Schlechte Laune muss nicht sein: Wider die Herbstdepression

Gereizte Kollegen und Übellaunigkeit im Büro… kennen Sie das aus Ihrem Berufsalltag? Haben Sie sich schon mal gefragt, ob Sie dieser negative Stimmung etwas entgegensetzen können? Experten kennen Strategien, die Ihnen helfen, sich vor der schlechten Laune Anderer zu schützen.

Sich vor der schlechten Laune Anderer schützen.
Sich vor der schlechten Laune Anderer schützen.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

„Das Problem bei der schlechte Laune ist: Sie ist ansteckend. Wenn fünf Kollegen gute Laune haben und lediglich einer schlecht drauf ist, dann wird dieser eine die fünf anderen herunterziehen. Also reicht bereits ein schlecht gelaunter Kollege aus, um die Anderen zu demotivieren“, berichtet Klaus Merg, Managementtrainer und Coach aus der Nähe von Augsburg. „Außerdem sind wir Deutschen ein Volk, das gerne klagt.“ Das werde insbesondere im internationalen Vergleich deutlich. So sähen zum Beispiel Amerikaner Probleme als Herausforderung. Diese Einstellung sei in Deutschland weit weniger verbreitet.

„Wie ich mit der schlechten Stimmung Anderer umgehe, hängt in erste Linie von meiner eigenen Entscheidung ab“, betont der Managementtrainer. „Ich muss mich fragen, ob ich mich von meinem Umfeld beeinflussen lasse oder ob ich selbst mein Umfeld präge. Anders gesagt: Will ich selbst leben oder will ich mich leben lassen.“ Zu dieser Grundentscheidung gehöre auch die Frage, ob ein Mensch lieber optimistisch oder pessimistisch durchs Leben gehen will. „Haben Sie sich dafür entschieden, optimistisch an Ihre Arbeit heranzugehen, sollten Sie Kontakt zu Kollegen mit der gleichen Lebenseinstellung suchen. Bevorzugen Sie die Gesellschaft von positiv eingestellten Menschen, zum Beispiel in Arbeitspausen oder beim Essen in der Kantine!“

Merg betont aber auch die Notwendigkeit, sich seiner Grenzen bewusst zu werden: „In einem Meeting, in dem schlechte Laune herrscht, können Sie zwar das Positive betonen. Allerdings ist es eine Illusion, Andere verändern zu können.“

Wie Übellaunigkeit abperlt

Die Etikette-Trainerin Nandine Meyden aus Berlin erklärt: „Wenn Leute, die Sie gar nicht oder kaum kennen, im Job schlechte Laune haben, sollten Sie darauf nicht eingehen. Stellen Sie sich bildlich vor, dass Sie als Außenhülle eine Teflonbeschichtung haben, an der die Übellaunigkeit Anderer einfach abperlt.“ Wichtig sei es, die negative Stimmung nicht persönlich zu nehmen. „Zahlen Sie keineswegs mit der gleichen Münze zurück, indem Sie ebenfalls unfreundlich werden“, so die Benimm-Expertin, die ganz im Gegenteil zur Freundlichkeit rät.

Damit Sie dies auch durchhalten, empfiehlt Nandine Meyden einen kleinen Trick: „Legen Sie eine kleine Pause ein, um der schlechten Stimmung in Ihrem Büro zu entgehen. Verlassen Sie ein paar Minuten das Büro und nutzen Sie diese zum Beispiel für Aufgaben, die Sie anderswo zu erledigen haben.“ Auch eine mentale Stärkung kann helfen: Machen Sie sich klar, dass Sie sozial kompetenter sind als die Miesepeter in Ihrer Umgebung. Denn Sie lassen Ihre schlechte Laune nicht an anderen Leuten aus.

So gehen Sie mit Schlechtgelaunten um

„Wenn Sie den Schlechtgelaunten gut kennen, können Sie ihn fragen, was mit ihm los ist oder ob Sie etwas für ihn tun können“, so Meyden. Wichtig sei dabei, dass Sie Empathie zeigen. Ein besonderer Fall sei die schlechte Laune des Chefs. Die Benehmensberaterin warnt davor, auf sie einzugehen. Am sinnvollsten sei es in diesem Fall, seine Übellaunigkeit auszusitzen und freundlich zu bleiben.

Und noch ein Tipp von Nandine Meyden: „Wenn es Ihnen schwer fällt, in schwierigen Fällen freundlich zu sein, dann sollte Sie das üben. Nutzen Sie dafür Gelegenheiten im Alltag. Wenn zum Beispiel die Verkäuferin beim Bäcker unfreundlich ist, versuchen Sie, trotzdem freundlich zu reagieren.“

Wenn die Stimmung im Keller ist, dann bekommt meist auch die Leistungsfähigkeit einen Dämpfer. Wer jetzt meint, besonders viel leisten zu müssen, hat gleich zwei Probleme: Die trübe Grundhaltung und den Leistungsdruck. Deshalb empfiehlt Diplom-Psychologe und Coach Thomas Prünte aus Hamburg: „Die Erwartung an die eigene Leistungsfähigkeit sollten Menschen mit Stimmungstief nicht zu hoch setzen. Viele erhöhen den Druck auf sich selbst und setzen sich zu große Arbeitsziele. Besser ist es, sich kleinere Ziele vorzunehmen und diese Schritt für Schritt zu verwirklichen.“

Durchschauen Sie sich selbst

Manche Menschen meinen, sie müssten immer 150 Prozent bringen. Sie traktieren sich oft mit Parolen wie: „Du musst das schaffen! Keine Müdigkeit vorschützen!“ Prüntes Tipp: „Am besten durchschauen Sie diese Durchhalte-Parolen und erlauben sich stattdessen Gegenstimmen wie: „90 Prozent Leistung sind in dieser Phase auch genug!“ oder: „Ein kluges Pausenmanagement erhält meine Leistungsfähigkeit oder steigert sie sogar.“

Für viele ist schon der Weg zur Arbeit im grauen wetter eine Zumutung. Doch Life-Balance-Coach Hannelore Fritz aus Berlin weiß Rat: „Wer sich aufmutern will, sollte bewusst Positives wahrnehmen, zum Beispiel das Lächeln der Bäckereiverkäuferin oder der Kollegin.“ Auch andere Kleinigkeiten können die Stimmung heben: Ein Bild der Kinder auf dem Schreibtisch oder ein Andenken aus dem letzten Urlaub.

Sport als Ausgleich

Gerade das usselige Herbstwetter lässt manch einen Freizeitsportler zum Couch-Potato mutieren. Doch wer seine Laune im Job verbessern will, sollte ganz bewusst die Pause nutzen, um frische Luft zu schnappen oder sich zu bewegen, rät Fritz. Auch das Joggen in der Freizeit oder das Saunieren am Abend wirken stimmungsaufhellend.

Wer trüber Stimmung ist, sollte ganz bewusst Gegenakzente setzen und sich etwas Gutes tun. Prünte: „Eigentlich wissen die Menschen, was ihnen gut tut.“ Deshalb empfiehlt er, den eigenen Wünschen nachzugehen und schon am Morgen etwas Schönes für den Abend zu planen … wie einen Spiele- oder Kino-Abend, ein Konzert oder eine DVD anzusehen. Das wirkt wie eine Belohnung für einen überstandenen Arbeitstag und verbessert während der Stunden im Büro die Laune.

Es kann auch hilfreich sein, seine Kollegen über die eigene Gefühlslage zu informieren und so deutlich zu machen, dass die eigene Traurigkeit nichts mit dem Gegenüber zu tun hat. Aber Coach Hannelore Fritz warnt auch: „Wer so etwas zu oft thematisiert, wird als Jammerer wahrgenommen. Dieses Image bleibt auch dann, wenn das herbstliche und winterliche Stimmungstief längst den Frühlingsgefühlen gewichen ist.“

Ein guter Kompass über die eigene Befindlichkeit ist der Körper. Er verrät durch Schmerzen und Unwohlsein häufig, dass auch etwas auf der psychischen Ebene nicht stimmt. Deshalb empfiehlt Prünte, die Warnsignale des Körpers wahrzunehmen und dafür zu sorgen, dass sich der Körper entspannt und erholt… vielleicht auch mit Hilfe von Entspannungsmethoden wie dem Autogenen Training oder der Progressive Muskelentspannung.

Gedanken-TÜV

Hilfreich bei Verstimmungen ist auch ein Gedanken-TÜV. Dabei seien ein paar Fragen sehr hilfreich, betont Prünte: „Heben bestimmte Verhaltens- und Denkweisen meine Stimmung oder nicht? Geht es mir etwa mit der Parole ,Du musst im Job durchhalten!“ oder „Ich muss funktionieren“ besser? Wohin führen mich solche Gedanken? Welche Konsequenzen haben sie für mich?“ Wer sich solche Fragen stellt, bekommt schnell heraus, welche Gedanken oder Verhaltensweisen das Unwohlsein oder die Traurigkeit verscheuchen oder verstärken. Das sind Hinweisschilder zu einem guten Umgang mit sich selbst.

So hilfreich es auch ist, sich selbst in schwierigen Situationen etwas Gutes zu tun: Auch die Hilfe für Andere kann ein Stimmungsaufheller sein. Fritz: „Ein Kompliment für die Kollegin, die kleine Unterstützung im Arbeitsalltag oder das Anlächeln einer Mitarbeiterin verändern die eigene Emotionslage. Denn so bekommen Sie auf Ihr eigenes Verhalten positive Reaktionen … und das erfreut!“

Gedrückte Stimmung kann auch seine guten Seiten haben, meint Diplom-Psychologe Thomas Prünte. Denn sie gibt die Gelegenheit, in sich zu gehen und sich zu fragen, ob man wesentliche Bedürfnisse übergangen hat oder ob es einen ernsten Grund für die Verstimmung gibt: Bin ich gekränkt worden? Hat jemand meine Grenzen verletzt? Fehlt mir etwas? „Es ist wie bei einem roten Lämpchen im Auto: Sie sind ein Signal.“ Dann erst kann man über geeignete Gegenmaßnahmen nachdenken und  zum Beispiel über die Frage reflektieren: „Wo will ich hin?“ Sein Tipp: Die Gelegenheit nutzen und sich einmal ganz bewusst zurückzuziehen, zum Beispiel in ein Kloster.

Literaturtipp:
Thomas Prünte: Vom Sinn schlechter Laune, Warum es gut tut, sich schlecht zu fühlen, Orell Füssli, Zürich 2010, 192 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-280-05401-7

(Veröffentlicht bei monster.de, November 2010)
(Copyright 2010 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.