Home » Führung » Als Mitarbeiter Führungsstärke zeigen: So führen Sie Ihren Vorgesetzten!

Nicht immer ist der Chef der Boss im Büro. Auch Mitarbeiter haben ihre Mittel, den Vorgesetzten in die gewünschten Bahnen zu lenken. Dafür bedarf es lediglich einiger kleiner (legaler) Tricks.

Wie Sie Ihren Vorgesetzten führen.

Wie Sie Ihren Vorgesetzten führen.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

Thomas M. (Name von der Reaktion geändert) hat es geschafft, seinen Chef zu führen: Der zielstrebige Mittdreißiger hielt sich nicht lange damit auf, über seinen Vorgesetzten zu klagen, sondern drehte als Referent bei einem Weiterbildungsträger den Spieß um. Doch davor stand eine Leidensgeschichte: „Mein Boss hatte zwei große Fehler: Erstens war er fachlich inkompetent, zweitens neigte er dazu, dies durch ausufernde Redebeiträge zu kompensieren“, berichtet der straight wirkende Akademiker. Deshalb blieb auch viel Arbeit liegen und die Kunden beschwerten sich … und das, obgleich Thomas M. bis spät in den Abend hinein gearbeitet hat. Grund dafür waren unter anderem stundenlange und inhaltsleere Besprechungen.

„Der traurige Höhepunkt war erreicht, als mein Chef dazu überging, mich nachts aus dem Bett zu klingeln, um mich zu „bitten“, bis zum nächsten Morgen kurzfristig bestimmte Aufträge zu übernehmen.“ Nachdem M. einige Wochen mühsam durchgehalten hatte und an den Rand seiner Leistungsfähigkeit angelangt war, kam ihm eine zündende Idee: Der psychologisch versierte Referent bat seinen Vorgesetzten um ein Gespräch, was er sonst immer vermieden hatte und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein für den Vorgesetzten neues Thema: Die Kooperationen mit verschiedenen Behörden, Ämtern und Agenturen. Der Chef war begeistert. Er glaubte, dort finanzielle Unterstützung zu finden. Und so war er täglich mehrere Stunden beschäftigt, Kontakte zu pflegen oder Finanzierungsmöglichkeiten aufzutun. „Da er so selbst keine Zeit mehr für seine eigentliche Arbeit hatte, konnte ich ihm „selbstlos“ bestimmte Leitungsaufgaben „abnehmen“. Das hat er auch mitgemacht, weil ihm sein neues Arbeitsfeld wichtiger erschien“, berichtet der agile Typ im Business-Outfit. Das war die schönste Zeit für M. und seine Kollegen … denn endlich kamen sie dazu, ihre ganz „normale“ Alltagsarbeit zu erledigen.

Die Unzufriedenheit mit dem Chef

Der Wunsch, den Vorgesetzten zu führen, hängt meist mit der eigenen Unzufriedenheit über dessen Führungsstil zusammen. Und die ist beträchtlich: Nach einer Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum von 2009 ist der Chef sogar der häufigste Kündigungsgrund für Arbeitnehmer. Danach sind nur 20 Prozent der Befragten mit ihrem Vorgesetzten zufrieden. 56 Prozent benoteten ihren Boss im unteren Drittel. 23 Prozent geben ihrem Chef sogar die schlechteste mögliche Bewertung!

Das beste Mittel gegen diese Unzufriedenheit ist, selbst aktiv zu werden. Dies wird zunehmend wichtiger. „Die Arbeitsverhältnisse der heutigen Zeit sind ja wesentlich kurzfristiger ausgelegt als es zum Beispiel noch vor gut zehn Jahren der Fall war. Hatte man früher ausreichend Zeit, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, so müssen heute schon besondere Tricks angewandt werden, um protegiert zu werden“, berichtet Karrierecoach und Autor Dr. Manuel Tusch.Grundsätzlich gilt: Je kritischer die aktuelle wirtschaftliche Situation, desto wichtiger ist eine gute Beziehung zum Boss, betont Tusch.

Eine gute Beziehung aufbauen

Um aber eine gute Beziehung zum Chef aufzubauen, müssen Mitarbeiter raus aus der Deckung. Sie sollten selbst das Gespräch mit dem Chef suchen. Berichten Sie zum Beispiel Ihrem Chef von Ihren gelungen Projekten. Stellen Sie ihm Ihre Arbeitsergebnisse vor. „Wenn Sie eine Fortbildung wünschen oder eine andere Aufgabe erledigen möchten, sollten Sie das Ihrem Chef auch sagen. Woher soll er das denn sonst wissen?“, betont Dr. Christiane Drühe-Wienholt, Buchautorin und Coach. „Fragen Sie Ihren Chef, wie er Sie sieht.“ Wer dann diese Einschätzung des Chefs aufnimmt und als Argumentation nutzt, um eigene Vorstellungen umzusetzen, hat gute Karten für ihre Verwirklichung.

Damit Ihr Chef für Ihre Wünsche und Ideen offen ist, sollte das zwischenmenschliche Klima zwischen Ihnen beiden stimmen: „Nehmen Sie die Aufträge Ihres Chefs ohne Widerwillen an. Diskutieren Sie nicht!“, so Drühe-Wienholt. Seien Sie also nicht ein Problem, sondern ein Problemlöser. Tauchen zum Beispiel im Arbeitsablauf Schwierigkeiten auf, sollte Sie nicht vom Chef Hilfe erwarten, sondern schon selbst einen Lösungsvorschlag parat haben. Das hat viele Vorteile: Sie helfen Ihrem Chef und der wird deshalb in Zukunft bereitwilliger auf Ihre Anliegen und Vorschläge eingehen.

Den Vorgesetzten verstehen

Dr. Volker Kitz, Coach und gemeinsam mit Dr. Manuel Tusch Autor des Buches „Ohne Chef ist auch keine Lösung“, empfiehlt, sich in den Chef hineinzuversetzen: „Was sind seine Bedürfnisse? Ist er ein Choleriker oder ein Angsthase? Verhalten Sie sich entsprechend! Bedienen Sie seine Bedürfnisse.“

Hat Ihr Boss zum Beispiel ein Fable für Zahlen und Fakten, sollten Sie ihm in Ihrer Argumentation Zahlenmaterial liefern. Liebt Ihr Chef dagegen ausufernde Diskussionen, diskutieren Sie mit ihm die Themen, die er mag und bei denen er sich gut auskennt. In jedem Fall müssen Sie Ihren Chef ernst nehmen und ihm Respekt zeigen. „Wertschätzung vermitteln Sie ihm am ehesten, indem Sie ihm geduldig zuhören“, betont Kitz. „Fassen Sie ab und zu seine Aussagen zusammen oder rückversichern Sie sich zum Beispiel mit den Worten „Verstehe ich Sie richtig…?“ So vermitteln Mitarbeiter ihrem Vorgesetzten ein gutes Gefühl. Das wirkt sich positiv auf die Bereitschaft Ihres Chefs aus, das für Sie zu tun, was Sie wollen!

Tusch empfiehlt, in Meetings auf die nonverbalen Ebene zu wechseln: „Schauen Sie Ihren Boss an, nicken Sie ihm ab und zu bekräftigend zu … aber immer wohldosiert, damit es nicht manipulativ wirkt. So signalisieren Sie ihm, dass Sie seiner Ansicht sind.“

Wer so handelt, muss natürlich aufpassen, dass er nicht als Schleimer wahrgenommen wird. Deshalb rät Kitz: „Ihre Kollegen sollten nicht alles mitbekommen. Behalten Sie Ihre Strategien schön für sich.“ Um nicht zu schleimig zu wirken ist es hilfreich, hin und wieder Diskussionen zu konstruieren: „Widersprechen Sie auch mal Ihrem Chef … aber nur in den Punkten, von denen Sie wissen, dass Sie Ihrem Chef nicht allzu viel bedeuten!“ Wer so handelt, verdeutlicht seinem Vorgesetzten, dass er zur Kritik fähig ist. Auch das fördert Vertrauen.
Den Chef führen: Das können Mitarbeiter aber auch, indem sie ihm klare Grenzen zeigen und eben nicht alles mitmachen. Drühe-Wienholt: „In den meisten Jobs ist es gar nicht nötig, ständig in Handybereitschaft für den Chef zu sein. Ruft Ihr Boss Sie trotzdem ständig spätabends noch an, sollten Sie sich ernsthaft überlegen, das Handy auszuschalten.“ Der Chef wird sich daran gewöhnen und nicht weiter versuchen, Sie rund um die Uhr zu erreichen.

Literaturtipps:
Christiane Drühe-Wienholt: Endlich frustfrei! Chefs erfolgreich führen. Die besten Tricks für harte Fälle, Göttingen 2007, 21,80 Euro, ISBN-13: 978-3-938358-42-9
Dr. Christiane Drühe-Wienholt bietet Trainings und Coaching zum Thema „Führung von unten“ an: www.strategisches-coaching.de
Volker Kitz, Manuel Tusch: Ohne Chef ist auch keine Lösung, Frankfurt/Main 2009, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-593-38789-5
Dr. Manuel Tusch und Dr. Volker Kitz bieten Coaching zum Thema „Führung von unten“ an: www.kitz-tusch.com

(Veröffentlicht in Berliner Akzente, Januar 2011)

(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

  • Anja Schreiber
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    Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.