Home » Beruf und Familie » Motiviert arbeiten: Anerkennung und Einstellung zählen

Sich im Beruf motivieren trotz Widerständen: Vor dieser Aufgabe stand die Hessin Pinar Dogan. 2010 musste sie als frischgebackene Betriebswirtin die Geschäftsführung einer Dönerproduktion übernehmen. Denn ihr Vater, der bisher den Betrieb geleitet hatte, war schwer erkrankt. Von heute auf morgen war sie Chefin von 15 Leuten … und das in einer Männerdomäne! Schwere Startbedingungen für die heute 28-jährige.

Was Berufstätige motiviert

Was Berufstätige motiviert

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter, Neustarter 40plus, Auszubildende, Schulabgänger und Studierende.

„Am Anfang habe ich mich schwergetan. Als junge Frau musste ich mich in einer Führungsposition gegenüber Vorurteilen behaupten. Auch der Status als Akademikerin machte es mir schwer. Schließlich hatte ich als Betriebswirtin eine ganz andere Mentalität als die meisten in der Branche“, berichtet Dogan. „Was mich in dieser Zeit motiviert hat, ist die Erkenntnis, dass ich aus negativen Erfahrungen lernen kann und sie dadurch positive Effekte haben.“ Dogan hat die Herausforderung, anders zu sein als die meisten Geschäftsführer ihrer Branche, angenommen … auch mit Hilfe der Berliner Unternehmensberaterin Dr. Christiane Nill-Theobald. „Unterstütung meines deutschen Fleischermeisters hat mich ebenfalls motiviert“, so Dogan. Sie sieht das Anderssein nicht als Makel, sondern hat es sogar zu ihrem Markenzeichen gemacht. „Heute habe ich mich durchgesetzt und bekomme positives Feedback. Keiner zweifelt mehr daran, dass ich meine Aufgaben meistere.“

Pinar Dogans Erfolg ist kein Zufall: „Ob Menschen motiviert arbeiten oder nicht, hängt von ihren Zielen und Antrieben ab“, betont Prof. Dr. Michael Krämer, Präsident des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen. „So ein Ziel ist zum Beispiel, für Leistung anerkannt zu werden oder eine Herausforderung erfolgreich zu bestehen.“ Diese Ziele und Antriebe können aber auch die Motivation rauben. Das ist immer dann der Fall, wenn Berufstätige keine Chance haben, ihre Ziele zu erreichen. „Wer nie eine positive Rückmeldung von seinem Vorgesetzten bekommt und wessen Streben nach Anerkennung immer erfolglos bleibt, wird immer unzufriedener zur Arbeit gehen.“

Der Sinn des Jobs

Doch fehlende Anerkennung ist nicht die einzige Rahmenbedingung, die dazu führt, dass ehemals hochmotivierte Mitarbeiter nur noch Dienst nach Vorschrift machen oder gar „innerlich gekündigt“ haben: „Wenn es am Arbeitsplatz keine klare Führung gibt und Ansprüche ständig wechseln, wird die Situation für die Mitarbeiter unübersichtlich. Das demotiviert Arbeitnehmer“, erklärt Krämer. Auch wenn sich die Unternehmensziele zu häufig ändern oder die gestellten Forderungen an die Mitarbeiter nicht erreichbar sind, verlieren Berufstätige früher oder später die Freude an der Leistung. Denn sie sehen sich in einem Hamsterrad gefangen … ohne die Chance, irgendwann erfolgreich zu sein.

Was den Einzelne zufrieden macht, kann höchst unterschiedlich sein. „Ist für einen bestimmten Menschen eine Tätigkeit stupide und langweilig, muss das für einen andern Arbeitnehmer noch lange nicht zutreffen. Er kann diese sehr wohl als motivierend empfinden, weil er damit seine Familie finanziert und die Routinen ausgezeichnet beherrscht“, berichtet Krämer. Würde dieser Beschäftigte befördert, könnte er an der anspruchsvollen Tätigkeit scheitern und so seine Motivation verlieren.

Auch Management-Coach und Unternehmensberaterin Dr. Christiane Nill-Theobald weiß, dass Zufriedenheit und Motivation von der Persönlichkeit des Berufstätigen abhängen. Dazu gehört zum Beispiel die Frage, welchen Sinn der Arbeitnehmer in seinem eigenen Job sieht. „Eine Reinigungskraft im Krankenhaus kann ihren Beruf für höchst sinnvoll halten, weil sie weiß, wie wichtig Sauberkeit und Hygiene für kranke Menschen sind“, betont die Berlinerin. „Sie kann ihre Arbeit aber auch geringschätzen, weil sie in der Krankenhaushierarchie ganz weit unten rangiert.“ Es kommt also auf die persönliche Einstellung an.

Selbstreflexion ist gefragt

„Viele Berufstätige, die sich am Montag lustlos zur Arbeit schleppen, wissen allerdings gar nicht, warum das so ist“, erklärt Nill-Theobald. „Sie haben zwar ein ungutes Gefühl, aber diese Emotion bleibt oft diffus.“ Deshalb rät sie Menschen, die ihre Leistungslust zurückerobern wollen, den eigenen Zufriedenheitsdefiziten auf die Spur kommen. „Ein wichtiger Schlüssel für die Lust auf Leistung ist das Wohlbefinden. Das entsteht, wenn der Berufstätige bei der Arbeit gute Gefühle hat oder wenn die zwischenmenschlichen Beziehungen am Arbeitsplatz und die Anerkennung durch den Chef stimmen. Das ist meist viel wichtiger als ein hohes Gehalt.“ Wer diese Hauptfaktoren unter die Lupe nimmt, wird herausfinden, wo das Problem liegt.

Zur Reflexion gehört auch die Frage, wo die eigenen Interessen und Fähigkeiten des Unzufriedenen liegen. „Viele Erwachsene haben vergessen, was ihnen in ihrem Job eigentlich Spaß macht“, weiß Nill-Theobald aus vielen ihrer Coachings. Doch genau das sollten Arbeitnehmer wissen, um mehr Zufriedenheit in ihren Arbeitsalltag zu bringen. „Wer als kreativer Typ in der deutschen Verwaltung arbeitet, der muss sich eigentlich nicht wundern, dass er aufgrund eher formeller Arbeitsabläufe am Montagsblues leidet.“ Ihr Tipp: Arbeitnehmer sollten herausfinden, was ihr Lebensker ist. „Um Lust auf Leistung zu haben, ist es wichtig, seine Potentiale gemeinsam mit seinen Kollegen und Chefs verwirklichen können.“

Krämer bringt es so auf den Punkt: „Um nicht auszubrennen oder innerlich zu kündigen, brauchen Menschen nicht nur eine als angemessen empfundene Entlohnung und Anerkennung, sondern die Persönlichkeit muss zu der Tätigkeit passen.“

Ist sich der Beschäftigte erst einmal klar, was in seinem Job schief läuft, sollte er überlegen, wie sich seine Arbeitssituation schrittweise verändern lässt und das dann auch umzusetzen. Ein Beispiel aus Nill-Theobalds Beratungspraxis: Eine Rechtsanwältin für internationales Urheberrecht hatte eine große Vorliebe für das Land Italien, trotzdem lag der Schwerpunkt ihrer Arbeit in anderen europäischen Ländern. Nachdem sie sich ihrer Vorliebe bewusst wurde, verlagerte sie ihre Tätigkeit. „Es kann manchmal so einfach sein, das Berufsleben motivierend zu gestalten“, erklärt die Unternehmensberaterin.

Weiterbildung und Erholung hilft

Auch andere Handlungsalternativen sind denkbar: So könnte ein Mitarbeiter seinen Chef nach Weiterbildungsmöglichkeiten fragen, die seinen Fähigkeiten und Interessen entsprechen oder diese ausbauen. Eine andere Möglichkeit ist, sich im Unternehmen aktiv an Projekten zu beteiligen, die dem Mitarbeiter Spaß machen. „So könnte sich der kreative Typ, der in der Verwaltung gelandet ist, vielleicht in die Gestaltung von Betriebsfeiern und Sommerfesten einbringen. Wer das macht, wird sicher lieber zur Arbeit gehen“, so Nill-Theobald.

Krämer sieht auch in der bewussten Gestaltung des Privatlebens eine Chance, die Motivation für die Arbeit zu stärken. Sein Tipp an Berufstätige: Sich Erfolgserlebnisse außerhalb des Arbeitslebens suchen und Fähigkeiten, die im Beruf nicht eingesetzt werden können, in Freizeitaktivitäten auszuleben. Außerdem sollten Arbeitnehmer nicht vergessen, für sich zu sorgen, zum Beispiel durch ausreichende Entspannungs- und Erholungsphasen.

Nill-Theobald: „In Firmen, in denen chaotische Arbeitsabläufe oder eine katastrophale Unternehmenskultur herrscht, bringen aber eigene Aktivitäten keinerlei Motivationsschub. Dann hilft oft nur noch der Wechsel der Arbeitsstelle.“

 


Literaturtipp:

Christiane Nill-Theobald: Endlich wieder Montag! Die neue Lust auf Leistung, Wiley-VCH Verlag, Weinheim (2014), 194 Seiten, 19,99 Euro

 (Veröffentlicht in der Berliner Zeitung, Juli 2014)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

  • Anja Schreiber
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    Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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