Hochsensibilität im Beruf: Fluch und Segen zugleich

Sie reagieren extrem auf Geräusche, Gerüche und Licht. Wenn etwas im Team nicht stimmt, spüren sie es sofort … das alles zeichnet hochsensible Menschen aus. Im Arbeitsalltag kann das Fluch und Segen zugleich sein. Denn diese Kollegen sind sehr empathisch, wirken auf Außenstehende aber auch oft überempfindlich.

Hochsensibilität im Beruf: Eine Herausforderung.
Hochsensibilität im Beruf: Eine Herausforderung.

So wirkt sich Hochsensibilät im Arbeitsalltag aus

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene und Neustarter.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • Was Hochsensibiltät ist.
  • Wie sich Hochsensibilität im Berufsalltag auswirkt.
  • Was Hochsensible tun können.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlungen.

„Etwa 15 bis 20 Prozent der Menschen sind hochsensibel oder hochsensitiv“, berichtet Ulrike Hensel, Buchautorin und Coach für Hochsensible aus dem Stuttgarter Raum. Sie betont, dass Hochsensibilität keine Krankheit ist und kein therapiebedürftiger Zustand, sondern eine angeborene Variation, wie das Nervensystem reagiert. Zu den Merkmalen gehört zum Beispiel das intensive Empfinden von optischen oder akustischen Reizen und Gerüchen. Ein ausgeprägtes intuitives Denken, hohe Begeisterungsfähigkeit, Kreativität und psychosoziale Feinwahrnehmung zeichnen diese Personen ebenfalls aus. „Sie sind aber nicht zwangsläufig introvertiert oder gar schüchtern, auch wenn 70 Prozent als introvertiert gelten.“

Petra Overbek (Name von der Redaktion geändert) gehört zu diesen hochsensiblen Menschen. Schon in frühen Jahren war sie anders als ihre Altersgenossen. Sie fremdelte als Säugling deutlich öfter als andere. Als Jugendliche ging sie ungern auf Partys, sondern brauchte mehr Ruhezeiten. Auch im Berufsalltag stellte die ausgebildete Grafikdesignerin eine große Diskrepanz zwischen sich und ihren Kollegen fest: „Immer wieder höre ich Sätze wie ’Du bist zu sensibel‘ oder ‚Du musst Dich ändern‘“, berichtet Overbek. Den Ratschlag „sich ein dickeres Fell zuzulegen“ hört die heute 41-Jährige ständig.

Hochsensible sind leichter gestresst

Sie empfindet viele Alltagssituationen im Beruf so ganz anders ihre Kollegen. Wenn zwei oder drei im Büro miteinander reden, ist das für sie zu laut. Sie kann dann nicht konzentriert arbeiten. „Während sich in meinem Betrieb die meisten bei Gesprächen in der Mittagspause entspannen, ist das für mich total anstrengend. Und zum Schluss bräuchte ich eigentlich erst recht eine Auszeit“, erklärt Overbek.

Hensel weiß, dass Hochsensible durch die Art ihrer Wahrnehmung häufiger gestresst sind als andere Mitarbeiter. „Sie sind leichter reizbar und reagieren unter Umständen heftiger als der Durchschnitt“, so Hensel. „Gerade die empathischen Fähigkeiten führen bei diesen Personen dazu, dass sie Konflikte intensiver empfinden.“

Hin und wieder kommt es auch in Overbeks Berufsalltag zu Problemen. „Wenn ich etwas nicht verstehe, traue ich mich oft nicht nachzufragen.  Aus Angst vor Ablehnung bin ich in Konferenzen viel zu zurückhaltend. So können Fehler entstehen.“ Von ihrem Chef hört sie dann: „Wehr Dich, frag nach, sag etwas!“

Hochsensitivität hat viele Vorteile

Overbek erlebt ihre Hochsensibilität aber keineswegs nur als Problem, sondern sie weiß auch um ihre Vorteile. Wie viele Hochsensible ist sie kreativ. Darum hat sie sich auch für den Beruf der Grafikdesignerin entschieden. Außerdem ist sie sozial sehr kompetent: „Immer wieder haben mir Kollegen und Vorgesetzte bestätigt, dass die Stimmung besser wird, wenn ich den Raum betrete. Scheinbar strahle ich eine Ruhe aus, die sich auf alle überträgt.“ Zudem erlebt Overbek häufig, dass Unternehmensmitarbeiter zu ihr kommen, wenn sie Probleme haben.

Auch Anne Heintze, Buchautorin und Leiterin der OpenMind-Akademie in München, bestätigt: „Hochsensible sind sehr empathisch und kreativ. Deshalb finden sie sich häufig in sozialen Berufen wieder, aber auch im Marketing und Coaching.

Empathisch und kreativ

Hensel sieht die Stärken dieser Personengruppen zudem im analytischen Bereich: „Besonders ausgeprägt ist das konzeptionelle und kritische Denken. Viele arbeiten deshalb in Wissenschaft und Forschung.“ Allerdings brauchen diese Berufstätigen die Möglichkeit, sich zurückzuziehe

„Ständiger Kundenkontakt kann leicht zur Überforderung führen“, berichtet Birgit Trappmann-Korr, Psychologin und Coach für Hochsensitive und Hochbegabte aus Rheinberg. Eine therapeutische Tätigkeit kommt diesen Menschen dagegen sehr entgegen, da es sich um eine intensive Eins-zu-Eins-Situation handelt.“ Geeignet sei zudem eine Selbstständigkeit. Denn diese erlaubt Berufstätigen, ihren Arbeitsalltag eigenständig zu gestalten.„Hochsensible brauchen mehr Ruhe. Nur so können sie ihre Batterien wieder aufladen. Deshalb ist ein Homeoffice ebenfalls eine gute Lösung.“

Berufwahl und Hochsensibilität

Doch um den richtigen Beruf wählen zu können, der zu den eigenen Anlagen passt, müssen Menschen erst einmal ihre Besonderheiten kennen. Auch Petra Overbek hatte lange keinen Schimmer von ihrer Veranlagung. Erst vor wenigen Jahren fand sie das heraus. „Vorher hatte ich immer das Gefühl, nicht in diese Welt zu passen.“ Inzwischen akzeptiert sie sich so, wie sie ist. „Ich gönne mir heute mehr Ruhepausen und ziehe mich öfter mal von den Kollegen zurück“, berichtet Overbek. So kommt sie seltener mit in die Kantine, sondern verbringt die Pausen auch mal alleine. Manchmal verlässt sie das Büro, geht auf die Toilette, um dort für einige Minuten Ruhe zu tanken. Dort macht sie kurze Entspannungsübungen. Das hilft. Um nicht stigmatisiert zu werden oder auf Unverständnis zu stoßen, möchte sie von ihrer Hochsensibilität im Kollegenkreis aber lieber nicht erzählen.

Das können Hochsensible tun: Sich und Andere verstehen

Auch Trappmann-Korr bestätigt, dass die meisten „Betroffenen“ erst nach vielen Lebensjahren ihre Disposition erkennen. „Wenn die Menschen zu mir kommen, haben sie sich meist schon eingelesen oder im Internet recherchiert. Sie treibt oft der Wunsch an, alles noch einmal im Dialog zu klären.“

Für Hochsensible ist es ganz wichtig, ihre Veranlagung zu entdecken. „Viele meiner Klienten erleben es als Erleichterung, wenn sie erfahren, dass sie eben nicht krank sind“, betont Heintze. Mit diesem Wissen verstehen sie sich und die Reaktionen ihrer Umwelt besser. „Ihnen wird klar, dass die Kollegen oder Chefs ihnen gar nichts Böses wollen, sondern lediglich die Dinge anders wahrnehmen.“

Das hilft hochsensiblen Menschen

Wer um sich selbst weiß, schafft es auch eher, für sich zu sorgen. „Ein Hochsensibler sollte in stressigen Situationen Distanz schaffen, indem er zum Beispiel diese in Richtung Kopierer verlässt“, so Heintze. Als Alternative zum kraftzehrenden Plausch in der Kantine könnte er etwa einen Spaziergang unternehmen. „Was ‚Betroffenen‘ gut tut, wissen sie in der Regel selbst am Besten. Denn sie haben viel Intuition.“

Trappmann-Korr betont: „Hochsensitive sollten erkennen, wer sie sind und was sie brauchen, damit es ihnen gut geht.“ Sie hat oft festgestellt, dass ihre Klienten sich mehr um Kollegen, Freunde und Familie kümmern als um sich selbst. Das sei aber gerade problematisch. Denn es führe oft zu psychosomatischen Stressreaktionen wie Verspannungen, Kopfschmerzen oder Herz-Kreislauf-Problemen. Vor diesem Hintergrund empfiehlt sie ’Betroffenen‘, zu den an sie herangetragenen Wünschen auch mal nein zu sagen.

Richtig die eigenen Bedürfnisse kommunizieren

Zur Selbstfürsorge gehört die Kommunikation. Schließlich sollten Hochsensible nicht still vor sich hinleiden, wenn ihnen beispielsweise die Geräuschkulisse im Büro zu laut ist. Hensel: „Die Gewaltfreie Kommunikation nach Marshall Rosenberg hat sich dafür als besonders hilfreich erwiesen. Denn sie stößt den Gesprächspartner nicht vor den Kopf, sondern macht auf die eigenen Empfindungen, Bedürfnisse und Wünsche aufmerksam.“

Die Selbstfürsorge im Beruf kann sehr unterschiedlich aussehen. Hensel: „Manchmal reicht es schon, morgens früher als die Kollegen anzufangen, um so in den ersten Stunden in Ruhe arbeiten zu können. Manchmal ist vielleicht auch ein Jobwechsel notwendig.

Tipps auf einen Blick:

  • Oft erleben sich Hochsensible als defizitär. Doch ihre Veranlagung hat auch im Beruf viele Vorteile.
  • Wichtig ist deshalb, einen Beruf auszuwählen oder einen Job zu suchen, der zu den eigenen Stärken passt.
  • Damit Hochsensible das tun können, müssen sie sich ihrer Veranlagung bewusst werden und zuvor über das Thema Hochsensibilität recherchieren.
  • Wer seine Veranlagung kennt, sollte für sich sorgen und auf seine Bedürfnisse achten.
  • Oft ist es hilfreich, zu Menschen und Situationen Distanz zu schaffen.
  • Wichtig ist es auch, über die eigenen Bedürfnisse klug zu kommunizieren, z.B. mit der Gewaltfreien Kommunikation.

Fragen an Sie:

Ich freue mich, dass Sie diesen Artikel gelesen haben! Jetzt möchte ich Ihnen ein paar Fragen stellen:

  • Sind Sie hochsensibel?
  • Haben Sie die im Artikel beschriebenen Symptome?
  • Welche Erfahrungen haben Sie als hochsensibler Mensch im Beruf gemacht?
  • Welche Probleme haben Sie und wie sehen Ihre Lösungsansätze aus?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel? Ist er hilfreich? Dann würde ich mich über einen Like auf meiner Facebookseite freuen!

Bitte schreiben Sie es in die Kommentare! Vielen Dank!

Meine Literaturempfehlungen:

Ulrike Hensel: Mit viel Feingefühl – Hochsensibilität verstehen und wertschätzen. Einblicke in ein gar nicht so seltenes Phänomen, Junfermann (Paderborn) 2013, 240 Seiten, broschiert: 22,90 Euro, E-Book: 19,99 Euro.

Anne Heintze: Ich spüre was, was du nicht spürst. Wie Hochsensible ihre Kraftquellen entdecken, Gräfe und Unzer (München) 2015, 128 Seiten, gebunden: 12,99 Euro, E-Book: 10,99 Euro.

Birgit Trappmann-Korr: Hochsensitiv: Einfach anders und trotzdem ganz normal. Leben zwischen Hochbegabung und Reizüberflutung, VAK Verlag (Kirchzarten bei Freiburg) 2014, 336 Seiten, broschiert: 18,95 Euro.

Meine Linkempfehlungen:

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, Oktober 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

6 Kommentare

  1. Hallo,
    Ich möchte eig. Nur kurz meine Erfahrung in der berufswelt erläutern.
    Ich war nun 6 jahre im Einzelhandel, 5,5 j. Davon in einem Bekannten Discounter A 😉 ich bin durch geistig und körperlich durch die Hölle gegangen durch das immer schnelle trotzdem wa ich eine sehr freundliche und angesehene AN. Doch ja ich öfters zuspät und nach Feierabend wa ich fertig! Nach und nach wirkte sich das alles auf die psychse aus da ich keine Zeit zum verarbeiten der dinge hatte uvm. … Ich hatte mit selbbewussteins problemen zu kämpfen und anderen dingen wobei ich mich immer selbst therapierte. habe zur Zeit mein drittes burnout und weis nun endlich seit ein paar tagen das ich zwar anders bin als andere aber nicht schwach, gestört, oder unfähig. Das tut gut, trotzdem habe ich ein riesen Problem mit der berufswahl das ist wirklich schlimm. Ich hoffe ich werde was finden und kann endlich nach Jahren der anstrenung das finden was mir gut tut.
    Liebe Grüße

  2. Liebe Frau Schreiber, schön geschrieben und viele wertvolle Inhalte. Als hochsensibler Mann will ich mich demnächst selbstständig machen und bin online auf der Suche nach guten Tipps. Dabei habe ich das Buch „Hochsensibilität und die berufliche Selbstständigkeit“ von Sandra Tissot auf Amazon entdeckt. Scheint genau mein Thema zu sein. Kennen Sie das Buch und können es empfehlen? Gibt es darin Tipps?

    liebe Grüße Holger

    1. Lieber Holger, vielen Dank für Deinen Kommentar! Über Dein Lob habe ich mich sehr gefreut. Das Buch von Sandra Tissot kenne ich leider nicht. Falls Du es kaufst und liest, würde mich Deine Einschätzung interessieren. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit Deiner Selbstständigkeit! Liebe Grüße Anja

  3. Guten Tag Frau Schreiber,
    Ich gehöre zu den HSP, finde mich hingegen nicht darin wieder, was das Vermeiden von Fehlern angeht, oder Neigung zum Perfektionismus. Auch achte ich zuerst auf meine Bedürfnisse, positioniere mich inzwischen sehr selbstbewusst und vor allem geschmeidig vor meinem Umfeld. Ich bin auch nicht schreckhaft und sehe Menschen als Herausforderung nicht als Konkurrenz. Ich setzte anderen bewusst Grenzen, äußere mich schlagfertig und bin nicht emotional abhängig von anderen. Was hingegen auf mich zutrifft, ist, das ist schneller wahrnehme wenn Menschen manipuliert werden – besonders Kinder, und wenn Arbeitsprozesse und Abläufe zu straff sind, oft ist das Hinterfragen im Unternehmen nicht erwünscht. Wie schaffe ich es, souverän mit bestimmten Unternehmensstrukturen und Kollegen umzugehen die von Selbstreflexion wenig halten? Was muss ich an meinem Anschreiben neu beachten? Denn eine starke und authentische Persönlichkeit macht Personalern Angst. Herzliche Grüße aus Berlin, Dagmar

    1. Herzlichen Dank für den ausführlichen Kommentar, Dagmar! Ich finde Authentizität wichtig, auch gerade in der Bewerbung! Wenn diese allerdings bei bestimmten Personalern nicht gut ankommt, ist das m.E. ein wichtiges Indiz dafür, dass es in der späteren Zusammenarbeit schwierig werden kann. Um so wichtiger ist es für Hochsensible, im Bewerbungsverfahren zu erkennen, ob ein Unternehmen und seine Vertreter zu ihnen passen. Ich denke schon, dass es Firmen gibt, die die Sensibilität und das Feedback ihrer Mitarbeiter schätzen. Sicher kommt es dabei auch auf die „Verpackung“ an. Gerade als Hochsensible haben Sie hier einen großen Vorteil, denn Sie können sich in andere hineinversetzen. Diese Ressource wird Ihnen sicher helfen, den richtigen Ton zu finden und sich auch nicht verbiegen zu lassen! Ihnen alles Gute! Beste Grüße Anja Schreiber

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