Empfindsame Mitarbeiter im Berufsalltag: Zart besaitet!

Zart besaitete Arbeitnehmer haben es schwer: Sie fühlen sich oft angegriffen und sind schnell beleidigt. Und auch ihre Kollegen haben es nicht leicht, denn sie treten bei ihnen oft in Fettnäpfe. Doch mit einem ordentlichen Maß an Selbsterkenntnis und ein bisschen Einfühlungsvermögen und Verständnis füreinander klappt auch das Miteinander von feinfühligen und emotional robusteren Kollegen und Chefs.

Empfindsame Mitarbeiter im Berufsalltag.
Empfindsame Mitarbeiter im Berufsalltag.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

„Zart besaitete Mitarbeiter leiden meist besonders an vermeintlicher Kritik“, berichtet die Münchnerin Irene Becker, die als Coach und Buchautorin im Bereich Personal- und Persönlichkeitsentwicklung arbeitet. „Bei der kleinsten Beanstandung fühlen sich diese Menschen komplett abgelehnt.“ Das Problem sind oft die Gedanken: Empfindsame Menschen entwickeln häufig Horrorfantasien. So wird zum Beispiel in einen scheinbar verächtlichen Blick sehr viel hineininterpretiert. Der Betroffene rechnet dann schnell mit dem schlimmsten. Das ist weder für ihn noch für sein berufliches Umfeld angenehm.

Den Gedankenkreislauf durchbrechen

Empfindsamen Berufstätigen empfiehlt Becker deshalb, ganz bewusst diesen Gedankenkreislauf zu durchbrechen und die eigenen Horrorfantasien wie Kündigung oder dauerhafte Feindschaft kritisch zu beleuchten. „Fragen Sie sich, auf was sich die Kritik oder Ablehnung genau beziehen könnte“, betont Becker. Gegen Horrorfantasien helfen auch andere Fragen: Wie groß ist das Problem wirklich? Was sagt mir meine Lebenserfahrung und mein gesunder Menschenverstand? Wie rational sind meine Ängste und Befürchtungen? Wer sich diese Fragen ernsthaft beantwortet, wird oft feststellen, dass er selbst emotional überreagiert hat. „Wer seine eigenen Gefühle überdenkt, ist in der Regel auch in der Lage, sie zu beeinflussen.“

Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder andere, warum er überhaupt seine Gefühle beeinflussen soll, anstatt in ihnen zu schwelgen. Becker kennt ein triftiges Argument: „Das tun Sie für sich selbst!“ Denn wer sich über die Kränkungen vonseiten seiner Kollegen oder Vorgesetzten aufregt, der schadet sich in erster Linie selber. Schließlich können solche Gefühle ihm den Job vermiesen, während der eigentliche „Übeltäter“ das vielleicht noch nicht einmal merkt.

Selbstbestimmt mit Kränkungen umgehen

Becker: „Sie bestimmen selbst, wie wichtig Ihnen eine vermeintliche Kränkung ist.“ Beispiel: Wenn sich ein bestimmter Kollege im Ton vergreift, den sie überhaupt nicht schätzen, müssen sie nicht unbedingt tief verletzt sein. Sie könnten auch anders reagieren: Da sie mit dem besagten Kollegen sowieso kein freundschaftliches Verhältnis anstreben, ist Ihnen sein Verhalten egal!

Und noch ein Tipp von der Trainerin und Buchautorin: Kommen Sie sich selbst auf die Spur! „Vielleicht können Sie den scheinbar abschätzigen Blick eines Kollegen deshalb nicht ertragen, weil Ihr ehemaliger Mathelehrer – unter dem Sie so gelitten haben – auch so geschaut hat.“ Wenn dem so ist, sollten Berufstätige das herausfinden. Schließlich kann der Kollege nichts für diese Traumatisierung. Wer sich selbst besser versteht, kann auch Konflikte im Job vermeiden.

Doch nicht nur die besonders empfindsamen Berufstätigen sollten an sich arbeiten, sondern auch ihr berufliches Umfeld. „Wenn jemand aggressiv wird oder die Kommunikation abbricht, kann das ein Anzeichen für eine Kränkung sein“, betont Becker. Bei zart besaiteten Mitarbeitern reichen oft schon Kleinigkeiten wie eine unbedacht geäußerte Kritik, um sie erheblich zu kränken. Deshalb rät Becker den Chefs und Kollegen zu einer passgenauen Kommunikation: „Wer Kritik äußern muss, sollte vorher den Betreffenden loben. Zeigen Sie ihm, dass Sie ihn als Menschen und seine Arbeit grundsätzlich schätzen. Natürlich sollte das auch ernst gemeint sein.“ Erst danach empfiehlt es sich, die Kritik zu platzieren, die möglichst konkret formuliert sein sollte. Pauschale Beschuldigungen sind hier fehl am Platze. „Idealerweise beenden Sie das Gespräch mit einem positiven Ausblick. Sagen Sie zum Beispiel: Damit wir auch weiterhin so gut zusammenarbeiten, sollten wir das Problem lösen.“ Wer so kommuniziert, zeigt seinem Gegenüber, dass er nichts Grundsätzliches gegen ihn hat. Und das macht es einem zart besaiteten Mitarbeiter leichter, die Kritik anzunehmen.

Literaturtipp:
Irene Becker: Endlich Rose statt Mimose, Wie Sie lernen, nicht alles so schwer zu nehmen, Goldmann Verlag,304 Seiten, 7,95 Euro, ISBN: 978-3442170654

(Veröffentlicht bei GMX.de, Dezember 2011)
(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.