Home » Konfliktmanagement » Probleme im Job: Von den Verrücktheiten des Arbeitsalltags

Ich arbeite in einem Irrenhaus – zu dieser Erkenntnis ist wohl schon mancher Arbeitnehmer hin und wieder gelangt. Für alle, die an den Verrücktheiten des Arbeitsalltags schon verzweifeln wollen, hat Karrierecoach Martin Wehrle jetzt ein Buch mit gleichnamigem Titel geschrieben. Darin analysiert er, was in vielen Unternehmen schief läuft und welche Optionen betroffene Mitarbeiter haben, mit den diversen Skurrilitäten im Job umzugehen.

Wie Sie mit Skurrilitäten im Job umgehen können.

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Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Neustarter und Neustarter 40plus.

Haarsträubendes im Berufsalltag

Was in seinem Buch häufig wie Satire klingt, sind tatsächlich Geschichten aus dem wirklichen Leben. Denn Wehrle berichtet im ersten Teil seines Ratgebers über seine vielfältigen Erfahrungen als Coach. Er kennt große und kleine Firmen – nicht nur von der äußeren Hochglanzfassade her, sondern auch von innen, aus den Berichten leidgeprüfter Mitarbeiter. Kaum ein Comedian wäre in der Lage, haarsträubendere Episoden zu erzählen, als die, die Wehrle amüsant und anschaulich zu beschreiben weiß.

Da hat zum Beispiel eine Unternehmensberatung in einer Firma den Kostenfaktor Catering entdeckt und aus Sparzwang die „Vier-Stunden-Regel“ eingeführt: Sitzungsteilnehmer, die weniger als vier Stunden beieinander saßen, hatten weder Anspruch auf Wasser noch auf Kaffee oder Kekse. So konnten die Mitarbeiter des Betriebes ihren Geschäftspartnern nicht einmal im Hochsommer ein Glas Wasser kredenzen. Die Kunden griffen nach dem ersten Schock zur Selbsthilfe und brachten selbst Wasserflaschen, Thermoskannen voller Kaffee und Gebäck mit – wie peinlich.

Irrsinn: Kürzung des Papier-Etats

In einem anderen Fall waren es die Angestellten selbst, die den Irrsinn des Unternehmens durch den Griff in die eigene Geldbörse einzudämmen versuchten: Der Papier-Etat wurde gekürzt. So war schon Mitte November kein Papier mehr in der Vorratskammer. Da die Arbeitnehmer angehalten wurden, eine kostenneutrale Lösung zu finden, wurde für normale Ausdrucke Briefpapier verwendet -bis Mitte Dezember auch das ausging. Die Firma konnte jetzt keine Rechnungen mehr stellen und auch nichts anderes mehr ausdrucken. Schließlich kauften einige Mitarbeiter die Blätter zum Glück aus eigener Tasche.

Noch viele andere solcher Irrsinns-Geschichten hat der Coach parat: Da werden Absageschreiben verschickt, die sich für Vorstellungsgespräche bedankten, die nie stattgefunden haben, oder Betriebsspione entlarvt, die in Wirklichkeit lediglich ihre Arbeit zu Hause fortsetzen wollten. Doch Wehrle hat neben der Sammlung absurder Arbeitsanekdoten noch mehr zu bieten: Er analysiert auch die zugrundeliegenden Probleme wie Heuchelei, Profitsucht, Egozentrik oder Dilettantismus.

Analyse statt Wehklagen

Im zweiten Teil des Buches bleibt der Autor zudem nicht beim Wehklagen über die böse Berufswelt, sondern will einen Weg weisen, der die Angestellten aus dem Irrenhaus herausführt. Am Anfang steht dabei die Analyse. Mit dem großen „Irrenhaus-Test“ fragt Wehrle seine Leser daher zunächst: „Spinnt Ihre Firma?“ Nach dem Muster einschlägiger Psycho-Tests können Arbeitnehmer hier erfahren, ob es sich bei ihrem Brötchengeber um einen Glücksfall handelt oder sich der Betrieb den Titel „Irrenhaus“ redlich verdient hat.

Nach der Analyse fordert Wehrle diejenigen, die erkennen mussten, dass sie tatsächlich in einem „Irrenhaus“ arbeiten, zum Handeln auf. Unter dem Motto „Raus aus der Anstalt“ plädiert er dafür, auf Jobsuche zu gehen anstatt über den alten Arbeitsplatz zu jammern. Sein Appell an die Arbeitnehmer lautet, sich ihrer eigenen Werte und Wünsche bewusst zu werden und mit diesem Wissen eine neue Stelle zu suchen.

Dabei ist sich der Coach durchaus bewusst, dass ein Jobsuchender schnell wieder ins nächste Irrenhaus stolpern kann. Deshalb gibt er hilfreiche Hinweise, wie Arbeitnehmer schon während der Bewerbungsphase erkennen können, wie verrückt es in einer Firma möglicherweise zugeht. Ein Anzeichen ist, wie oft und wie lange eine Stellenausschreibung geschaltet wurde: Ist sie schon mehrfach erschienen, kann das auf einen schwierigen Vorgesetzten, eine ruppige Firmenkultur oder auf wenig Geduld bei der Einarbeitung hindeuten.
Auch der Ton im Antwortschreiben beziehungsweise im Unternehmen selbst sowie der Umgang mit Fragen des Bewerbers kann ein weiterer Gradmesser für den Irrsinn in einem Betrieb sein. Wehrle ermuntert Jobsuchende daher, sich nicht nur selbst anzupreisen, sondern sich auch ehrlich zu fragen, ob das Unternehmen überzeugt. Er empfiehlt seinen Lesern, den nächsten Arbeitgeber danach auszuwählen, ob er zu ihnen und ihren Werten passt.

Zur Person:
Der 1970 geborene Martin Wehrle arbeitet als Karriereberater und Autor. Er war Führungskraft in einem deutschen Konzern, bevor er sich als Coach selbstständig machte. Heute bietet er an seiner Akademie eine Ausbildung zum Karriereberater und -coach an. Zu seinen Büchern gehören unter anderem die Werke „Geheime Tricks für mehr Gehalt“ und das „Lexikon der Karriere-Irrtümer“.

Lektüretipps:
Normaler Bürowahnsinn: Ich arbeite in einem Irrenhaus. Vom ganz normalen Büroalltag: Martin Wehrle, Econ Verlag, Berlin (2011), 288S., 14,99 Euro.

(Veröffentlicht in Berliner Zeitung, Juni 2011)
(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

  • Anja Schreiber
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    Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.