Psychologische Effekte: Fiese Denkfallen im Job

Menschen sind gar nicht so rational, wie sie sich gerne darstellen… das ist im Privatleben genauso wie Job. So beeinflussen eine Vielzahl psychologischer Phänomene den beruflichen Alltag. Oft werden sie sogar zu Denkfallen. Die Autoren Jochen Mai und Daniel Rettig sind in ihrem neuen Buch „Ich denke, also spinn ich“ auf Entdeckungstour gegangen und haben mehr als 120 psychologische Effekte entlarvt, die uns Menschen hinters Licht führen. Hier eine jobrelevante Auswahl:

Wie psychologische Phänomene den beruflichen Alltag beeinflussen.
Wie psychologische Phänomene den beruflichen Alltag beeinflussen.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene, Schulabgänger und Studierende.

Der Halo-Effekt

Ein Harvardabsolvent kann noch so einen Unsinn reden: Die allermeisten in seiner beruflichen Umgebung werden seine Äußerungen für brillant halten. Dieses Phänomen nennt man Halo-Effekt („Halo“: Englisch für „Heiligenschein“). Es handelt sich dabei um einen Wahrnehmungsfehler: Einzelne Eigenschaften einer Person überstrahlen alle anderen Eigenschaften und dominieren oder verfälschen somit den Gesamteindruck.

Der Hindsight-Bias

„Das habe ich doch gleich gewusst.“ Solch einen Kommentar wird jeder schon mal in seinem Berufsleben gehört haben. Er beschreibt eine weitere Denkfalle: Wir Menschen neigen dazu, im Nachhinein unsere Aussagen und Gedanken so lange umzuinterpretieren, bis sie zum später eingetretenen Ereignis passen. Egal ob bei der Wettervorhersage oder in der Einschätzung von Ereignissen… gerade Kollegen mit einem starken Drang zur Selbstdarstellung erliegen am häufigsten solchen Rückschaufehlern.

Die Entscheidungsparalyse

Ein Chef trifft keine Entscheidung, obwohl das längst überfällig ist. Ein Arbeitnehmer hat schon lange innerlich gekündigt, zieht daraus aber keine Konsequenzen. Wenn sich Menschen im Berufsalltag so oder ähnlich verhalten, dann leiden sie häufig an einer Entscheidungsparalyse: Sie müssten eigentlich eine Entscheidung treffen, drücken sich aber davor. Sie halten einfach am Altbewährten fest, so suboptimal das auch ist. Doch auch dieses Verhalten ist eine Entscheidung!

Der Confirmation-Bias

Chefs umgeben sich gern mit Mitarbeitern, die ihnen nach dem Mund reden. Entscheider in Unternehmen ziehen häufig die Informationen heran, die ihre Meinung bestärken. Dieses Phänomen kannte schon der englische Philosoph Francis Bacon. Er beschrieb, dass der menschliche Verstand – hat er sich erst einmal eine Meinung gebildet – alles heranzieht, um diese zu bestätigen. Was dabei auf der Strecke bleibt, sind Flexibilität und die Möglichkeit, seinen Horizont zu erweitern.

Der Wiederholungseffekt

Warum glauben Mitarbeiter und Chefs bestimmten Aussagen mehr als anderen? Das kann zum Beispiel am Wiederholungseffekt liegen. Denn meist schenken Menschen einer Aussage mehr Glauben, je häufiger sie wiederholt wird. Es ist also Vorsicht angebracht: Meinungen und Urteile werden durch ständige Wiederholung eben nicht „wahrer“.

Das Helfersyndrom

Der allzu dienstbereite Mitarbeiter, die immer Kuchen mitbringende und Kaffee kochende Kollegin … das sind die typischen Kollegen mit Helfersyndrom. Bei diesen Menschen ist das Helfen längst Mittel zum Zweck geworden. Sie können nicht „Nein“ sagen, sie müssen helfen und benötigen das Gefühl, gebraucht zu werden. Das Problem ist aber, dass ihre eigene Arbeit vor lauter Hilfsmaßnahmen für Dritte leidet.

Das TINA-Prinzip

„Das haben wir schon immer so gemacht!“ „Das hat noch nie funktioniert!“ Wer kennt nicht diese Phrasen aus seinem Berufsalltag? Solche Aussagen haben alle nur ein Ziel: Andere auszubremsen, zum Beispiel in ihrem Veränderungs- und Innovationswillen. Wer diese Phrasen benutzt, macht sich den TINA-Effekt zu eigen. Dabei ist TINA das Akronym für „There Is No Alternative“. Wichtig ist also, diese Aussagen als das zu entlarven, was sie sind: Killerphrasen.

Literaturtipp:
Jochen Mai, Daniel Rettig: Ich denke, also spinn ich. Warum wir uns oft anders verhalten, als wir wollen, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2011, 384 Seiten, 14,90 Euro, ISBN: 978-3-423-24873-0

(Veröffentlicht bei GMX.de, August 2011)
(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Der Selbstversuch: Fünf Schlechte-Laune-Killer

Die Liste der Ratgeber gegen schlechte Laune im Job ist lang, Tipps gibt es viele. Ich wollte es für die Berliner Akzente genau wissen und habe fünf ausprobiert. Meine Mission: Eine ganze Arbeitswoche gute Laune. Ein Selbstversuch.

Das hilft gegen schlechte Laune!
Das hilft gegen schlechte Laune!

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  • Auszubildende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene und Studierende.

Montag. Erster Tag meines Selbstversuches: Trotz Sommer regnet es in Strömen, und ich bin nur noch am Gähnen, fühle mich wie zerschlagen. Meine Gedanken wandern nach Oberbayern, wo ich die vergangenen Tage eine inspirierende Tagung besucht habe. Ich sehne mich nach der traumhaften Landschaft, dem schönen Wetter und den tollen Gesprächen. Dagegen wirkt dieser Berliner Morgen so grau, noch dazu platzt meine To-Do-Liste aus alle Nähten.

Nicht zuviel vornehmen!

Kein Wunder: Nach ein paar Tagen Abwesenheit stapeln sich die Mails im Eingangskorb, häufen sich die Anrufe auf dem Anrufbeantworter. Zwei Artikel wollen noch geschrieben werden. Das alles demotiviert. Die erste Anti-Schlechte-Laune-Methode: „Nehmen Sie sich nicht zu viel vor, sondern geben Sie sich mit kleineren Zielen zufrieden, und verwirklichen Sie diese Schritt für Schritt.“ Statt wie wild drauflos zu arbeiten, gönne ich mir also einen stillen Augenblick und studiere dabei die To-Do-Liste: Was ist wirklich dringend? Was ist wichtig? Was kann warten?

Ich verschaffe mir auch einen Überblick über die Mails und Anrufe, setze Prioritäten. Dabei purzeln zwei Drittel aller Mails und über die Hälfte der Anrufe von der heutigen Aufgabenliste. Auch einen der beiden Artikel verschiebe ich auf morgen. Die Strategie „Arbeit minimieren“ – ein voller Erfolg. Meine Motivation steigt, die gute Laune kehrt wieder – und am Abend habe ich wirklich alles erledigt, was ich mir vorgenommen habe.

Die Bilanz: Unbedingt empfehlenswert! Die Strategie schützt vor Überarbeitung, falschen Prioritäten und bekämpft so einen der häufigsten Gründe für schlechte Laune.

Ganz bewusst lächeln

Dienstag. Gleich am Morgen bahnt sich ein Problem an: Ein Interviewpartner hat sich nicht an eine Absprache gehalten. Obwohl ich ihm ein Interview zur Autorisierung geschickt habe, hat er sich nicht gemeldet. Ich muss nachhaken. Schließlich soll das Interview noch heute bei meinem Auftraggeber landen. Aber: Mein Gesprächspartner ist nicht erreichbar, und seine Sekretärin weiß von nichts. Sie reagiert unwillig. Na, toll! Innerlich fällt mir die Kinnlade herunter, und ich bekomme schlechte Laune. Ich probiere eine weiteren Trick gegen Übellaunigkeit: „Wenn es am Telefon schwierig wird, hilft es, die Mundwinkel ganz bewusst nach oben zu ziehen und zu lächeln. Auch wenn das Gegenüber am Telefon den Anrufer nicht sieht, überträgt sich so statt einer angespannten Stimmung eine freundliche Grundhaltung.“

Ich bin skeptisch: Kann denn ein bisschen Gesichtsgymnastik wirklich die schlechte Laune vertreiben? Es klappt tatsächlich. Ich bleibe freundlich, und die Sekretärin ist schließlich doch bereit, mir zu helfen.

Aber: Auch wenn der Tipp funktioniert hat, bezweifle ich, dass sich jede Verstimmung weglächeln lässt!

Mittwoch. Heute regnet es immer noch. Die für den Feierabend geplante Radtour mit einer Freundin und das Einkehren im Biergarten fallen ins Wasser. Wenn ich mir meine To-Do-Liste anschaue, muss ich zudem noch feststellen, dass sie wieder viel zu lang ist. Außerdem steht heute Buchhaltung auf dem Programm. Eine Arbeit, die bei mir keine Jubelstürme auslöst.

Sich belohnen

Aber gerade deshalb greife ich tief in die Trickkiste gegen schlechte Laune und versuche es mit der Selbstbelohnung. Ich nehme mir also etwas besonders Schönes vor. Am Mittag werde ich mir ein Wohlfühlessen beim Araber gönnen: Fleischspieß mit Reis, viel Salat und schön scharfen Peperoni. Und den Abend werde ich trotzdem mit meiner Freundin verbringen. Dann halt ohne Fahrradtour!

Und tatsächlich: Der Tag wird richtig schön! Mein Lieblingsessen und der Klön bei meiner Freundin, die zu meiner großen Überraschung ein superleckeres Abendessen mit Backgemüse, Tsatsiki und Fladenbrot gezaubert hat, belohnt mich für die harte Arbeit in Sachen Buchhaltung.

Die Bilanz: Sich selbst gerade an schwierigen Tagen etwas Gutes zu gönnen, ist ein Super-Tipp! Ich neige nämlich dazu, an diesen Tagen die Selbstfürsorge eher zu vernachlässigen. Und ich kenne viele, denen es ähnlich geht.

Donnerstag. Weiterhin regnerisch und ungemütlich. Und ein schwieriger Kunde raubt mir den letzten Nerv. Zwar bleibe ich freundlich und höflich, fühle mich aber nach dem Telefonat wie durch die Wäschemangel gedreht. Die Motivation ist auf ihren Tiefpunkt abgerutscht.

Kaffeeduft als Motivator

Vielleicht ist jetzt der richtige Zeitpunkt für einen weiteren Tipp: „Gehen Sie in eine Bäckerei oder Kaffeerösterei und atmen Sie ganz bewusst den Duft frischer Backwaren oder von frisch gemahlenem Kaffee ein.“ Kaffeeduft gegen den Durchhänger? Ich will nicht so recht an die „Wunderwaffe“ glauben, stapfe trotzdem tapfer in den nächsten Coffeeshop und genieße einen heißen Latte Macchiato. Das tut für den Augenblick wirklich gut! Aber ein richtiger Motivationsschub sieht anders aus.

Mein Fazit: Bestimmte Schlechte-Laune-Auslöser lassen sich auch nicht wegschnuppern!

Freitag, der letzte Tag des Selbstversuches: Über das regnerische Sommerwetter rege ich mich schon lange nicht mehr auf, wohl aber über die Tatsache, dass sich scheinbar alle von mir angerufenen Pressestellen zum Ziel gesetzt haben, meine Anfragen nicht zeitnah zu bearbeiten. „Erlauben Sie sich selbst und anderen, ab und zu Fehler zu machen“, lautet deshalb für heute die Strategie.

Perfektionismus bekämpfen

Ich atme tief durch und überlege, wie schwer mir das gerade jetzt fallen wird. Doch dann wird mir klar, dass ich gegen die Trödelei Dritter sowieso nichts ausrichten kann. Es ist also ratsam und viel entspannender, einfach mal darauf zu vertrauen, dass ich alle nötigen Informationen schon rechtzeitig erhalten werde.

Eigentlich gar keine so schlechte Idee, sich vom Perfektionismus zu verabschieden. Aber dieser Tipp ist trotzdem nicht so recht alltagstauglich, denn es ist einfach schwer, sich andere Gedanken zu verordnen.

Fazit: Mein Lieblingstipp gegen schlechte Laune ist die Entrümpelung von To-Do-Listen. Meist steht viel zu viel auf der Liste, so dass dieses Sammelsurium oft eher ein Motivationskiller als alles andere ist. Habe ich erst einmal ein paar Punkte gestrichen, steigt mein Gute-Laune-Pegel deutlich. Noch besser wird meine Laune, wenn ich mich für geleistete Arbeit bewusst belohne. Auch diesen Tipp kann ich nur empfehlen!

Info: Warnsignal Jobfrust

Gegen schlechte Laune am Arbeitsplatz gibt es zwar Gegenmittel – dennoch gilt sie auch als Warnsignal, dass etwas gehörig falsch läuft. Studien zeigen immer wieder: Berufliche Unzufriedenheit ist in Deutschland weit verbreitet. So hat eine Umfrage des Personaldienstleisters Kelly Services ergeben, dass rund ein Drittel der deutschen Arbeitnehmer mit ihren Arbeitsbedingungen nicht zufrieden sind. „Schlechte Laune ist wie ein rotes Lämpchen, das dann aufleuchtet, wenn der Ist- und der Sollzustand auseinanderklaffen. Sie lädt zur Spurensuche ein, ob dem Betroffenen irgendetwas fehlt“, sagt Thomas Prünte, Psychologe und Autor des Buches „Vom Sinn schlechter Laune“.

Diese Selbstreflexion sei der erste Schritt. Deshalb rät Prünte, sich bei anhaltender gedrückter Stimmungslage eine „Stille Stunde“ zu gönnen, sich mit Freunden auszutauschen oder Tagebuch zu führen, um herauszufinden, welches elementare Bedürfnis übergangen wurde. So könnten Berufstätige erkennen, ob Über- oder Unterforderung im Job, eine Kränkung oder Konflikte mit dem Chef das Stimmungstief ausgelöst haben.

Literaturtipps:
Thomas Prünte: Vom Sinn schlechter Laune. Warum es gut tut, sich schlecht zu fühlen, Orell Füssli, Zürich 2010, 192 Seiten, 19,90 Euro.
Kirsten Khaschei: Schon wieder Montag … 50 Ideen, mit denen Sie den Jobfrust überwinden, Frankfurt 2009, 192 Seiten, 14,90 Euro.

(Veröffentlicht in Berliner Akzente, August 2011)
(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Berufliche Neuorientierung: „Womit will ich mein Geld verdienen?“

Wer unzufrieden im Job ist, gekündigt wurde oder an beruflicher Perspektivlosigkeit leidet, für den stellt sich die Frage: Wie geht es weiter? Eine Möglichkeit ist, sich beruflich neu zu orientieren … auch noch im späteren Lebensalter. Doch damit das auch gelingt, ist eine gründliche Selbstreflexion und eine klare Zieldefinition unbedingt erforderlich.

Wie Sie sich beruflich neu orientieren.
Wie Sie sich beruflich neu orientieren.

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  • Berufserfahrene und Neustarter.

Bei dem 41jährigen Marc Weyersberg hat der berufliche Neustart hervorragend funktioniert. Er ist heute Inhaber der „Kupfermanufaktur Weyersberg“ (www.kupfermanufaktur.com) in Herrenberg und produziert hochwertiges Kupferkochgeschirr. Dabei war der studierte Betriebswirtschaftler lange Jahre als Verkaufsleiter Süddeutschland und Key Account Manager Gesamtdeutschland einer renommierten Marke im Bereich Kochgeschirre angestellt. „Im Lauf der Jahre merkte ich eine zunehmende Unzufriedenheit mit meinem Job. Es gab Änderungen in der Vertriebspolitik, die ich für problematisch hielt.“

Die Lust, austzusteigen

Mit dem Frust im Job stieg die Lust, auszusteigen. „Aber mir fehlte der Mut“, betont Weyersberg. Schließlich bekleidete er eine gutbezahlte und attraktive Position bei einer Markenfirma. Dennoch nahm die Frustration zu, denn es kam auch noch zum Zerwürfnis zwischen ihm und der Unternehmensleitung. Auch wenn Weyersberg nicht so recht wusste, wohin sein Weg führen sollte, war er sich sicher, dass in seinem Berufsleben eine Änderung anstand. Deshalb ging er im Herbst 2008 zu dem Karrierecoach Thomas Götze aus Stuttgart.

„Mich trieben verschiedene Fragen an: Was will ich in meinen Leben noch erreichen? Womit will ich künftig mein Geld verdienen?“, berichtet Weyersberg, dem in dieser Zeit gekündigt wurde. Heute empfindet der Betriebswirtschaftler diesen Umstand als Glück, denn durch diese Kündigung bekam er die Gelegenheit, sich ernsthaft mit Alternativen zu seiner bisherigen Tätigkeit auseinanderzusetzen. Dabei wurde ihm deutlich, dass er selbst ein Unternehmen leiten wollte.

„In dieser Zeit erfuhr ich, dass der Inhaber einer Kupfermanufaktur sein Unternehmen verkaufen wollte. Durch die damals herrschende Finanzkrise war es mir möglich, diese Manufaktur zu einem erschwinglichen Preis zu erwerben“, berichtet Weyersberg. Sein Plan war es, hochwertiges Kochgeschirr aus Kupfer zu produzieren. „Damit habe ich mir eine Nische im Markt gesucht und durch die Verarbeitung von Kupfer bei Kochgeschirr auch ein Alleinstellungsmerkmal gefunden.“

Der Weg in die Selbständigkeit

Inzwischen schreibt Weyersbergs Kupfermanufaktur schwarze Zahlen: „Ich habe berechtigte Hoffnung, dass mein Weg in die Selbständigkeit richtig war. Noch nie habe ich so viel Spaß bei der Arbeit gehabt und mit so viel Energie und Euphorie Hindernisse bewältigt.“

Karriere-Coach Thomas Götze hat schon viele seiner Klienten bei der beruflichen Neuorientierung begleitet: „Die Ausgangslage meiner Klienten ist sehr unterschiedlich. Die einen wollen sich verändern und machen das aus einer Position der Stärke heraus, die anderen müssen sich verändern, weil sie zum Beispiel gekündigt wurden.“ In diesem Fall beginnen seine Klienten die Neuorientierung vielfach aus einer Position der Schwäche und spürbarer Betroffenheit heraus.

Am Beginn steht die Selbstreflexion

Doch egal wie die Ausgangslage auch aussieht: Am Beginn jeder Neuorientierung steht die Selbstreflexion und Beschäftigung mit dem Ist-Zustand. Dazu gehört neben der Reflexion über die aktuelle berufliche Situation auch die Beschäftigung mit den eigenen Stärken und Kompetenzen.“Das ist ein wichtiger, klärender Schritt, denn er schafft ein Bewusstsein darüber, auf welches Kompetenzprofil der Klient alles kann zurückgreifen kann“, erklärt Götze. „Er zeigt außerdem, in welchen Berufsfeldern er künftig arbeiten kann. Oft ist das Berufsspektrum, das sich aus dieser Analyse ergibt, sehr groß.“ In einem nächsten Schritt geht es dann darum, herauszufinden, was den Berufstätigen Spaß macht und ihn motiviert.

Götze rät, eine Liste mit all den Kriterien anzulegen, die der neue Beruf unbedingt erfüllen muss, damit der Wechselwillige künftig ein erfüllenderes Berufsleben als bisher hat. „Schreiben Sie aber auch auf, welche Rahmenbedingung wünschenswert, aber nicht unbedingt notwendig wären. Mit diesen Listen haben Sie ein klares Suchraster für Ihren neuen Beruf.“

Die Selbstreflexion allein reicht aber oft nicht aus, um einen erfolgreichen Berufswechsel zu initiieren. Deshalb empfiehlt Götze auch den Austausch mit anderen. „Es muss nicht unbedingt ein Coach sein, aber lassen Sie sich bei Ihrer Neuorientierung von einem Außenstehenden – zum Beispiel einem guten Freund – begleiten.“ Denn dieser kann dabei helfen, Selbst- und Fremdwahrnehmung miteinander zu vergleichen und den Blickwinkel zu weiten. Natürlich sollte der Freund möglichst unvoreingenommen sein und keine persönliche Motive einbringen.

Rahmenbedingungen klären

Hat sich so ein neues Berufsziel herauskristallisiert, geht es nun darum herauszufinden, ob seine Umsetzung realistisch ist. „Fragen Sie sich, ob Ihre Familie Ihre berufliche Neuorientierung mittragen kann“, erklärt Götze. Auch Jürgen Weiger, Teamleiter der Arbeitsvermittlung bei der Arbeitsagentur Stuttgart empfiehlt, sich über die finanziellen Konsequenzen einer Umschulung oder gar einer weiteren Ausbildung sehr konkrete Gedanken zu machen und das auch mit der Familie abzustimmen. „Wir als Arbeitsagentur können nur Leute fördern, die noch keine Berufsausbildung haben“, betont Weiger.

Neben den finanziellen Rahmenbedingungen rät der Arbeitsvermittler Wechselwilligen auch, sich genau über die Arbeitsmarktchancen zu informieren: „Recherchieren Sie im Internet, wie der Arbeitsmarkt in der Branche aussieht, in die Sie einsteigen wollen. Gibt es freie Stellen auf dem regionalen Arbeitsmarkt oder nur überregional?“ Weiger empfiehlt auch, vorab zu klären, mit welchen technischen Entwicklungen Sie künftig rechnen müssen und welche Zukunftsaussichten Ihr neuer Beruf hat.

(Veröffentlicht in Stuttgarter Zeitung, Juli 2011)
(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Probleme im Job: Von den Verrücktheiten des Arbeitsalltags

Ich arbeite in einem Irrenhaus – zu dieser Erkenntnis ist wohl schon mancher Arbeitnehmer hin und wieder gelangt. Für alle, die an den Verrücktheiten des Arbeitsalltags schon verzweifeln wollen, hat Karrierecoach Martin Wehrle jetzt ein Buch mit gleichnamigem Titel geschrieben. Darin analysiert er, was in vielen Unternehmen schief läuft und welche Optionen betroffene Mitarbeiter haben, mit den diversen Skurrilitäten im Job umzugehen.

Wie Sie mit Skurrilitäten im Job umgehen können.
Wie Sie mit Skurrilitäten im Job umgehen können.

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  • Auszubildende, Berufseinsteiger, Berufserfahrene und Neustarter.

Haarsträubendes im Berufsalltag

Was in seinem Buch häufig wie Satire klingt, sind tatsächlich Geschichten aus dem wirklichen Leben. Denn Wehrle berichtet im ersten Teil seines Ratgebers über seine vielfältigen Erfahrungen als Coach. Er kennt große und kleine Firmen – nicht nur von der äußeren Hochglanzfassade her, sondern auch von innen, aus den Berichten leidgeprüfter Mitarbeiter. Kaum ein Comedian wäre in der Lage, haarsträubendere Episoden zu erzählen, als die, die Wehrle amüsant und anschaulich zu beschreiben weiß.

Da hat zum Beispiel eine Unternehmensberatung in einer Firma den Kostenfaktor Catering entdeckt und aus Sparzwang die „Vier-Stunden-Regel“ eingeführt: Sitzungsteilnehmer, die weniger als vier Stunden beieinander saßen, hatten weder Anspruch auf Wasser noch auf Kaffee oder Kekse. So konnten die Mitarbeiter des Betriebes ihren Geschäftspartnern nicht einmal im Hochsommer ein Glas Wasser kredenzen. Die Kunden griffen nach dem ersten Schock zur Selbsthilfe und brachten selbst Wasserflaschen, Thermoskannen voller Kaffee und Gebäck mit – wie peinlich.

Irrsinn: Kürzung des Papier-Etats

In einem anderen Fall waren es die Angestellten selbst, die den Irrsinn des Unternehmens durch den Griff in die eigene Geldbörse einzudämmen versuchten: Der Papier-Etat wurde gekürzt. So war schon Mitte November kein Papier mehr in der Vorratskammer. Da die Arbeitnehmer angehalten wurden, eine kostenneutrale Lösung zu finden, wurde für normale Ausdrucke Briefpapier verwendet -bis Mitte Dezember auch das ausging. Die Firma konnte jetzt keine Rechnungen mehr stellen und auch nichts anderes mehr ausdrucken. Schließlich kauften einige Mitarbeiter die Blätter zum Glück aus eigener Tasche.

Noch viele andere solcher Irrsinns-Geschichten hat der Coach parat: Da werden Absageschreiben verschickt, die sich für Vorstellungsgespräche bedankten, die nie stattgefunden haben, oder Betriebsspione entlarvt, die in Wirklichkeit lediglich ihre Arbeit zu Hause fortsetzen wollten. Doch Wehrle hat neben der Sammlung absurder Arbeitsanekdoten noch mehr zu bieten: Er analysiert auch die zugrundeliegenden Probleme wie Heuchelei, Profitsucht, Egozentrik oder Dilettantismus.

Analyse statt Wehklagen

Im zweiten Teil des Buches bleibt der Autor zudem nicht beim Wehklagen über die böse Berufswelt, sondern will einen Weg weisen, der die Angestellten aus dem Irrenhaus herausführt. Am Anfang steht dabei die Analyse. Mit dem großen „Irrenhaus-Test“ fragt Wehrle seine Leser daher zunächst: „Spinnt Ihre Firma?“ Nach dem Muster einschlägiger Psycho-Tests können Arbeitnehmer hier erfahren, ob es sich bei ihrem Brötchengeber um einen Glücksfall handelt oder sich der Betrieb den Titel „Irrenhaus“ redlich verdient hat.

Nach der Analyse fordert Wehrle diejenigen, die erkennen mussten, dass sie tatsächlich in einem „Irrenhaus“ arbeiten, zum Handeln auf. Unter dem Motto „Raus aus der Anstalt“ plädiert er dafür, auf Jobsuche zu gehen anstatt über den alten Arbeitsplatz zu jammern. Sein Appell an die Arbeitnehmer lautet, sich ihrer eigenen Werte und Wünsche bewusst zu werden und mit diesem Wissen eine neue Stelle zu suchen.

Dabei ist sich der Coach durchaus bewusst, dass ein Jobsuchender schnell wieder ins nächste Irrenhaus stolpern kann. Deshalb gibt er hilfreiche Hinweise, wie Arbeitnehmer schon während der Bewerbungsphase erkennen können, wie verrückt es in einer Firma möglicherweise zugeht. Ein Anzeichen ist, wie oft und wie lange eine Stellenausschreibung geschaltet wurde: Ist sie schon mehrfach erschienen, kann das auf einen schwierigen Vorgesetzten, eine ruppige Firmenkultur oder auf wenig Geduld bei der Einarbeitung hindeuten.
Auch der Ton im Antwortschreiben beziehungsweise im Unternehmen selbst sowie der Umgang mit Fragen des Bewerbers kann ein weiterer Gradmesser für den Irrsinn in einem Betrieb sein. Wehrle ermuntert Jobsuchende daher, sich nicht nur selbst anzupreisen, sondern sich auch ehrlich zu fragen, ob das Unternehmen überzeugt. Er empfiehlt seinen Lesern, den nächsten Arbeitgeber danach auszuwählen, ob er zu ihnen und ihren Werten passt.

Zur Person:
Der 1970 geborene Martin Wehrle arbeitet als Karriereberater und Autor. Er war Führungskraft in einem deutschen Konzern, bevor er sich als Coach selbstständig machte. Heute bietet er an seiner Akademie eine Ausbildung zum Karriereberater und -coach an. Zu seinen Büchern gehören unter anderem die Werke „Geheime Tricks für mehr Gehalt“ und das „Lexikon der Karriere-Irrtümer“.

Lektüretipps:
Normaler Bürowahnsinn: Ich arbeite in einem Irrenhaus. Vom ganz normalen Büroalltag: Martin Wehrle, Econ Verlag, Berlin (2011), 288S., 14,99 Euro.

(Veröffentlicht in Berliner Zeitung, Juni 2011)
(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Als Mitarbeiter Führungsstärke zeigen: So führen Sie Ihren Vorgesetzten!

Nicht immer ist der Chef der Boss im Büro. Auch Mitarbeiter haben ihre Mittel, den Vorgesetzten in die gewünschten Bahnen zu lenken. Dafür bedarf es lediglich einiger kleiner (legaler) Tricks.

Wie Sie Ihren Vorgesetzten führen.
Wie Sie Ihren Vorgesetzten führen.

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  • Auszubildende, Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

Thomas M. (Name von der Reaktion geändert) hat es geschafft, seinen Chef zu führen: Der zielstrebige Mittdreißiger hielt sich nicht lange damit auf, über seinen Vorgesetzten zu klagen, sondern drehte als Referent bei einem Weiterbildungsträger den Spieß um. Doch davor stand eine Leidensgeschichte: „Mein Boss hatte zwei große Fehler: Erstens war er fachlich inkompetent, zweitens neigte er dazu, dies durch ausufernde Redebeiträge zu kompensieren“, berichtet der straight wirkende Akademiker. Deshalb blieb auch viel Arbeit liegen und die Kunden beschwerten sich … und das, obgleich Thomas M. bis spät in den Abend hinein gearbeitet hat. Grund dafür waren unter anderem stundenlange und inhaltsleere Besprechungen.

„Der traurige Höhepunkt war erreicht, als mein Chef dazu überging, mich nachts aus dem Bett zu klingeln, um mich zu „bitten“, bis zum nächsten Morgen kurzfristig bestimmte Aufträge zu übernehmen.“ Nachdem M. einige Wochen mühsam durchgehalten hatte und an den Rand seiner Leistungsfähigkeit angelangt war, kam ihm eine zündende Idee: Der psychologisch versierte Referent bat seinen Vorgesetzten um ein Gespräch, was er sonst immer vermieden hatte und lenkte seine Aufmerksamkeit auf ein für den Vorgesetzten neues Thema: Die Kooperationen mit verschiedenen Behörden, Ämtern und Agenturen. Der Chef war begeistert. Er glaubte, dort finanzielle Unterstützung zu finden. Und so war er täglich mehrere Stunden beschäftigt, Kontakte zu pflegen oder Finanzierungsmöglichkeiten aufzutun. „Da er so selbst keine Zeit mehr für seine eigentliche Arbeit hatte, konnte ich ihm „selbstlos“ bestimmte Leitungsaufgaben „abnehmen“. Das hat er auch mitgemacht, weil ihm sein neues Arbeitsfeld wichtiger erschien“, berichtet der agile Typ im Business-Outfit. Das war die schönste Zeit für M. und seine Kollegen … denn endlich kamen sie dazu, ihre ganz „normale“ Alltagsarbeit zu erledigen.

Die Unzufriedenheit mit dem Chef

Der Wunsch, den Vorgesetzten zu führen, hängt meist mit der eigenen Unzufriedenheit über dessen Führungsstil zusammen. Und die ist beträchtlich: Nach einer Untersuchung der Ruhr-Universität Bochum von 2009 ist der Chef sogar der häufigste Kündigungsgrund für Arbeitnehmer. Danach sind nur 20 Prozent der Befragten mit ihrem Vorgesetzten zufrieden. 56 Prozent benoteten ihren Boss im unteren Drittel. 23 Prozent geben ihrem Chef sogar die schlechteste mögliche Bewertung!

Das beste Mittel gegen diese Unzufriedenheit ist, selbst aktiv zu werden. Dies wird zunehmend wichtiger. „Die Arbeitsverhältnisse der heutigen Zeit sind ja wesentlich kurzfristiger ausgelegt als es zum Beispiel noch vor gut zehn Jahren der Fall war. Hatte man früher ausreichend Zeit, ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, so müssen heute schon besondere Tricks angewandt werden, um protegiert zu werden“, berichtet Karrierecoach und Autor Dr. Manuel Tusch.Grundsätzlich gilt: Je kritischer die aktuelle wirtschaftliche Situation, desto wichtiger ist eine gute Beziehung zum Boss, betont Tusch.

Eine gute Beziehung aufbauen

Um aber eine gute Beziehung zum Chef aufzubauen, müssen Mitarbeiter raus aus der Deckung. Sie sollten selbst das Gespräch mit dem Chef suchen. Berichten Sie zum Beispiel Ihrem Chef von Ihren gelungen Projekten. Stellen Sie ihm Ihre Arbeitsergebnisse vor. „Wenn Sie eine Fortbildung wünschen oder eine andere Aufgabe erledigen möchten, sollten Sie das Ihrem Chef auch sagen. Woher soll er das denn sonst wissen?“, betont Dr. Christiane Drühe-Wienholt, Buchautorin und Coach. „Fragen Sie Ihren Chef, wie er Sie sieht.“ Wer dann diese Einschätzung des Chefs aufnimmt und als Argumentation nutzt, um eigene Vorstellungen umzusetzen, hat gute Karten für ihre Verwirklichung.

Damit Ihr Chef für Ihre Wünsche und Ideen offen ist, sollte das zwischenmenschliche Klima zwischen Ihnen beiden stimmen: „Nehmen Sie die Aufträge Ihres Chefs ohne Widerwillen an. Diskutieren Sie nicht!“, so Drühe-Wienholt. Seien Sie also nicht ein Problem, sondern ein Problemlöser. Tauchen zum Beispiel im Arbeitsablauf Schwierigkeiten auf, sollte Sie nicht vom Chef Hilfe erwarten, sondern schon selbst einen Lösungsvorschlag parat haben. Das hat viele Vorteile: Sie helfen Ihrem Chef und der wird deshalb in Zukunft bereitwilliger auf Ihre Anliegen und Vorschläge eingehen.

Den Vorgesetzten verstehen

Dr. Volker Kitz, Coach und gemeinsam mit Dr. Manuel Tusch Autor des Buches „Ohne Chef ist auch keine Lösung“, empfiehlt, sich in den Chef hineinzuversetzen: „Was sind seine Bedürfnisse? Ist er ein Choleriker oder ein Angsthase? Verhalten Sie sich entsprechend! Bedienen Sie seine Bedürfnisse.“

Hat Ihr Boss zum Beispiel ein Fable für Zahlen und Fakten, sollten Sie ihm in Ihrer Argumentation Zahlenmaterial liefern. Liebt Ihr Chef dagegen ausufernde Diskussionen, diskutieren Sie mit ihm die Themen, die er mag und bei denen er sich gut auskennt. In jedem Fall müssen Sie Ihren Chef ernst nehmen und ihm Respekt zeigen. „Wertschätzung vermitteln Sie ihm am ehesten, indem Sie ihm geduldig zuhören“, betont Kitz. „Fassen Sie ab und zu seine Aussagen zusammen oder rückversichern Sie sich zum Beispiel mit den Worten „Verstehe ich Sie richtig…?“ So vermitteln Mitarbeiter ihrem Vorgesetzten ein gutes Gefühl. Das wirkt sich positiv auf die Bereitschaft Ihres Chefs aus, das für Sie zu tun, was Sie wollen!

Tusch empfiehlt, in Meetings auf die nonverbalen Ebene zu wechseln: „Schauen Sie Ihren Boss an, nicken Sie ihm ab und zu bekräftigend zu … aber immer wohldosiert, damit es nicht manipulativ wirkt. So signalisieren Sie ihm, dass Sie seiner Ansicht sind.“

Wer so handelt, muss natürlich aufpassen, dass er nicht als Schleimer wahrgenommen wird. Deshalb rät Kitz: „Ihre Kollegen sollten nicht alles mitbekommen. Behalten Sie Ihre Strategien schön für sich.“ Um nicht zu schleimig zu wirken ist es hilfreich, hin und wieder Diskussionen zu konstruieren: „Widersprechen Sie auch mal Ihrem Chef … aber nur in den Punkten, von denen Sie wissen, dass Sie Ihrem Chef nicht allzu viel bedeuten!“ Wer so handelt, verdeutlicht seinem Vorgesetzten, dass er zur Kritik fähig ist. Auch das fördert Vertrauen.
Den Chef führen: Das können Mitarbeiter aber auch, indem sie ihm klare Grenzen zeigen und eben nicht alles mitmachen. Drühe-Wienholt: „In den meisten Jobs ist es gar nicht nötig, ständig in Handybereitschaft für den Chef zu sein. Ruft Ihr Boss Sie trotzdem ständig spätabends noch an, sollten Sie sich ernsthaft überlegen, das Handy auszuschalten.“ Der Chef wird sich daran gewöhnen und nicht weiter versuchen, Sie rund um die Uhr zu erreichen.

Literaturtipps:
Christiane Drühe-Wienholt: Endlich frustfrei! Chefs erfolgreich führen. Die besten Tricks für harte Fälle, Göttingen 2007, 21,80 Euro, ISBN-13: 978-3-938358-42-9
Dr. Christiane Drühe-Wienholt bietet Trainings und Coaching zum Thema „Führung von unten“ an: www.strategisches-coaching.de
Volker Kitz, Manuel Tusch: Ohne Chef ist auch keine Lösung, Frankfurt/Main 2009, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-593-38789-5
Dr. Manuel Tusch und Dr. Volker Kitz bieten Coaching zum Thema „Führung von unten“ an: www.kitz-tusch.com

(Veröffentlicht in Berliner Akzente, Januar 2011)

(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Selbstmanagement: Die hohe Kunst des „Nein-Sagens“

Ihr Chef überhäuft Sie mit Arbeit? Ihre Kollegen bitten Sie ständig um Hilfe, so dass Sie gar nicht mehr zu der Erledigung Ihrer eigenen Aufgaben kommen? Wenn das der Fall sein sollte, ist es höchste Zeit, die Kunst des Nein-Sagens zu praktizieren. Dr. Matthias Nöllke, Buchautor zu Rhetorik- und Management-Themen, weiß, wie es geht.

Wie Sie es lernen, Nein zu sagen.
Wie Sie es lernen, Nein zu sagen.

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„Wenn das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen unter den Kollegen nicht mehr stimmt und Sie ständig anderen helfen, ohne dass Ihnen jemand hin und wieder unter die Arme greift, dann sollten Sie lernen Nein zu sagen“, betont Nöllke. Ein „Nein“ ist auch dann angebracht, wenn Mitarbeiter ihren eigentlichen Aufgaben durch die Hilfeleistung für andere nicht mehr nachkommen können. Übrigens sollten sie gegenüber ihren Kollegen nicht ausführlich rechtfertigen, warum sie nicht helfen. Denn sonst tappen sie in die Falle, immer eine gute Begründung für ihr „Nein“ finden zu müssen.

Die Angst vor dem „Nein“

Viele Ja-Sager haben Angst, es sich mit einem „Nein“ bei ihren Kollegen zu verscherzen. Aber viel schlimmer ist es, eine einmal gegebene Zusage wieder revidieren zu müssen. Damit machen sie sich viel eher unbeliebt. Deshalb rät Nöllke: „Sagen Sie nicht einfach Ja, sondern erkundigen Sie sich, wie groß der Arbeitsumfang der Hilfeleistung wirklich sein wird.“ Also Vorsicht vor allzu schnellen Zusagen! Besser ist es, sich Bedenkzeit auszubitten.

Hat sich ein Mitarbeiter entschlossen, „Nein“ zu sagen, dann sollte er das natürlich in einem sachlichen und freundlichen Ton tun. Völlig kontraproduktiv wäre es, gegenüber dem Hilfesuchenden pampig zu werden. Er kann schließlich nicht unbedingt wissen, wie eingespannt Sie wirklich sind. Deshalb ist eine höfliche Frage auch höflich zu beantworten.

Nachfragen beim Chef

Die Arbeitsanweisungen und Bitten des Chefs sind natürlich anders zu behandeln als die der Kollegen. Grundsätzlich hat ein Arbeitnehmer die Verpflichtung, den Anweisungen seines Vorgesetzten Folge zu leisten. Doch auch hier kann das bloße Abnicken Probleme eher vergrößern als lösen: „Fragen Sie Ihren Chef, wenn er Ihnen zusätzliche Aufträge erteilt, was Sie zuerst erledigen und was Sie zurückstellen sollen“, empfiehlt Nöllke. Denn durch Ihre Nachfrage erfahren Sie von Ihrem Vorgesetzten, wo seine Prioritäten liegen.

Nennt der Chef trotz Nachfrage keine Priorität, muss der Mitarbeiter selbst aktiv werden. „Machen Sie selbst Vorschläge zur Prioritätensetzung, etwa nach dem Motto „Dann mache ich das zuerst und das andere dann morgen“, rät Nöllke. Wenn der Chef etwas dagegen hat, wird er es schon sagen, zum Beispiel dann, wenn alle Aufgaben sofort erledigt werden müssen. „Natürlich können Sie so nur vorgehen, wenn die Arbeit wirklich nicht in einem Tag beendet werden kann.“

Kein „Ja, aber“

Viele vermeiden gegenüber dem Chef das Wörtchen „Nein“ und sagen lieber „Ja, aber …“. Aber wer diese Formulierung benutzt, macht in der Regel keine gute Figur. „Das reizt häufig den Vorgesetzten zum Gegenangriff und fordert ihn heraus, doch eine schnelle Abarbeitung der Aufgaben zu fordern“, so Nöllke. Besser ist es, diese Formulierung zu vermeiden, aber gleichwohl in einer Ich-Botschaft das Problem zu thematisieren, das bei der Bearbeitung der zusätzliche Aufgabe entsteht. „Zeigen Sie sich kooperativ und gewillt, gemeinsam mit Ihrem Chef das Problem zu lösen.“

So sinnvoll und wichtig ein „Nein“ an der richtigen Stelle ist: Mitarbeiter sollten nicht ständig davon Gebrauch machen. Denn so verscherzen sie es sich womöglich wirklich mit ihrer beruflichen Umwelt. Es ist auch keine gute Idee, nur deshalb „Nein“ zu sagen, weil Sie früher zu häufig „Ja“ gesagt haben.

Wer übrigens anderen einen Gefallen tut, sollte auch selbst Hilfe und Unterstützung einfordern. Und das sollten notorische „Ja-Sager“ genauso üben wie das „Nein-Sagen“. Am besten suchen sie sich dafür ein leichtes Übungsfeld, zum Beispiel bei unwichtigen Themen oder bei Menschen, zu denen sie eine gute Beziehung haben. Sie werden überrascht sein, wie leicht Bitten akzeptiert werden. Jetzt wäre der andere in der Verlegenheit „Nein“ sagen zu müssen.

(veröffentlicht bei GMX.de im Mai 2011)

(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Gut vorbereitet: Beruhigt in den Urlaub

Die Urlaubszeit naht und mit ihr die Erwartung auf ein paar erholsame Tage weitab vom Berufsalltag. Wenn Mitarbeiter ihre Abwesenheit gut vorbereiten, bleibt ihnen am Ende der Ferien auch viel Stress und Chaos am Arbeitsplatz erspart.

Gut vorbereitet in den Urlaub.
Gut vorbereitet in den Urlaub.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  •  Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

Grundsätzlich gilt: Je besser ein Arbeitnehmer seine Urlaubsvertretung einarbeitet, desto weniger Gründe gibt es, ihn im Urlaub zu stören, desto einfacher wird für ihn auch die Rückkehr. Deshalb empfehlen Experten eine sorgfältige und vorausschauende Planung: „Beginnen Sie frühzeitig Ihre Urlaubsvertretung vorzubereiten. Am besten planen Sie dafür so viele Wochen ein, wie Sie Ferien machen“, empfiehlt Karrierecoach Nora Nägele aus Stuttgart. Sie rät Mitarbeitern, sich als erstes einen Überblick über die Arbeiten zu verschaffen, die entweder noch vor dem Urlaub zu erledigen sind oder der Vertretung übergeben werden müssen. Ein paar Fragen können dabei helfen: Was steht in nächster Zeit an? Was kann ich vorher abarbeiten? Was müssen andere in meiner Abwesenheit erledigen? Was kann ich delegieren? Was kann liegen bleiben? „Am besten notieren Sie sich die Antworten auf all diesen Fragen auf eine Checkliste und arbeiten diese dann in den Wochen vor dem Urlaub ab.“ Ihr Tipp: Versehen Sie jeden Vorgang mit einem Namen und vermerken Sie kurz schriftlich, was zu erledigen ist. Dabei ist es auch sinnvoll, sich verschiedene Szenarien und Probleme sowie ihre Lösung zu überlegen.

Checklisten anlegen

„Am besten ist es, wenn Sie sich für diese Checklisten-Vorbereitung täglich zehn bis fünfzehn Minuten Zeit nehmen“, rät Nagele. Dabei ist es vorteilhaft, die Liste immer griffbereit zu haben, um spontan entstehende Gedanken notieren zu können. „Wenn Sie das tun, sind Sie kurz vor Beginn des Urlaubs nicht darauf angewiesen, dass Ihnen dann alle relevanten Dinge auch wirklich einfallen.“

Zu den wichtigen Überlegungen gehört auch die Frage: Wer vertritt mich? Ist einer für alles zuständig oder übernehmen mehrere Kollegen unterschiedliche Aufgaben? An wen werden meine Mails weitergeleitet? Wer übernimmt meine Anrufe? „Machen Sie für all diese Kollegen eine Checkliste mit Informationen, die sie brauchen, um laufende Vorgänge und Projekte bearbeiten zu können“, empfiehlt Hannelore Fritz, Work-Life-Balance-Coach aus Berlin. Sie weiß, dass gerade schriftliche Notizen für die Vertretung wichtig sind, damit diese im Zweifelsfall nachlesen kann, was gemacht werden muss und wo was zu finden ist. „Eine solche Liste sollte auch über Routineaufgaben informieren. So könnte es zum Beispiel für eine Sekretärin relevant sein, wann sie die Blumen zu gießen hat oder wie der Chef seinen Kaffee liebt“, betont Fritz.

Eines ist auf jeden Fall tabu: Dem Kollegen Akten vor die Nase zu knallen und dann darauf zu hoffen, er werde die Sache schon richten. „Bitte überlegen Sie genau, was Ihre Kollegen tun sollen und was Sie selbst erledigen können. Belasten Sie ihn nicht mit unnötigen Aufgaben. Schließlich hat er meist noch andere Dinge zu tun als Sie zu vertreten“, betont Nägele. Deshalb rät sie auch, den Kollegen möglichst viel Aufgaben abzunehmen. „Fragen Sie sich zum Beispiel, welche Ihrer Emails Ihr Kollege bearbeiten muss und welche Sie ausfiltern können. So muss Ihr Vertreter nicht unbedingt jeden Newsletter lesen.“

Sortfältige Formulierung des Autoresponders

Fritz empfiehlt auch bei der Formulierung des Autoresponders Sorgfalt walten zu lassen. Denn auch dadurch kann unnötige Arbeit für die daheimgebliebenen Kollegen und Unmut bei den Geschäftspartnern vermieden werden: „Schreiben Sie detailliert auf, wer der Sie vertretende Ansprechpartner ist. Teilen Sie seine Kontaktdaten und seine Position im Unternehmen mit.“

Werner Schienle, Geschäftsführer der CCC Creative Communication Consult und Spezialist für Konfliktmanagement, empfiehlt, den Autorespondertext mit der Vertretung abzustimmen: „So signalisieren Sie Ihrem Kollegen, das Sie auch in seinem Sinne handeln wollen.“ Gerade dieses Verhalten vermeide Konflikte. Noch wichtiger als kurzfristige Kooperationswilligkeit sei allerdings eine langfristige Beziehungspflege unter den Mitarbeitern: „Ein gutes Verhältnis zu den Kollegen führt meist zu einer engagierteren Urlaubsvertretung.“
Wer rechtzeitig mit der Vorbereitung begonnen hat, sollte am letzten Tag vor dem Urlaub gar nicht mehr groß in Stress geraten. „Betrachten Sie den letzten Tag als Ausklang und bleiben Sie nicht bis abends um zehn Uhr im Büro“, erklärt Fritz. „Packen Sie ihn auch nicht unnötig mit Terminen voll, sondern verabschieden Sie sich nett von Ihren Kollegen.“

Erreichbarkeit im Urlaub: Absprache sinnvoll

Oft genug bleibt allerdings ein Problem: Einige Beschäftigte – gerade in führenden Positionen – müssen auch im Urlaub erreichbar sein. „Um Konflikte und Probleme zu vermeiden ist es das beste, schon vorher abzusprechen, in welchen Fällen eine Kontaktaufnahme notwendig ist“, betont Schienle. Er rät, die Dringlichkeit zu definieren und eine Liste aufzustellen, bei welcher Dringlichkeit eine Kontaktaufnahme per Mail oder Handy erfolgen soll.

Und noch ein Tipp von Schienle: „Denken Sie auch im Urlaub an die daheimgebliebenen Kollegen, die jetzt Ihre Arbeit tun und schreiben Sie ihnen eine Ansichtskarte. Auch damit schaffen Sie eine gute Stimmung.“
Ist der Urlaub dann vorbei, wird sich die gute Vorbereitung auszahlen. Denn die Kollegen wurden vom Urlauber instruiert und konnten so in seinem Sinne handeln. Allerdings kann natürlich trotzdem etwas daneben gehen. In diesem Fall rät Schienle: „Seien Sie tolerant gegenüber den Fehlern Ihrer Vertretung! Es ist ganz natürlich, dass in Ihrer Abwesenheit auch mal etwas nicht so optimal läuft. Sehen Sie nicht nur die Schwächen Ihres Vertreters, sondern erkennen Sie auch an, was gut gelaufen ist. Loben Sie ihn und danken Sie ihm dafür. “

(veröffentlicht in der Stuttgarter Zeitung im Juli 2010)

(Copyright 2010 by Anja Schreiber)