthochschule arbeiten.“ Die Mutter zweier Kinder kann auf vielfältige künstlerische und wissenschaftliche Erfahrungen zurückblicken: Sie hat eine Film- und Schauspielschule besucht, ihr Geld als Filmemacherin fürs Fernsehen verdient und dann Filmwissenschaft, Geschichte und Gender Studies studiert. Dittmann: „Da ich mein Studium mit ’sehr gut‘ abgeschlossen habe, entstand die Idee, eine Doktorarbeit zu schreiben.“

Julia Dittmann promoviert im Rahmen der Bayreuth International Graduate School of African Studies über ein Thema im Bereich der feministischen Filmtheorie. So pendelt sie zwischen Berlin und Oberfranken. „Das ist natürlich mit zwei kleinen Kindern ziemlich anstrengend.“ Von ihrer Doktormutter erfährt sie Unterstützung und Förderung. So konnte sie bereits zwei Semester an der Uni lehren.

Disziplin hilft

„Für die Arbeit an der Promotion ist viel innere Disziplin nötig. Doch auch der Austausch innerhalb der Graduiertenschule und mit meiner queer-feministische Promotionsgruppe hilft mir.“ So trifft sie sich in Berlin regelmäßig mit anderen Doktorandinnen und diskutiert offen anstehende Probleme.

Dr. Uta Hoffmann vom Servicezentrum Forschung der Humboldt-Universität empfiehlt allen, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, frühzeitig zu netzwerken: „Es ist sinnvoll herauszufinden, wo im eigenen Fach die Musik spielt und was in der Spitzenforschung vor sich geht“, so Hoffmann. Das sei in erster Linie Aufgabe jedes Einzelnen. Doch inzwischen könnten Promovierende und Promovierte auf ein differenziertes Unterstützungssystem an vielen Hochschulen bauen. So habe die Humboldt-Universität zum Beispiel die Dachorganisation für strukturierte Promotionsprogramme die „Humboldt Graduate School“ eingerichtet. Deren Ziel es ist, Promovierenden gute Rahmenbedingungen zu bieten wie zum Beispiel Kurse zu Schlüsselqualifikationen, Mentoring und Orientierung sowie die Unterstützung in Konfliktfällen.

Beratungsangebote nutzen

Nach der Promotion berät die Universität die sogenannten Postdocs zum Beispiel bei der Beantragung von Geldern.Sie bietet auch ein spezielles Fortbildungsprogramm an“, betont Hoffmann. Trotz der vielfältigen Angebote ist jedoch das Engagement des Nachwuchswissenschaftlers entscheidend … zum Beispiel die Bereitschaft, für einen Forschungsaufenthalt ins Ausland zu gehen. Denn internationale Erfahrung spielt in der Wissenschaft eine wichtige Rolle.

Gerade angesichts der wenigen Professorenstellen hält Orphal es für hilfreich, sich frühzeitig über die vielfältige Wissenschaftslandschaft in Deutschland zu informieren. Denn so könne man auch Alternativen zum Karriereziel Hochschullehrer entwickeln. Außeruniversitäre Forschungseinrichtungen wie die Max-Planck-Institute kommen dafür genauso infrage wie Stellen im Wissenschaftsmanagement.

Alternativen entwickeln

Die Arbeit im Wissenschaftsmanagement ist dabei keineswegs nur eine Notlösung, wenn es mit dem Traum vom Forscher nicht geklappt hat. Der Beruf des wissenschaftlichen Koordinators kann vielmehr selbst ein interessantes berufliches Ziel sein! Dr. Micha Schröter hat sich zum Beispiel ganz bewusst für diese Arbeit entschieden. Zuerst studierte er Biochemie in Halle an der Saale und promovierte dann am „Deutschen Rheuma-Forschungszentrum“ in Berlin. Nach seiner Promotion arbeitete er noch zwei Jahre als Forscher, bevor er dann ins Wissenschaftsmanagement wechselte.

„Ich wollte immer etwas mit Menschen für Menschen machen. Das kommt in der Forschung zu kurz“, betont Schröter, der heute als Wissenschaftlicher Koordinator beim „Integrativen Forschungsinstitut für Lebenswissenschaften“ in Berlin beschäftigt ist.  Er  arbeitet an der Vernetzung von Wissenschaftlern, organisiert Veranstaltungen und Kongresse. „Außerdem entwickle ich ein Angebot für unsere Graduiertenschule.“ Dass er selbst so lange geforscht hat, sieht Schröter als wichtige Voraussetzung, um mit den Forschern auf Augenhöhe arbeiten zu können.

Meine Tipps auf einen Blick:

  • Intrinsische Motivation und Interesse an der Forschung sind Voraussetzungen für eine Karriere in der Wissenschaft.
  • Angehende Wissenschaftler sollten die Rahmenbedingungen im Wissenschafts- und Hochschulsystem kennen, wie zum Beispiel die Befristung von Stellen.
  • Diese Rahmenbedingungen sollten sich mit den weiteren Lebenszielen des Forschers vereinbaren lassen.
  • Publikationen und Präsentationen auf Kongressen sind wichtige Karrierebausteine.
  • Internationale Erfahrung zählt.
  • Selbstdisziplin und Selbstmanagement sind Voraussetzungen für den beruflichen Erfolg als Forscher.
  • Wissenschaftler sollten die verschiedenen Beratungsangebote nutzen.
  • Sie sollten eine berufliche Alternative zum Professor entwickeln.

Meine Fragen an Sie:

  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?
  • Was sind Ihre Erfahrungen mit der Promotions- und Postdoc-Zeit?
  • Sind Sie im Wissenschaftssystem geblieben oder ausgestiegen?

Meine Linkempfehlungen:

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, Juli 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Selbstsabotage im Job: Gegen die eigenen Interessen handeln

Schon wieder einen Termin vergessen oder Aufgaben vor sich hergeschoben … Berufstätige handeln nicht immer zu ihrem eigenen Vorteil, sondern sabotieren sich mitunter selbst. Und das bleibt nicht ohne Folgen für den Job. Psychologen und Coachs kennen das Phänomen des sich selbst schädigenden Verhaltens.

Vorsicht Selbstsabotage!
Selbstsabotage im Beruf

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Studierende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene und Neustarter.

Dieser Artikel informiert Sie über:

  • Ursachen der Selbstsabotage
  • Folgen
  • Lösungsansätze
  • Tipps
  • Linkempfehlungen
  • Literaturempfehlungen

„Selbstsabotage im Beruf kann verschiedene Gestalten annehmen“, erklärt der Buchautor und Coach Prof. Dr. Manuel Tusch aus Köln. „Zum Beispiel in Form von Vorsätzen, die Berufstätige nicht einhalten oder Angst, die sie blockiert. Manche lassen Termine schleifen oder kommunizieren anders als sie eigentlich wollen. Der menschliche Geist ist da sehr erfinderisch.“

Ein typisches Beispiel für Selbstsabotage kennt auch Autorin und Coach Dr. Petra Bock: „Statt den Chef auf eine Lohnerhöhung anzusprechen, denken sich Arbeitnehmer vorher Gründe aus, warum ihr Vorgesetzter das ablehnen wird.“ So torpedieren sie von vornherein ihren Wunsch nach mehr Gehalt. „Ich nenne dieses Phänomen ‚Mindfuck‘. Darunter verstehe ich Gedanken, mit denen sich Menschen – auch im Job – selbst schaden„, erklärt die Berlinerin. Bock schreibt über die Selbstsabotage im Beruf gerade ein Buch mit dem Titel „Mindfuck. Job“, das im kommenden Herbst erscheinen wird.

Das Problem sind die Gedanken

Es sind oft die eigenen Gedanken, die Berufstätigen im Wege stehen: „Ein sich selbst schädigendes Verhalten resultiert am häufigsten aus dysfunktionalen Glaubenssätzen“, betont Tusch, der in Münster zum Thema Beratung, Mediation und Coaching lehrt und forscht. Und die funktionieren so: Jemand will Karriere machen, denkt aber gleichzeitig unbewusst negativ über sich selbst. In seinem Kopf tauchen immer wieder Sätze auf wie „Ich bin wertlos“, „Ich kann nichts“ oder „Mich nimmt keiner ernst“. Das Problem bei diesen Glaubenssätzen ist, dass sie häufig genau das bewirken, was sie beschreiben. „Es handelt sich dabei um eine selbsterfüllende Prophezeiung: Das, was Menschen am stärksten befürchten, tritt ein. Ein sehr tragischer Mechanismus.“

Oft spielt auch die Angst eine große Rolle: „Manchmal ist es für Menschen angenehmer, wenn sie Aufgaben erst gar nicht angehen, als wenn sie Gefahr laufen, potenziell zu scheitern“, berichtet Tusch. Das erklärt auch, warum so viele Berufstätige bestimmte Vorhaben immer wieder aufschieben, wie zum Beispiel, an einer Fortbildung teilzunehmen oder weitere Karriereschritte in Angriff zu nehmen. So können sie den ausbleibenden Erfolg auf ihre Aufschieberitis zurückführen und müssen sich nicht der Tatsache stellen, dass sie scheitern könnten. „Dieses Verhalten dient dazu, den Selbstwert zu schützen.“

Aufschieberitis

Dr. Frank Wieber vom Lehrstuhl für Sozialpsychologie und Motivation an der Universität Konstanz kennt als Wissenschaftler das sogenannte Self-Handicapping. „Studien zeigen zum Beispiel, dass Studierende vor einer Prüfung noch Party machten.“ Dieses selbstschädigende Verhalten hatte für sie zwei entscheidende Vorteile: Im Falle einer schlechten Leistung hatten die Studierenden so einen Begründung und mussten sich und anderen nicht eingestehen, dass es eventuell auch an ihren mangelnden intellektuellen Fähigkeiten lag. War die Leistung gut, wirkt das Resultat noch eindrucksvoller und lässt den Betreffenden intelligenter erscheinen.

Petra Bock kennt noch weitere Selbstsabotage-Methoden beschrieben: Wer sich zum Beispiel ständig irgendwelche Horrorszenarien wie den Jobverlust ausdenkt – und das ohne stichhaltige Gründe -, ist vom „Katastrophen-Mindfuck“ betroffen. Eine andere Variante ist der „Selbstverleugnungs-Mindfuck“. Dieser sorgt dafür, dass der Mitarbeiter sich eher um das Wohl der Kollegen kümmert als um seine eigene Arbeit. Manche Beschäftigte leiden auch unter dem „Regel-Mindfuck“: Er suggeriert dem Betroffenen, sich unbedingt an willkürliche oder längst überholte Regeln halten zu müssen.

Ursachen erkennen

Was sich im Berufsalltag heute als problematisch erweist, hatte in anderen Lebensabschnitten seinen Sinn. Tusch: „Je nachdem, wie wir erzogen wurden, begleiten uns gewisse Glaubenssätze und Ängste schon seit Jahren oder Jahrzehnten. Manche davon waren durchaus einmal nützlich für uns.“ So bewahrt die Angst Menschen davor, unvorsichtig zu sein. Aber ab einem gewissen Zeitpunkt können sich Gedanken, die einmal ihren Sinn hatten, kontraproduktiv auswirken.

Auch der Psychologe Wieber betont, dass die scheinbaren Vorteile des Self-Handicapping langfristig mehr Nachteile mit sich bringen: „Die sogenannten interpersonellen Kosten dieses Verhaltens sind sehr hoch. Denn die Menschen, die sich selbst schädigen, werden als unzuverlässig wahrgenommen.“ Das Umfeld unterstellt Aufschiebern, sie seien nicht gut organisiert oder uninteressiert. Die Ausrede, keine Zeit gehabt zu haben, wird zwar von dem Umfeld in der Regel für einen konkreten Fall akzeptiert. Allerdings leidet das allgemeine Ansehen des Aufschiebers. Die Forschung belegt zudem, dass Frauen solch ein Verhalten deutlich negativer beurteilen als Männer, die in diesen Fällen toleranter sind.

Langfristig entstehen Nachteile

Das selbstschädigende Verhalten wirkt sich langfristig auch negativ auf die Motivation und Leistungsfähigkeit eines Menschen aus: „Self-Handicapping führt dazu, dass sich Betroffene hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben und nur wenig weiterentwickeln. Da es in den meisten Fällen wichtiger ist, Erfolg zu haben, als gute Gründe für einen Misserfolg, kann Self-Handicapping das berufliche Weiterkommen sabotieren.“, berichtet Wieber. Außerdem wird dieses Verhalten oft als große psychische Belastung empfunden, die auch die Gesundheit beeinträchtigen kann.

Frank Berndt aus Neuburg an der Donau erlebt in seiner Beratertätigkeit ständig, wie bestimmte Glaubenssätze Berufstätigen schaden. Der Coach hat sich auf die Themen Burnout und Burnoutprävention spezialisiert. „Wer zum Beispiel glaubt, es allen recht machen zu müssen, überschreitet meist seine Belastungsgrenze.“ So ein Berufstätiger kann einfach nicht ’nein‘ sagen, weil er die schlimmsten Konsequenzen fürchtet. Aber genau dieses Verhalten führt in der Regel zu Selbstausbeutung. „Die Betroffenen nehmen sich immer weniger Zeit für soziale Kontakte, ausreichend Schlaf oder andere schöne Dinge des Lebens“, betont Berndt. „Am Ende bekommen sie oft Burnout.“

Eine mögliche Folge: Burnout

Nach Berndts Einschätzung helfen Präventions-Maßnahmen wie mehr Work-Life-Balance, Nein-Sagen oder mehr Entspannung gerade deshalb nicht, weil die Ursachen tiefer liegen. „Wenn Berufstätige diese Ratschläge befolgen, haben sie meist ein schlechtes Gewissen und Angst vor den Konsequenzen.“ Deshalb empfiehlt Berndt, sich der eigenen Gedanken bewusst zu werden. Um ein mögliches Ausbrennen zu verhindern, sei es wichtig, die inneren Antreiber für selbstschädigende Handlungen zu erkennen und die verborgenen Mechanismen zu identifizieren. Erst dann haben Betroffene die Chance, problematische Glaubenssätze und Ängste zu „entmachten“.

Auch die mit dem Coaching Award 2012 ausgezeichnete Petra Bock rät dazu, problematischen Gedanken auf die Spur zu kommen. „Hilfreich ist zum Beispiel das Führen eines Gefühlstagebuchs. Hier sollten Berufstätige alle Stimmungen und Gedanken aufschreiben, die sie den Tag über begleiten.“ Mithilfe dieser Aufzeichnungen lässt sich leicht ein Realitätscheck machen. Der Unterschied zwischen diffusen Ängsten und berechtigten Sorgen wird deutlich. „Die ständige Angst vor der Kündigung entlarvt sich dabei zum Beispiel meist als Hirngespinst“, betont Bock.

Selbstsabotage überwinden

„Da jeder Mensch ein individuelles Muster der Selbstsabotage hat, gibt es leider keine Standardrezepte für deren Überwindung“, betont Bock. Ein Weg hat sich aber ihrer Erfahrung nach bewährt: „Wer sich selbst sabotiert, verhält sich häufig wie ein Kind. Er ist trotzig oder ängstlich. Aus dieser Rolle sollten die Betroffenen aber herausschlüpfen und sich wie ein wirklich Erwachsener verhalten.“ Denn wer sich fragt, wie so ein Erwachsener handeln würde, findet am ehesten tragfähige Lösungen für Probleme. Ein Arbeitnehmer redet sich dann zum Beispiel den Wunsch nach einer Gehaltserhöhung nicht mehr aus, sondern bereitet sich bestens auf das Gespräch mit dem Chef vor.

Wieber empfiehlt, sich konkret mit den eigenen Wünschen und Zielen zu beschäftigen. Der Psychologe weiß nur zu gut, dass viele Wünsche eher Tagträume sind, die gar nicht darauf angelegt sind, Wirklichkeit zu werden. Die sogenannte mentale Kontrastierungsmethode kann helfen, Ziele zu finden, die nicht nur erstrebenswert, sondern auch erreichbar sind: „Dabei stellt man sich zunächst die gewünschte Veränderung mit ihren positiven Konsequenzen vor, um diese dann mit den Hindernissen zu kontrastieren, die dem Erreichen dieses Ziel im Weg stehen.“ Um die Umsetzung dieser Ziele zu unterstützen, sollte zusätzlich genau geplant werden, wie sich die Hindernisse überwinden lassen. Nachgewiesenermaßen hilft dieses Vorgehen.

Meine Tipps auf einen Blick:

  • Überlegen Sie sich, ob das Thema Selbstsabotage in Ihrem eignen Leben eine Rolle spielt.
  • Finden Sie heraus, welche Gedanken und Gefühle Ihnen immer wieder im Wege stehen.
  • Seien Sie ehrlich zu sich.
  • Notieren Sie Ihre Empfindungen und Gedankenspiele auf und reflektieren Sie diese.
  • Versuchen Sie herauszufinden, welche Ursache diese Gefühle und Gedanken haben.
  • Überlegen Sie, welche mittel- und langfristigen Folgen die Selbstsabotage mit sich bringen kann.
  • Fragen Sie sich, ob Ihre eigenen Wünsche, eher Tagträume sind oder Ziele, die Sie wirlich erreichen wollen.
  • Kontrastieren Sie die gewünschte Veränderung mit Ihren positiven Konsequenzen mit möglichen Hindernissen.
  • Fragen Sie sich ehrlich, ob der Aufwand lohnt.
  • Planen Sie die Umsetzung Ihres Ziels möglichst genau.

Meine Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Kommt Ihnen das Thema ‪‎Selbstsabotage‬ bekannt vor?
  • Schieben Sie bestimmte Aufgaben immer wieder auf?
  • Stehen Sie sich manchmal oder öfters selbst im Weg?
  • Wenn dem so ist, interessiert mich, was Ihnen hilft?
  • Faden Sie meinen Artikel weiterführend?

Bitte schreiben Sie es in die Kommentare! Vielen Dank!

Meine Linkempfehlungen:

Mein Artikel zum Thema „Denkfallen im Job“ zeigt, wie Menschen sich mit ihren eigenen Gedanken im Wege stehen: http://blog.anjaschreiber.de/fiese-denkfallen-im-job

Frank Berndt informiert auf seiner Website über Burnout und Burnoutprävention sowie über sein Beratungsangebot: www.burnout-fachberatung.de

Mehr über das Coachingangebot und die Bücher von Petra Bock findet sich unter: www.petrabock.de

Über den Buchautor, Coach und Wirtschaftsmediator Prof. Dr. Manuel Tusch informiert seine Homepage: www.tusch-consulting.com

Meine Literaturempfehlungen:

Petra Bock : Mindfuck. Warum wir uns selbst sabotieren und was wir dagegen tun können, 256 Seiten, Knaur (München) 2011, 19,90 Euro.

Volker Kitz, Manuel Tusch: Warum uns das Denken nicht in den Kopf will. Noch mehr nützliche Erkenntnisse der Alltagspsychologie, 288 Seiten, Heyne (München) 2014, 8,99 Euro.

(Hauptartikel  veröffentlicht in der Berliner Zeitung, April 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Jobs in der Finanzbranche: Viele Wege führen zum Ziel

Das Image der Banken hat gelitten. Doch die Finanzwirtschaft bietet vielfältige Berufseinstiegsmöglichkeiten: Neben einer großen Palette an grundständigen betriebswirtschaftlichen Studiengängen können junge Leute auch eine klassische kaufmännische Ausbildung oder ein duales Studium absolvieren.

Jobs in der Finanzbranche: Eine Ausbildung oder ein Studium ermöglichen den Einstieg.
Berufseinstieg in die Finanzbranche: Studium oder Ausbildung machen es möglich.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Schulabgänger, Auszubildende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene und Neustarter.

Dieser Artikel informiert Sie über:

  • die verschiedenen Wege in die Finanzbranche
  • die verschiedenen Studiengänge
  • das duale Studium
  • die duale Ausbildung
  • den Berufseinstieg in die Finanzbranche für Akademiker
  • den Berufseinstieg als selbstständiger Finanzberater
  • Meine Infos für Sie auf einen Blick
  • Meine Linkempfehlungen

Trotz der vielen BWL-Absolventen hält auch Thomas Werner, Berater für Akademische Berufe bei der Arbeitsagentur München, ein betriebswirtschaftliches Studium für aussichtsreich: „Die Finanzwirtschaft bietet viele Jobs. Denn nicht nur Banken brauchen BWLer, sondern auch jedes Unternehmen hat eine Finanzabteilung, die sich mit Investition und Finanzierung beschäftigt.“

Dr. Alexandra Rohlmann, Geschäftsführerin des Bundesverbandes Deutscher Volks- und Betriebswirte, sieht ebenfalls „wirklich gute Berufsaussichten“: „Unternehmen brauchen vor allem Betriebswirtschaftler. Während Banken sowohl Betriebswirtschaftler als auch Volkswirtschaftler einstellen, finden sich in den Wirtschaftsforschungsinstitutionen in erste Linie Volkswirte. “ Auch die Einstiegsgehälter seien sehr gut und die Konkurrenz werde kleiner. Denn bei der Generation Y habe die Finanzwirtschaft einen Vertrauensmalus zu verzeichnen.

Welche Art des Studiums für den einzelnen Schulabgänger infrage komme, hänge vom jeweiligen Typ ab, so Werner: „Wer sich zum Beispiel für ein duales Studium entscheidet, also den berufsbildenden Abschluss samt Bachelor-Titel parallel erwerben will, sollte sich über die speziellen Charakteristika und Anforderungen des eingeschlagenen Weges bewusst sein und sich genau informieren, zum Beispiel bei uns als Arbeitsagentur.“

Studieren oder dual studieren

Obwohl der Doppelabschluss eine mögliche Alternative sein kann, führen auch weitere Wege zum Ziel: „Ob sich Abiturienten für eine Universität oder eine Hochschule für angewandten Wissenschaften entscheiden, hängt davon ab, ob sie sich etwas mehr für die theoretische Forschung oder mehr für die angewandte Praxis interessieren.“ Grundsätzlich qualifizieren all diese verschiedenen Studiengänge für eine Tätigkeit in der Finanzwirtschaft, egal ob sie nun den Begriff Finance, Finanzwirtschaft oder BWL im Namen haben.

Immer wichtiger wird das Thema Spezialisierung. „Heute brauchen Banken immer weniger Generalisten, sondern Spezialisten“, erklärt Rohlmann. „Deshalb sollten sich Studierende möglichst frühzeitig auf die Finanzwirtschaft fokussieren und auf das Renommee der Hochschule achten.“

Doch auch die Noten und Persönlichkeit spielen eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund ergänzt Werner: „Wichtig bei der Wahl des Studienorts und der Hochschule ist, dass sich der Studierwillige vor Ort genau über die Studieninhalte informiert.“ Wenn diese zu seinen Interessen passen, kann er auch gute Noten erreichen.

Neben einem wirtschaftswissenschaftlichen Studium ist der klassische Weg in die Finanzwirtschaft immer noch eine betriebliche Ausbildung. Ulf Grimmke, Leiter Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik beim Arbeitgeberverband des privaten Bankgewerbes, erklärt: „Die Bankkauffrau und der Bankkaufmann gehören zu den beliebtesten und zahlenmäßig stärksten Ausbildungsberufen. Die Einstellungsquoten sind genauso wie die Bewerberzahlen auf hohem Niveau.“ Ein Nachwuchsproblem sieht er nicht.

Klassische Ausbildung

Wer in den Finanzabteilungen von Unternehmen arbeiten will, dem bieten sich verschiedene kaufmännische Ausbildungen an, wie zum Beispiel die Ausbildung zum Bankkaufmann, Kaufmann Versicherungen und Finanzen sowie Industriekaufmann, erklärt Werner. „In Immobilienunternehmen sind im Bereich Finanzierung unter anderem auch Immobilienkaufleute tätig.“ Nach einer Ausbildung eröffnen sich viele Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten: Bankkaufleute können zum Beispiel den Fachwirt machen oder ein akademisches Studium absolvieren. Neben einem Präsenzstudium sind auch berufsbegleitende Studiengänge möglich.

Traineeprogramm oder Direkteinstieg

Für Hochschulabsolventen unterschiedlicher Fachrichtungen hat das Bankwesen zwei Einstiegsoptionen: Traineeprogramme und der Direkteinstieg. „Als Trainees werden nicht nur Wirtschaftswissenschaftler, sondern zum Beispiel auch Politologen, Physiker oder Geisteswissenschaftler eingestellt“, so Grimmke. Bei Positionen für einen Direkteinstieg zählt oft die fachliche Expertise, wie sie zum Beispiel Juristen oder Informatiker mitbringen.

Berufseinstieg als selbstständiger Finanzberater

Zur Finanzwirtschaft gehören auch die unabhängigen Finanzdienstleister. „In der Vergangenheit haben es Vertriebe mit ihrer Personalgewinnung leider oft nicht so genau genommen, da Vermittler nur einen Gewerbeschein brauchten … sonst nichts“, berichtet Frank Rottenbacher vom Vorstand des AfW Bundesverband Finanzdienstleistung. Doch diese Zeiten seien inzwischen vorbei. „Heute müssen alle diejenigen, die Kapitalanlagen vermitteln, bei den Industrie- und Handelskammern eine Sachkundeprüfung ablegen, zuverlässig sein, geordnete Vermögensverhältnisse nachweisen und über eine Berufshaftpflicht verfügen.

Das hat vieles für Berufseinsteiger verändert: „Den nebenberuflichen Anlageberater, der als Neuling sofort seine Kunden berät, gibt es nicht mehr. Denn jeder Einsteiger muss mindestens drei- bis sechsmonatige Kurse absolvieren, um eine IHK-Prüfung ablegen zu können … oder aber bereits ausreichend Qualifikationen nachweisen“, so Rottenbacher. Wer sich zum Beispiel nach jahrelanger Tätigkeit in einer Bank für die Selbständigkeit als Finanzberater entscheidet, dem wird seine Bankqualifikation anerkannt. „Ein unabhängiger Finanzberater braucht nicht unbedingt ein Hochschulstudium. Aber wenn er insbesondere Akademiker beraten will oder eine größere Agentur aufbauen möchte, kann so ein Studium sehr wohl Sinn machen.“

Doch egal, ob jemand bei Unternehmen, Banken oder als Selbständiger arbeitet: Leidenschaft für Kunden und Finanzthemen ist Grundvoraussetzung für den beruflichen Erfolg.

Meine Infos für Sie auf einen Blick:

  • Es gibt verschiedene Ausbildungsvarianten für alle, die in der Finanzbranche arbeiten wollen.
  • Ein Klassiker ist ein wirtschaftswissenschaftliches Studium.
  • Auch mit anderen Studienabschlüssen können Sie in die Finanzbranche einsteigen, zum Beispiel als Juristen, Politologen, Physiker oder Geisteswissenschaftler.
  • Nach einem Hochschulabschluss können Sie via Traineeprogramm oder Direkteinstieg Ihre Laufbahn in der Branche starten.
  • Auch über ein duales Studium oder eine klassische Ausbildung ist ein Berufseinstieg möglich.
  • Nach einer klassischen Ausbildung bieten sich zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten an, zum Beispiel auf akademischem Niveau.
  • Eine weitere Möglichkeit in der Finanzbranche zu arbeiten, bietet die Tätigkeit als selbstständiger Finanzberater. Diese Option bietet sich auch für berufserfahrene Quereinsteiger aus anderen Branchen.
  • Dafür müssen Sie bei der Industrie- und Handelskammer eine Sachkundeprüfung ablegen oder über entsprechende Vorkenntnisse verfügen.

Meine Fragen an Sie:

  • Welche Erfahrungen haben Sie beim Einstieg in die Finanzbranche gemacht?
  • Welchen Studienabschluss oder welche Ausbildung haben Sie absolviert?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
  • Fanden Sie diesen Artikel hilfreich?

Meine Linkempfehlungen:

(Hauptartikel eröffentlicht in der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, Juni 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Downshifting im Beruf: Sinn statt Hamsterrad

Freiwillig auf Geld und Status verzichten: Das nennt sich Downshifting. Dabei schalten Berufstätige ganz bewusst „herunter“, um berufliches Neuland zu betreten und mehr Lebensqualität zu gewinnen. Hintergrund ist ihre Unzufriedenheit im alten Job. Doch mit Aussteigen hat das Downshifting in den allermeisten Fällen nichts zu tun.

Downshifting im Job
Tipps für’s Dowbnshifting im Beruf

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufserfahrene und Neustarter.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • was Downshifting ist.
  • welche Gründe dazu führen.
  • welche Schritte zum Downshifting gehören.
  • Tipps in Sachen Bewerbung.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

Die 54-jährige Karriereberaterin Martina Bandoly begleitet nicht nur ihre Klienten beim Downshifting. Sie hat diesen Prozess auch selber hinter sich: Viele Jahre lang war sie in einem großen Telekommunikationskonzern als Führungskraft tätig. Zuletzt führte sie 30 Beschäftigte. „Die längste Zeit machte mir meine Arbeit großen Spaß. Denn ich hatte viele Freiheiten und konnte selbstbestimmt arbeiten.“ Ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Tätigkeit bildete die Karriereentwicklung ihrer Mitarbeiter. Sie schloss Zielvereinbarungen, führte Jahresgespräche und Gehaltsverhandlungen.

Doch Umstrukturierungen im Konzern veränderten ihre Arbeit. „Auf einmal sollte ich mich hauptsächlich mit der Akquise neuer Projekte befassen. Die Mitarbeiterführung selbst hatte ich nach den Vorstellungen meiner neuen Vorgesetzten nur noch nebenbei zu erledigen“, berichtet Bandoly. Auf einmal wurde der Führungskraft genau auf die Finger geschaut.

Die Frage nach dem Sinn

Bandoly sah keinen Sinn mehr in ihrer Arbeit. „Ich konnte meine wichtigsten Werte nicht mehr leben: Das freie selbstbestimmte Arbeiten und den Einsatz für die Angestellten.“ Sie entschied sich für den Ausstieg, bekam eine Abfindung und suchte nach einem beruflichen Neuanfang. Das war vor fünf Jahren. „Es war genau die richtige Entscheidung“, sagt die Berliner Karriereberaterin heute.

Immer noch hält sich die Meinung, dass Downshifting gleichbedeutend mit Totalausstieg ist. Dass dies nur in Ausnahmefällen zutrifft, weiß Dr. Wiebke Sponagel, Coach und Buchautorin aus Frankfurt a. M.: „Beim Downshifting finden Berufstätige heraus, was sie können und was sie wirklich wollen“, betont sie. „Die meisten meiner Klienten wollen im Einklang mit sich selbst und anderen leben und arbeiten.“

Zentrale Faktoren dabei sind Selbstbestimmung und die Frage nach dem Sinn. Ziel ist es, die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. Die Berufstätigen möchten ihr Lebenstempo und die Inhalte ihrer Arbeit besser steuern können. „Es geht keinesfalls um ein Leben in der Hängematte. Auch Menschen, die heruntergeschaltet haben, sollten in der Lage sein, bei Bedarf wieder ein paar Gänge hochzuschalten. Denn Langsamkeit allein ist noch keine Problemlösung“, erklärt Sponagel.“ 30 Prozent meiner Klienten sind potentielle Downshifter, die in ihrer jetzigen Arbeit keinen Sinn mehr sehen“, berichtet Sponagel. Größtenteils sind sie 40 Jahre oder älter und männlich. Viele von ihnen sind in „Sandwichpositionen“.

Macht und Status allein reichen nicht

Der Kölner Karrierecoach Dr. Bernd Slaghuis bestätigt ebenfalls: „Meist sind Downshifter Menschen im mittleren Alter, deren Karriere meist gut läuft.“ Doch das Macht und Status allein reicht vielen nicht mehr aus, um dauerhaft zufrieden zu sein. „Diese Berufstätigen stellen fest, dass sich ihre Werte im Laufe ihres Berufslebens verändert haben. Sie wollen raus aus dem Hamsterrad. Karriere und Geld allein interessiert sie immer weniger. Sie brauchen mehr Zeit für Anderes, etwa die Familie und suchen häufig eine stärker selbstbestimmte Tätigkeit.“

Auch Herwarth Brune, Geschäftsführer der ManpowerGroup Deutschland, sieht in der Sinnfrage einen wesentlichen Grund für die Jobunzufriedenheit von Arbeitnehmern: „Wer in seiner Arbeit keinen Sinn erlebt, verliert den Spaß daran und ist häufig nicht mehr so erfolgreich.“ Wie die kürzlich erschienene Studie ‚Jobzufriedenheit 2015‘ der ManpowerGroup nachweist, gehört auch fehlende Wertschätzung zu den Faktoren, die Beschäftigte unzufrieden stimmen. Ein weiteres Problem sind die zeitlichen Rahmenbedingungen: „Mit der aktuell anziehenden Konjunktur verschlechtert sich oft die Situation der Mitarbeiter. Diese müssen mehr leisten, weil die Aufträge gestiegen sind“, so Brune. „Der Anteil an flexiblen Arbeitszeitmodellen sank im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls.

Unzufriedenheit als Symptom

Viele Klienten von Slaghuis sind sich gar nicht klar darüber, dass sie eigentlich den Wunsch nach Downshifting haben. „Oft verspüren sie ein unbestimmtes Gefühl von Unzufriedenheit. Erst wenn ich mit ihnen über ihre Werte rede, stellt sich heraus, dass sie diese in ihrem Job nicht verwirklichen können.“ Deshalb ist der erste Schritt zu mehr Zufriedenheit, sich über die eigenen Werte klar zu werden. In einem zweiten Schritt wird überlegt, wie sich diese Werte konkret umsetzen lassen. Deshalb fragt Slaghuis seine Klienten, welche Dinge sie in ihrem Arbeitsalltag als erstes verändern würden und was sie davon für realistisch halten. Ein Vertriebsmanager könnte zum Beispiel feststellen, dass er lieber sein Wissen weitergeben möchte als ständig neue Umsatzziele zu erreichen. In diesem Fall macht zum Beispiel eine berufsbegleitende Trainerausbildung Sinn. „Es muss nicht sein, dass jemand sofort aussteigt. Aber ein neues langfristiges Ziel kann dazu führen, dass sich auch die Einstellung des Berufstätigen zum aktuellen Job ändert und er zufriedener wird.“

Um gute, aber unzufriedene Mitarbeiter zu halten, sieht Brune auch die Arbeitgeber in der Pflicht: „Gerade Arbeitnehmer, die komplexe Aufgaben zu lösen haben, sind oft in 30 Arbeitsstunden produktiver als andere in 50 Stunden. Deshalb sollten Unternehmen ihren Mitarbeitern in Sachen Arbeitszeit und Flexibilität soweit wie möglich entgegenkommen.“ Er ist sich sicher, dass ein solches Vorgehen die Jobzufriedenheit steigern würde und mögliche Downshifter davon abhält, die Firma ganz zu verlassen.

Tipp: Ziele und Wünsche klar kommunizieren

„Aufgabe des Mitarbeiters bleibt es, sich über seine Ziele und Wünsche klar zu werden und diese auch klar zu kommunizieren“, so Brune. Wer das macht, kann leichter gegenüber seinem Vorgesetzten argumentieren, was er wirklich will. „Ein guter Chef wird die Wünsche seines Mitarbeiters nicht einfach abschlägig behandeln, sondern ihn nach Möglichkeiten unterstützen.“

Nicht jedes „Herunterschalten“ muss mit der Beendigung eines Arbeitsverhältnisses einhergehen. Aber ein Stellenwechsel oder der Schritt in die Selbständigkeit ist für manche Berufstätige eine bedenkenswerte Alternative. Allerdings empfiehlt Sponagel, zuvor alle Pro- und Contra-Argumente genau abzuwägen. Denn Downshifting heißt zwar mehr selbstbestimmte Zeit, aber nicht unbedingt weniger Arbeit. Außerdem sollten sich Berufstätige überlegen, ob sie auf einen Teil ihres Einkommens, ihres Status oder ihrer beruflichen Sicherheit verzichten können. „Oft verändert sich mit einem Job- oder Berufswechsel auch der Bekanntenkreis.“ Das ist ebenfalls zu bedenken..

Tipp: Strategisch bewerben

„Eine Führungskraft, die wieder als Sachbearbeiter tätig sein will, löst in Unternehmen heute immer noch Kopfschütteln aus“, betont Karrierecoach Martina Bandoly. Um so wichtiger sei es für den Downshifter, sich genau zu überlegen, was er seinem künftigen Arbeitgeber kommunizieren will. Ihr Tipp: „Firmen suchen Mitarbeiter, die ihnen nutzen. Darauf sollten sich Bewerber einstellen. Am Besten ist es, wenn die Entscheidung für die berufliche Veränderung folgerichtig erscheint. Das überzeugt Personaler.“ Es kommt also auf den rote Faden an.

Slaghuis empfiehlt außerdem Wechselwilligen, den potentiellen Arbeitgeber genau unter die Lupe zu nehmen. „Downshifter haben einen intensiven Reflexionsprozess hinter sich und wissen, was sie brauchen. Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern Freiräume bieten und Selbstverantwortung groß schreiben, stehen bei ihnen hoch im Kurs.“

Berufliche Umbrüche bringen oft auch Veränderungen in den sozialen Beziehungen mit sich. Wer das weiß, kann diesen Wandel sinnvoll gestalten. „Wenn jemand neue berufliche Wege sucht, sollte er lieber Tante Erna meiden, die ihm das ausreden will“, empfiehlt Bandoly. Stattdessen ist es hilfreich, ein neues Netzwerk zu knüpfen: „Ich bin zum Beispiel gleich in einen Berufsverband eingetreten und habe dort viel Unterstützung erfahren.“

Fehlende Anerkennung im Job

Unzufriedenheit: Fast die Hälfte der Arbeitnehmer in Deutschland sind aktuell mit ihrem Job unzufrieden. Das ist ein Ergebnis der repräsentativen Studie „Jobzufriedenheit 2015“ der ManpowerGroup Deutschland. Damit hat sich die Unzufriedenheit im Vergleich zu 2014 noch einmal um vier Prozentpunkte gesteigert und liegt nun bei 49 Prozent. Die geringere Zufriedenheit gegenüber dem Vorjahr zeigt sich dabei in fast allen Bewertungskriterien wie etwa Arbeitszeit, Förderungsmöglichkeiten sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Umorientierung: Mit der steigenden Unzufriedenheit im Job wächst auch die Bereitschaft, sich beruflich umzuorientieren. So erwägen derzeit 45 Prozent der Angestellten, ihren Job in den nächsten zwölf Monaten zu wechseln. 2014 lag diese Zahl noch bei 42 Prozent. Rund jeder vierte Arbeitnehmer sucht einen besser bezahlten Job. Der Wunsch nach Abwechslung bewegt 14 Prozent der Befragten zum Jobwechsel. Bei 13 Prozent spielt der Wunsch nach mehr Anerkennung eine entscheidende Rolle.

Tipps für Sie auf einen Blick:

  • Downshifting ist nicht gleichbedeutend mit Totalausstieg. Es geht vielmehr darum, herausfinden, was Sie können und was Sie wirklich wollen.
  • Fragen Sie sich, wie viel Sinn Sie in Ihrer aktuellen Tätigkeit sehen und ob Sie unzufrieden sind.
  • Fragen Sie sich, welche Werte Sie antreiben und ob Sie diese in Ihrem Job verwirklichen können.
  • Überlegen Sie, wie sich Ihre Werte konkret umsetzen lassen.
  • Versuchen Sie sich auch über Ihre anderen Ziele und Wünsche klar zu werden.
  • Kommunizieren Sie diese in strategisch sinnvoller Weise gegenüber Ihrem Vorgesetzten. Denn sonst kann sich auch nichts ändern.
  • Falls Sie in Ihrer jetzigen Position keine Möglichkeiten sehen, sich zu verändern, sollten Sie über einen Job- oder Berufswechsel nachdenken.
  • Überlegen Sie sich bei einer Bewerbung ganz genau, wie Sie Ihr Downshifting verkaufen wollen. Lassen Sie Ihre berufliche Veränderung als folgerichtig erscheinen.
  • Knüpfen Sie ein neues Netzwerk, das zu Ihren Zielen und Wünschen passt.

Meine Fragen an Sie:

  • Haben Sie sich schon mal überlegt auszusteigen? Und wenn ja, warum?
  • Haben Sie bereits ein Downshifting hinter sich?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?

Meine Linkempfehlungen:

Meine Literaturempfehlungen:

  • Wiebke Sponage: Downshifting. Selbstbestimmung und Ausgeglichenheit im Job, 124 Seiten, Haufe (Planegg bei München) 2013, 6,95 Euro.

(Hauptartikel eröffentlicht in der Berliner Zeitung, Mai 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Promovieren: Der Weg zum Doktortitel

Ein Doktor ist für viele immer noch erstrebenswert … allen Plagiatsskandalen zum Trotz. Doch für wen macht ein Doktortitel wirklich Sinn? Denn nicht jede Promotion garantiert schon den beruflichen Erfolg. Andererseits ist sie in manchen Bereichen auch eine Voraussetzung, zum Beispiel für eine Karriere in der Wissenschaft.

Promovieren: Der Weg zum Doktortitel
Der Weg zum Doktortitel

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Studierende, Schulabgänger, Berufseinsteiger und Eltern.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • für wen der Doktortitel Sinn macht und für wen nicht.
  • mehr über den Vorteil anwendungsbezogener  Promotionen.
  • mehr über die wichtigsten Voraussetzungen für eine erfolgreiche Doktorarbeit.
  • Tipp auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

In Fachrichtungen wie etwa Medizin, Chemie oder Pharmazie ist eine Promotion sehr ratsam„, betont die Berlinerin Dr. Monika Klinikhammer, die auf das Coaching von Wissenschaftlern und Doktoranden spezialisiert ist. „Schließlich werden in diesen Bereichen die meisten Promotionen abgeschlossen. Ein fehlender Doktortitel fällt also auf.“

Ingrid Arbeitlang, Beraterin für akademische Berufe der Arbeitsagentur Berlin-Süd ergänzt: „Bei Medizinern ist der Doktor immer noch üblich. Meist lässt sich diese Arbeit auch in einem Jahr bewältigen und ist damit viel weniger aufwendig als in anderen Fächern.“

Ohne Doktor keine Wissenschaft

Fächerübergreifend ist die Promotion für alle ein Grundvoraussetzung, die eine Karriere an Hochschulen und Forschungseinrichtungen anstreben. „Ohne Doktortitel geht im Wissenschaftsbetrieb gar nichts“, so Klinkhammer.

Außerhalb von Forschung und Lehre ist der Doktortitel ebenfalls gefragt: „Wer Leitungsfunktionen in Wirtschaft, Verwaltung und Politik anstrebt, für den ist der Doktorarbeit eine wichtige Qualifikation„, berichtet Dr. Uta Hoffmann vom Servicezentrum Forschung an der Humboldt-Universität. Gerade der an einer deutschen Universität erworbene Titel sei international ein Markenzeichen.

Vorteilhaft in der Kultur und für Selbstständige

Auch jenseits der Leitungsebene wird in manchen Kultureinrichtungen der Doktortitel verlangt: „Eine Volontärin im Museum ist ohne Doktor genauso schwer vorstellbar wie ein nichtpromovierte Volontär in einem Wissenschaftsverlag“, berichtet Arbeitlang.

Klinkhammer sieht für Selbstständige mit Titel ebenfalls Vorteile: „Promovierte Juristen, Berater, Coachs oder Ingenieure haben in der Regel eine höhere Reputation und damit einen deutlichen Wettbewerbsvorteil.“

Problem der Überqualifzierung

So hilfreich der Doktortitel auch bei der Karriere sein kann, er muss nicht automatisch zum „Türöffner“ werden: Wer als Doktor keine große Laufbahn anstrebt, sondern nur in mittleren Positionen arbeiten will, scheint häufig als überqualifiziert. „Kollegen und Vorgesetzte werden ihm ehrgeizige Ambitionen unterstellen und daraus können ihm Nachteile erwachsen“, erklärt Klinkhammer.

Der Karriere-Coach und vielfacher Ratgeberautor Christian Püttjer weiß um die Tatsache, dass eine Promotion nicht in jedem Fall von Vorteil ist: „Während der Doktor in den Forschungs- und Entwicklungsbereich der Industrie gern gesehen wird, ist er zum Beispiel im Bereich Sales und Marketing nicht entscheidend.“ Problematisch sieht er manchen Titel von Geisteswissenschaftlern, wenn diese ohne Praxisbezug promoviert haben. Schließlich setzen sie sich der Gefahr aus, ihren Berufseinstieg zu verzögern und sich so zu schaden.

Mit Firmen kooperieren

Püttjer Tipp lautet deshalb: „Doktoranden, die nicht in die Wissenschaft wollen, sollten sich ein anwendungsbezogenes Thema suchen und vielleicht sogar mit einer Firma kooperieren.“ Wichtig ist es, dass sie bereits in der Promotionsphase Networking zu betreiben, um sich so die Einmündung in das spätere Berufsleben zu erleichtern.

Die Argumente für und gegen eine Promotion sollten Hochschulabsolventen also vorher gründlich abwägen. „Abraten von einer Doktorarbeit, würde ich allen Unentschlossenen und von Selbstzweifeln Geplagten. Wer nur als Verlegenheitslösung promoviert, sollte das Projekt lieber gleich lassen„, betont Hoffmann. „Auch denjenigen, die eine Promotion nur als willkommene Gelegenheit ansehen weiter an der Uni zu bleiben, weil der Weg ins Ungewisse ihnen Angst macht, lassen am Besten die Finger davon.“ Häufig sprechen Professoren ihre Studierenden auf eine Doktorarbeit an. In diesem Fall rät Hoffmann ebenfalls zur Vorsicht. Denn so ein Angebot reicht als alleiniger Antrieb für das Vorhaben nicht aus.

Gesicherte Finanzierung wichtig

Eine weitere wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche Doktorarbeit sollte zudem gewährleistet sein: die Finanzierung des Promotionsvorhabens. „Egal, ob sich Hochschulabsolventen über eine Anstellung als wissenschaftlicher Mitarbeiter, als Stipendiat oder im Rahmen eines Graduiertenprogrammes finanzieren wollen, die Abschlussnote muss ’sehr gut’ sein, damit sie darauf Chancen haben“, erklärt Hoffmann.

Kompetenzen müssen stimmen

Auch die Eigenschaften des Promotionswilligen entscheiden über den Verlauf des Projekts. Deshalb ist es wichtig, dass Hochschulabsolventen sich kritisch prüfen, ob sie der richtige Typ dafür sind: Doktoranden müssen sehr motiviert und zielstrebig sein, aber auch die Fähigkeit haben, sich an Themen ‚festzubeißen‘ und mit dem wissenschaftlichen Methoden des Faches exzellent umgehen können. „Sie sollten ihre wissenschaftlichen Arbeiten selbständig planen, durchführen und publizieren können, aber auch Managementkompetenzen besitzen und die eigenen Ergebnisse ehrlich und real einschätzen können“, betont Hoffmann.

Ein guter Anhaltspunkt für die wissenschaftlichen Fähigkeiten eines Promotionswilligen ist die Masterthesis. Arbeitlang: „Wer dabei gute Erfahrungen gemacht hat und erfolgreich war, ist sicher besser für ein Promotionsvorhaben geeignet, als jemand, der seine Abschlussarbeit als Quälerei empfunden hat.“

Tipp für Sie:

Diese Fragen helfen Ihnen bei der Entscheidung, ob für Sie eine Doktorarbeit Sinn macht:

  • Warum will ich promovieren?
  • Reicht dieser Grund als Motivation auch in schwierigen Zeiten?
  • Wie finanziere ich meine Doktorarbeit?
  • Wie viel Zeit will und kann ich in die Arbeit investieren?
  • Passt mein Dissertationsvorhaben in meine Lebensplanung?
  • Ist die Promotion für meinen beruflichen Werdegang wichtig?
  • Was sagt mein „Bauchgefühl“?

Meine Fragen an Sie:

  • Wollen Sie promovieren?
  • Und wenn ja, warum?
  • Oder promovieren Sie gerade?
  • Welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben, die promovieren wollen?
  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?

Meine Linkempfehlungen:

Meine Lektüreempfehlung:

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, Juni 2014)
(Copyright 2014 by Anja Schreiber)

Smartphone und Social Media: Aktuelle Trends in Sachen Bewerbung

Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Suche nach einem passenden Arbeitsplatz. Smartphone und Social Media beeinflussen heute auch das Verhalten von Bewerbern. Anja Schreiber sprach mit Anna Polinski vom Bewerberblog.de, der vom Unternehmen TowerConsult in Jena betreut wird.

Die neuesten Trends in Sachen Bewerbung.
Die neuesten Trends in Sachen Bewerbung.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter, Schulabgänger und Studierende.

Was ist der neueste Trend in Sachen Bewerbung?

Immer mehr große Firmen bieten ihren potenziellen Bewerbern an, sie über WhatsApp-Gruppen näher kennenzulernen. Die Nutzer können zum Beispiel während einer begrenzten Zeit ganz konkrete Fragen an Unternehmensmitarbeiter stellen. So erfahren sie zum Beispiel Konkretes über den Joballtag von Trainees oder Auszubildenden. Interessenten können so den Beschäftigten quasi über die Schulter schauen.

Welche anderen Informationskanäle nutzen potenzielle Bewerber heute?

Viele folgen den Karriere-Accounts großer Firmen bei Twitter oder haben die Facebookseiten von Unternehmen geliked. So erfahren sie von neuen Aktionen und können Privatnachrichten verschicken. Der Vorteil: Sie erhalten von der Firma schnell eine Antwort ohne dass ein Außenstehender dies mitbekommt. Auch den Bewerberblog erreichen oft Privatnachrichten oder Mails, die ich dann beantworte.

Was verändert sich beim Versenden der Bewerbungsunterlagen?

Die Bewerbung per Mail hat sich inzwischen etabliert, wobei öffentliche Einrichtungen immer noch gerne die Papierform verlangen. Onlineformulare benutzen dagegen nur große Konzerne. Sie haben sich also nicht flächendeckend durchgesetzt. Auch bei der Stellensuche verändert sich etwas: Es gibt inzwischen eigene Apps, mit denen sich nach Stellenangeboten recherchieren lässt. Es ist aber die Frage, ob sich diese Apps wirklich am Markt behaupten werden.

Gibt es auch aktuelle Trends bei den Bewerbern?

Ja. Gerade den jungen Bewerbern von heute ist die Work-Life-Balance wichtig. Sie wollen nicht nur eine erfüllende Arbeit, sondern auch ein erfüllendes Privatleben. Deshalb spielen flexible Arbeitszeiten eine immer größere Rolle. Außerdem gehen diese Kandidaten viel selbstbewusster ins Vorstellungsgespräch als das früher üblich war.

Bewerberblog: www.bewerberblog.de

 (Veröffentlicht , Juni 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Einstieg in den Beruf: So umgehen Sie Fettnäpfchen!

Wenn der erste Arbeitsvertrag nach dem Studium unterscchrieben ist, kommt Freude auf. Doch den eigentlichen Berufseinstieg hat der Hochschulabsolvent noch vor sich und im neuen Arbeitsumfeld lauern jede Menge Fallstricke. Wie Sie diesen ausweichen, weiß die Kommunikationsberaterin und Benimm-Expertin Elisabeth Bonneau aus Freiburg.

 Was Hochschulabsolventen in den ersten Arbeitstagen beachten sollten.
Was Hochschulabsolventen in den ersten Arbeitstagen beachten sollten.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger, Schulabgänger, Studierende und Eltern.

Seien Sie kein Besserwisser

Bei alteingesessenen Mitarbeitern kommt es nicht gut an, wenn Berufseinsteiger als Besserwisser auftreten. Bitte unterlassen Sie solche Sätze wie „Bei uns an der Uni“ oder „Das habe ich so gelernt“, betont Bonneau. Sie empfiehlt freundliche Bescheidenheit und respektvolles Verhalten. „Arroganz schadet Ihnen.“

Stellen Sie sich richtig vor

Manchmal verzichten Berufsanfänger darauf, sich den Anderen vorzustellen. Auch das ist ein Fehler. Denn Eigenschaften wie Höflichkeit, Freundlichkeit und Zuverlässigkeit sind Grundvoraussetzungen, damit der Einstieg in ein Unternehmen gelingt. Deshalb rät Bonneau, sich bei den einzelnen Mitarbeitern im Team oder der Abteilung persönlich vorzustellen. „Gehen Sie aber nicht mit offenen Armen auf den Anderen zu, sondern warten Sie, ob dieser Ihnen die Hand geben möchte oder nicht. Das entscheiden nämlich nicht Sie.“

Seien Sie freundlich … zu allen

Zum Vorgesetzten freundlich zu sein: Das beherrschen fast alle. Doch viele Berufseinsteiger vergessen, auch alle anderen Mitarbeiter genauso zu behandeln. Und das ist ein Fehler, der sich rächen kann. Wer zum Beispiel die Sekretärin ignoriert, wird von ihr kaum die Unterstützung erhalten, die er vielleicht braucht. „Zur Freundlichkeit und Höflichkeit gehört es, alle zu grüßen und auch mal die Tür aufzuhalten“, betont Bonneau.

Treffen Sie den richtigen Ton

An der Uni gehören „cool“ oder „geil“ zum normalen Sprachgebrauch. Doch im Berufsleben kann dieser Wortschatz zum Fallstrick werden. „Seien Sie sich bewusst, dass Sie mit dem Berufseinstieg Ihr Umfeld wechseln. Benutzen Sie eine förmlichere Sprache. Auch die Begrüßung ‚Hi‘ kommt nicht immer gut an“, so Bonneau. Ihr Tipp: Beobachten Sie, wie die Anderen reden und sich begrüßen. Passen Sie Ihren Sprachstil daran an!

Seien Sie respektvoll

„Oft sind Berufseinsteiger in Unternehmen besser gekleidet als viele Berufserfahrene. Wer deshalb die älteren Kollegen mit abschätzigen Blicken oder gesenkten Mundwinkeln betrachtet, tritt in einen Fettnapf“, erklärt Bonneau. „Machen Sie sich also nie über andere Kollegen oder Mitarbeiter lustig und seien Sie immer respektvoll.“

Achten Sie auf Formalitäten

Wer bei Facebook und Co. unterwegs ist, sendet oft Nachrichten ohne jede Höflichkeitsfloskel. Und genau das ist im Job ein No-Go! „Achten Sie bei geschäftlichen Mails auf Formalitäten. Anrede und Abschlussgruß sind absolut notwendig. Bedanken Sie sich auch für erhaltene Mails“, rät Bonneau. Die Worte „Danke“ und „Bitte“ gehören ebenfalls zum beruflichen Alltag und sind keineswegs überflüssige Zeitverschwendung.

Vorsicht Privates!

Frei weg von der Leber erzählen: Was im Freundeskreis und an der Uni eine Selbstverständlichkeit ist, kann im Beruf zum Problem werden. Deshalb empfiehlt Bonneau: „Halten Sie sich im Job bedeckt, was Ihr Privatleben angeht. Reagieren Sie zum Beispiel ausweichend, wenn jemand wissen will, ob Sie einen Partner haben. Erst wenn der Andere auch Privates erzählt, sollten Sie nachziehen.“

Bitten um Hilfe

Wer neu in der Berufswelt und im Unternehmen ist, kann nicht alles wissen. Schließlich gibt es viele informelle Verhaltensregeln wie etwa eine Antwort auf die Frage, ob und wie die Mitarbeiter ihr Telefon in der Mittagspause umstellen. „Das Verkehrteste, was Sie in solchen Fällen tun können, ist, nicht zu fragen“, erklärt Bonneau. Sie empfiehlt allen Berufseinsteigern, sich nach solchen Regelungen zu erkundigen und – bevor ein Problem entsteht – um Hilfe zu bitten.


(Veröffentlicht bei GMX.de, Oktober 2014)

(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Krank im Beruf: Sich nur nichts anmerken lassen?

Krank und berufstätig … wer davon betroffen ist, hat meist mehr Herausforderungen zu meistern als Gesunde. Er muss zum Beispiel entscheiden, ob er mit Arbeitgebern und Kollegen über die Erkrankung reden oder lieber schweigen will. Zwar muss der Arbeitnehmer keine Diagnose offenlegen. Aber es gibt Fälle, in denen dies sinnvoll ist.

Welche Herausforderung kranke Mitarbeiter im Beruf zu bestehen haben.
Welche Herausforderung kranke Mitarbeiter im Beruf zu bestehen haben.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

Der 37-jährige Marius Schmidt (Name von der Redaktion geändert) hatte genau dieses Problem: Vor zehn Jahren erkrankte er an Multipler Sklerose, einer chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. „Ich habe mir als Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma zehn Jahre lang nichts anmerken lassen und mit niemandem darüber gesprochen“, betont Schmidt. Wenn er doch einmal wegen eines akuten Schubes krankgeschrieben war und die Kollegen nachfragten, wich er aus. „Ich habe höflich darauf hingewiesen, dass das meine Privatsache sei und dann ein anderes Thema angeschnitten.“

Das Problem war allerdings, dass er viele Überstunden machen musste und es ihm im Laufe der Zeit immer schwerer fiel, sein Arbeitspensum durchzuhalten. Bei Schmidt entwickelte sich eine Fatigue-Symptomatik, eine chronische Erschöpfung, die seine Leistungsfähigkeit immer mehr beeinträchtigte. Er wusste nun, dass es beruflich so nicht weitergehen konnte.

Während eines stationären Rehabilitationsaufenthalts stellten die Ärzte dann fest, dass er nicht mehr voll arbeiten konnte. Der nächste Schritt war nun die Beantragung einer Erwerbsminderungsrente. Dabei unterstützte ihn eine Beraterin der Deutschen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). „Für mich war es sehr wichtig, nicht allein zu sein. Ohne die Hilfe der DMSG hätte ich das Anwaltsdeutsch in den Anträgen nicht verstanden“, berichtet Schmidt.

Bei allen Schritten begleitete ihn die Sozialarbeiterin Sylvia Habel-Schljapin von der DMSG. Sie war auch bei den Gesprächen mit seinem Arbeitgeber dabei und informierte diesen über die Erkrankung. „In diesem Fall verlief alles traumhaft“, erklärt Habel-Schljapin. „Inzwischen hat Marius Schmidt eine Arbeitsstelle, die für ihn wie angegossen ist. Er kann sitzen, sich aber auch bewegen und ist nicht allein in seiner Schicht.“ Auch Schmidt ist von der Problemlösung begeistert: „Ich kann nur jedem chronisch Erkrankten raten, sich von einer Organisation wie der DMSG unterstützen zu lassen.“

Manche Fragen sind unzulässig

Für alle erkrankten Beschäftigten ist die Gesetzeslage eindeutig: „Niemand muss seinen Arbeitgeber über ausgeheilte oder akute Erkrankungen aufklären“, betont Rechtsanwalt Christian Götz von der ver.di Bundesverwaltung. „Informieren muss er nur, wenn die Erkrankung ansteckend ist oder sie den Mitarbeiter dauerhaft an der Erbringung seiner Arbeit hindert.“ Konkret bedeutet das: Wer eine Krankheit hat, die sich nicht negativ auf die Leistungsfähigkeit auswirkt, hat keinerlei Verpflichtung, sie seinem Arbeitgeber mitzuteilen. „Auch gegenüber einem Amts- oder Betriebsarzt brauchen Beschäftigte sie nicht zu erwähnen … auch nicht in Fragebögen“, ergänzt Götz, der noch auf einen weiteren rechtlichen Aspekt hinweist: „Wenn der Arbeitgeber unzulässige Fragen über den Gesundheitszustand stellt, muss niemand Konsequenzen fürchten, wenn er etwas verschweigt oder lügt.“

Allgemeine Fragen über den Gesundheitszustand sind im Vorstellungsgespräch ein Tabu. „Ein Personaler darf einen Bewerber nicht fragen, ob er für den Job gesund genug ist. Er kann nur gezielte Fragen stellen, zum Beispiel, ob er – wenn er sich als Bäcker bewirbt – eine Mehlallergie hat“, erklärt der Karriereberater und vielfacher Buchautor Christian Püttjer. Nur wenn die Krankheit auch tatsächlich Auswirkungen auf die Arbeit hat, sieht der Berater einen Grund, diese zu thematisieren. „Wer dagegen von einem Burnout-Syndrom geheilt ist, braucht dieses nicht zu erwähnen.“

Schweigt sich jemand im Vorstellungsgespräch zu Recht über das Thema Gesundheit aus, sollte er in der Probezeit jedoch nicht offenherzig über Krankheiten plaudern. „In dieser Zeit kann jeder ohne Angabe von Gründen gekündigt werden. Eine Erkrankung, die dem Arbeitgeber suspekt ist, könnte also ausreichen, um sich von dem neuen Mitarbeiter zu trennen“, so Püttjer. Der Coach empfiehlt Menschen mit schweren oder chronischen Krankheiten, sich in beruflichen Fragen von Selbsthilfeorganisationen unterstützen zu lassen.

Ein Betroffener braucht sich auch keine Sorge darüber zu machen, dass sich sein Arbeitgeber über die Krankenkasse Informationen über ihn besorgen könnte: „Die Diagnose unterliegt selbstverständlich dem Datenschutz. Wenn ein Arbeitgeber zweifelt, dass sein Mitarbeiter wirklich krank ist, kann er sich zwar an uns wenden. Unser Medizinischer Dienst prüft das dann auch“, betont Marcus Dräger von der Techniker Krankenkasse Berlin und Brandenburg. „Aber selbst in diesem Fall erfährt die Firma nicht die Krankheit, sondern nur, ob eine Arbeitsunfähigkeit vorliegt.“

Im Zweifel zum Betriebsarzt

Auch wenn niemand seinem Arbeitgeber die Diagnose mitteilen muss, hält es die Sozialarbeiterin Habel-Schljapin von der DMSG Berlin für problematisch, wenn MS-Patienten ihre Krankheit lange Zeit verheimlichen. „Das kann großen Druck auf den Betroffenen ausüben und ihn psychisch belasten.“ Allerdings ist sie vorsichtig mit Verallgemeinerungen, denn jeder Krankheitsfall und jedes berufliche Umfeld ist anders. „Wenn aber der Betroffene beruflich fest im Sattel sitzt und ein Vertrauensverhältnis in der Firma besteht, kann es sehr hilfreich sein, über die gesundheitliche Probleme zu sprechen.“ Denn so können der Chef und die Kollegen Verhaltensweisen des Erkrankten besser verstehen und ihn bei Bedarf unterstützen.

Auch die Sozialpädagogin Dagmar Hinz vom DMSG-Landesverband Nordrhein-Westfalen weiß, dass sich kein Fall gleicht. „Wer sich im öffentlichen Dienst bewirbt, für den kann die Schwerbehinderung hilfreich sein. Andere wiederum entscheiden sich, ihrem Arbeitgeber trotz Nachfrage die Schwerbehinderung nicht mitzuteilen“, so Hinz. Dieses Verhalten hat aber auch Nachteile: Bei einer Kündigung kann der Arbeitnehmer nicht nachträglich auf einen besonderen Kündigungsschutz bestehen. „Wenn eine Erkrankung fortschreitet, sollten Betroffene noch einmal genau überlegen, ob sie ihre Kommunikation gegenüber dem Arbeitgeber nicht doch ändern wollen.“ Entscheidet sich ein Mitarbeiter für Offenheit, rät die Sozialpädagogin dazu, den Arbeitgeber genau über die Krankheit zu informieren, um so möglichen Vorurteilen entgegenzuwirken. Die DMSG bietet zum Beispiel spezielles Infomaterial für Arbeitgeber an.

Auch an einer Depression erkrankte Berufstätige stehen vor der Frage, ob sie mit dem Chef und den Kollegen über ihre Krankheit sprechen sollten. „Natürlich muss das niemand erzählen“, betont Prof. Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe. „Aber wer Andere einweiht, erntet oft Verständnis und erlebt, dass er gar nicht so allein ist.“ Der Mediziner weiß, dass es in dieser Frage keinen allgemeinen Rat gibt. Denn auch bei psychisch Erkrankten hängt es vom Einzelfall ab, ob Offenheit Sinn macht. Ausschlaggebend ist das Vertrauensverhältnis zwischen Vorgesetzten und Arbeitnehmern und unter den Kollegen. Bestimmen Konkurrenz und Missgunst die Arbeitsbeziehung, sollten Erkrankte von allzu großer Offenheit eher Abstand nehmen, so Hegerl.

Allerdings kennt der Psychiater auch Beispiele, in denen offene Gespräche sehr konstruktiv waren. „Wenn die Vorgesetzten informiert sind, können diese es dem Betroffenen ermöglichen, bei deutlich reduziertem Arbeitspensum im Arbeitsrhythmus zu bleiben. Das ist aber nur bei bestimmten Arbeitsplätzen und einem vertrauensvollen beruflichen Umfeld möglich.“ So kann vielleicht vermieden werden, dass der Erkrankte nach der Krankschreibung tagsüber zu Hause grübelnd im Bett liegt.

Auch bei der Wiedereingliederung nach längerer Arbeitsunfähigkeit ist es eventuell günstiger, wenn Vorgesetzte die Art der Erkrankung kennen. So lassen sich offen die krankheitsbedingten Konsequenzen für den Arbeitsalltag besprechen. „Menschen mit Depression und insbesondere manisch-depressiven Erkrankungen sollten zum Beispiel keine Schichtarbeit leisten.“ Hegerl empfiehlt denen, die nicht offen darüber sprechen wollen, den Betriebsarzt einzuschalten. Der kann wichtige Informationen an den Vorgesetzten weitergeben, ohne dass die Diagnose publik wird. „Am Besten ist es, wenn Erkrankte Experten in eigener Sache werden. Denn so finden sie heraus, was für sie der richtige Umgang mit der Erkrankung ist!“

Zahlen

Depressionen gehören zu den häufigsten Erkrankungen, die zu einer Arbeitsunfähigkeit führen. Frauen sind in allen Bundesländern mehr von depressionsbedingten Krankschreibungen betroffen als Männer: So der aktuelle Depressionsatlas der Techniker Krankenkasse. Auf 100 weibliche Erwerbstätige in Berlin kamen im Jahr 2013 162 Fehltage. Noch stärker belastet sind Frauen in Hamburg und in Schleswig-Holstein. Die geringsten Fehltage gab es bei den Baden-Württemberginnen. In Berlin und Hamburg kamen auf 100 männliche Erwerbstätige 94 Fehltage. Das sind mehr als in allen anderen Bundesländern! In Thüringen waren es zum Beispiel nur 61 Fehltage.

Infos:

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) informiert über die verschiedenen Aspekte der Krankheit und bietet unter dem Menüpunkt „Shop“ den Ratgeber „Mein Mitarbeiter hat MS – Ein Leitfaden für Arbeitgeber“ an: www.dmsg.de

Ein Austausch unter MS-Betroffenen ist im DMSG-Forum möglich: www.dmsg.de/multiple-sklerose-forum/

Die „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“ bietet auf ihrer Homepage einen Selbsttest sowie Informationen und Adressen rund um das Thema Depression an: www.deutsche-depressionshilfe.de

Das „Diskussionsforum Depression“ ermöglicht den Erfahrungsaustausch von Betroffenen und Angehörigen: www.diskussionsforum-depression.de

Veröffentlicht in der Berliner Zeitung, März 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)