Neid und Missgunst im Beruf: Wie Sie negative Gefühle überwinden

Die spitzen Bemerkungen der Büronachbarin, die scharfe Kritik des Kollegen … all das kann viele Gründe haben. Häufig verstecken sich hinter diesem Verhalten Neid und Missgunst. So nachvollziehbar die Emotionen im Einzelfall auch sein mögen: Sie können die Atmosphäre am Arbeitsplatz nachhaltig vergiften. Mit den richtigen Strategien lassen sich aber destruktive Verhaltensweisen in Schach halten.

Neid und Missgunst im Beruf.
Neid und Missgunst im Beruf.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufseinsteiger, Berufserfahrene und Sehnsüchtige.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Wie Neid und Missgunst entstehen.
  • Wie sie sich auswirken.
  • Wie Sie den eigenen Gefühlen begegnen können.
  • Wie Sie mit dem Neid Anderer umgehen sollten.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

So gehen Sie gut mit Neid und Missgunst im Job um

„Neid kann entstehen, wenn das Gerechtigkeitsgefühl der Mitarbeiter gestört ist … zum Beispiel, wenn ein Kollege zum Senior Manager aufgestiegen ist und ein anderer, der ähnlich viel Erfahrung hat, diesen Karriereschritt nicht machen kann“, berichtet der Hamburger Psychologe und Coach Thomas Prünte. Typisch ist auch die Situation, dass immer ein bestimmter Mitarbeiter Vorträge halten darf, während die Anderen im Team gar nicht erst gefragt werden, obwohl sie durchaus Interesse hätten.

„Auch wenn ein Beschäftigter auf Dauer weniger leistet als seine Umgebung, entwickelt sich bei Teammitgliedern oft Missgunst“, weiß Prünte. Ist eine Krankheit oder eine familiäre Belastung der Grund für den Leistungsabfall, könne die Führungskraft dem entgegenwirken, wenn sie das Thema offen kommuniziere. Im Idealfall haben die Kollegen dann Verständnis, zumindest wenn die eigene Arbeitsbelastung dadurch auf Dauer nicht über Gebühr steigt. „Ist aber nicht transparent, warum jemand weniger arbeiten darf, sind Konflikte vorprogrammiert.“

Die Urlaubsverteilung ist ein weiterer möglicher Streitpunkt. „Wenn Beschäftigte ohne Kinder jedes Jahr immer wieder erleben müssen, dass sie – anders als Eltern – nicht zu ihrem Wunschtermin verreisen können, kann sich Frust breitmachen und die Toleranz leiden“, erklärt Prünte.

Grund für Neid sind versteckte Sehnsüchte

Den Grund für Neid sieht Prünte, der auch Autor von Antistress-Büchern ist, in versteckten Sehnsüchten: „Neid weist darauf hin, dass dem Betroffenen etwas fehlt, was Andere scheinbar haben. Das können Eigenschaften und Fähigkeiten sowie Besitztümer und berufliche wie materielle Vorteile sein.“ Wer dieses Gefühl an sich selbst entdeckt, hat die Chance, seine verdeckten Wünsche zu erkennen.

„Neid ist eine normale Emotion, die zum menschlichen Leben dazugehört … auch wenn sie in der kirchlichen Tradition zu den sieben Todsünden gehört“, betont die Psychologin Prof. Dr. Mahena Stief, Professorin für Soziale Kompetenzen an der Hochschule Augsburg. Dieses Gefühl entwickelt sich dann, wenn jemand ein für ihn wichtiges materielles oder nicht-materielles Gut im geringerem Maße als andere hat. Empfindet dagegen ein Mensch den beruflichen Aufstieg seines Büronachbarn als wenig attraktiv, wird er nicht missgünstig reagieren.

Neid kann anspornen

„Neid entsteht durch den Vergleich“, erklärt die Hamburger Psychologin Elke Overdick. „Dabei ist das Vergleichen aber nicht grundsätzlich problematisch, da es hilft, sich einzuschätzen und zu verbessern. Schwierig wird es aber immer dann, wenn man sich nur in eine Richtung orientiert“, so die Trainerin für Führungskräfte. Denn so könne niemand einen realistischen Eindruck von sich selbst und seinen Fähigkeiten gewinnen.

Auch die Expertin für Personal- und Organisationsentwicklung Mahena Stief weiß: „Neid muss nicht immer negativ sein, denn er kann anspornen und den Neider zur Produktivität anstacheln.“ Die Bemerkung „Da bin ich aber neidisch“ ist meist augenzwinkernd und unproblematisch gemeint. „Problematisch wird es, wenn Kollegen destruktive Sprüche klopfen und eine negative Stimmung verbreiten.“ In extremen Fällen von Missgunst könne es sogar zu Mobbing kommen.

Stief kennt bei Neid zwei Reaktionsmuster: Das eine kehrt sich nach innen, das andere nach außen: „Die einen entwerten sich selbst und haben das Gefühl, nichts wert und hilflos zu sein. Am Ende können daraus sogar Depressionen stehen.“ Der nach außen gerichtete Neid zeigt sich dagegen in Sticheleien, übermäßiger Kritik und Aggressionen.

Emotionen wahrnehmen und relativieren

„Um solch destruktive Emotionen bekämpfen zu können, muss man sie erst einmal wahrnehmen“, betont Stief. In einem zweiten Schritt geht es dann um den richtigen Umgang damit. Ihr Tipp an alle Neidgeplagten: „Fragen Sie sich, wie wichtig Ihnen die Sache wirklich ist. Überlegen sie, in welchen anderen Lebensbereichen sie zufrieden sind.“ Der Neid lässt sich auch durch Gedankenspiele relativieren, zum Beispiel durch die Beantwortung der Frage: Wie bedeutend ist für mich das, was mich heute neidisch macht, in drei Jahren?

Statt sich in den Gedanken zu verrennen, dass Andere zu Unrecht einen Karriereschritt machen konnten, rät Overdick, etwas Anderes in den Blick zu nehmen: „Betrachten Sie das, was Sie schon erreicht haben und seien Sie dafür dankbar.“ Auch  die alte Tugend der Bescheidenheit sei ein gutes Gegenmittel gegen Unzufriedenheit.

Das Selbstwertgefühl stabilisieren

Außerdem rät Stief dazu, das eigene Selbstwertgefühl zu stabilisieren: „In dieser Situation ist es sinnvoll, sich loben zu lassen. Man kann zum Beispiel eine liebe Kollegin augenzwinkernd um Anerkennung für Geleistetes bitten.“ Auch den Vorgesetzten kann man bei Ablieferung einer guten Leistung gezielt nach einem Feedback fragen.

Hat ein Arbeitnehmer unter der Missgunst seiner Kollegen zu leiden, gibt es auch dagegen  Strategien: „Zuerst sollte sich der Betroffene fragen, wie wichtig die neidische Person für sein Fortkommen ist“, so Stief. Ist sie in dieser Beziehung irrelevant, empfiehlt sie, die Gefühle des Betreffenden zu ignorieren. „Achten Sie stattdessen darauf, wer in Ihrem Unternehmen zu den Meinungsbildnern gehört und pflegen Sie die Beziehung zu ihnen! Denn es ist entscheidend, was diese Personengruppe von Ihnen denkt.“

Neid und Missgunst ignorieren

Machen Sie sich klar, dass Sie nicht beeinflussen können, was der Andere denkt und fühlt, rät Overdick. „Das sollten Sie akzeptieren.“ Es gehe weder im Beruf noch im Privatleben darum, von allen gemocht zu werden. „Wichtig ist, dass ich mich selbst im Spiegel anschauen kann.“ Missgunst sollten sich Berufstätige nicht so zu Herzen nehmen.

Kollegen reden gerne über Dritte. So kommt es immer mal wieder vor, dass ein viel beneideter Kollegen von Anderen hört, wer missgünstige Kommentare abgesondert hat. „Auf so eine Erzählung sollten Betroffene erst gar nicht eingehen. Am Besten sagen Sie, dass Sie davon nichts hören wollen“, so Stief.

Neider einbinden

Wenn der missgünstige Kollege wichtig für die Karriere ist oder dem Beneideten aus anderen Gründen am Herzen liegt, ist es sinnvoll, den Neider einzubinden. Stief: „Man kann zum Beispiel die Stärken des Neiders loben und ihn vielleicht sogar in Projekte einbeziehen.“

Das Problem Missgunst anzusprechen, ist dagegen nicht gefahrlos. „Sie sollten vorher genau Risiken und Nutzen abwägen. Denn es besteht die Möglichkeit, dass die Situation noch mehr eskaliert“, betont Prünte. Wenn der Betroffene dieses Risiko tragen will, sollte er unbedingt auf seine Wortwahl achten. Vorwürfe oder Unterstellungen sind tabu. „Beschreiben Sie das Verhalten Ihres Gegenübers zum Beispiel mit den Worten: ‚Mir ist aufgefallen, dass …‘. Und fragen Sie, was es damit auf sich hat.“

Strategien für Chefs

Missgunst ist nicht nur ein Problem unter Kollegen, auch für Chefs ist das Thema eine Herausforderung. Schließlich wollen sie, dass ihre Mitarbeiter produktiv sind und zwischenmenschliche Probleme nicht die Arbeitsabläufe stören. Deshalb rät Stief: „Vorgesetzte sollten nicht für zu viel Konkurrenz unter den Teammitgliedern sorgen. So ist es  keine gute Idee, zwei Leute mit einer Aufgabe zu betrauen und das bessere Ergebnis zu nehmen.“

Andererseits ist Neid aber auch ein ganz normales Gefühl. „Ein vollkommen harmonisches Team ist eine Illusion“, erklärt Stief. „Deshalb sollten Chefs nicht Kuschelteams erwarten, sondern normale menschliche Prozesse zulassen.“

Tipps auf einen Blick:

  • Um Neid und Missgunst bekämpfen zu können, müssen Sie diese Emotionen erst einmal wahrnehmen.
  • Fragen Sie sich, wie wichtig Ihnen die Sache, die Sie neidisch macht, wirklich ist.
  • Überlegen Sie, in welchen anderen Lebensbereichen Sie zufrieden sind und relativieren Sie so den Neid.
  • Stabilisieren Sie Ihr eigenes Selbstwertgefühl, indem Sie bei Ablieferung einer guten Leistung gezielt nach einem Feedback fragen.
  • Beim Umgang mit einem neidischen Kollegen sollten Sie sich fragen, wie wichtig diese Person für Ihr Fortkommen ist. Ist sie dafür irrelevant,  sollten Sie die Gefühle des Neiders ignorieren.
  • Ist der Neider für Ihre weitere Entwicklung wichtig, ist es sinnvoll, ihn zum Beispiel in Projekte einzubinden.
  • Das offene Ansprechen des Problems ist risikoreich.

Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Welche Erfahrungen haben Sie mit Neid und Missgunst im Beruf gemacht?
  • Wie gehen Sie damit um?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
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Meine Literaturempfehlung:

  • Thomas Prünte: Das Gefühlsklavier. Vom stimmigen Umgang mit unseren Emotionen, dgvt-Verlag (Tübingen) 2009, 464 Seiten, broschiert: 19,80 Euro.

Meine Linkempfehlungen:

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, März 2016)

(Copyright 2016 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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