Home » Beruf und Familie » Frau arbeitet, Mann nicht: „Sprengsatz unterm Küchentisch“

Was passiert, wenn die Frau das Geld verdient und der Mann arbeitslos ist? Längst ist das keine exotische Ausnahmeerscheinung mehr. Bei jedem zehnten Paar in Deutschland ernährt inzwischen die Frau die Familie. Damit ist auch ein neues Beziehungszeitalter angebrochen. Die Kölner Journalistin Ingrid Müller-Münch hat recherchiert, wie heutige Paare mit dieser neuen Situation umgehen und darüber ein Buch mit dem vielsagenden Titel „Sprengsatz unterm Küchentisch“ geschrieben.

 Wenn die Frau das Geld verdient und der Mann arbeitslos ist.

Wenn die Frau das Geld verdient und der Mann arbeitslos ist.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

Wenn der Mann seine Arbeit verliert und die Frau das Geld verdient, dann geraten viele alte Rollenverständnisse ins Wanken. „Das Problem ist oft, dass beide Partner nach wie vor traditionelle Bilder im Kopf haben, nämlich den Mann als Ernährer und die Frau, die allenfalls etwas dazuverdient“, betont Müller-Münch.

Alte Vorstellungen, neue Rollen

Als Sprengsatz entpuppt sich die Situation gerade für jene Paare, in denen sich die Männer nicht für den Beruf des Hausmannes entschieden haben. In diesem Fall müssen sich beide neu sortieren und eine neue Rolle finden. „Der Mann muss es aushalten, dass er sich als Loser fühlt. Oft geht mit dem Verlust des Arbeitsplatzes auch die Selbstachtung verloren und er fragt sich, ob er für seine Partnerin überhaupt noch erotisch ist.“ Solche Männer empfinden die Hausarbeit nicht als gleichwertige Beschäftigung, sondern als Degradierung.

Und auch die Frauen müssen ihre Vorstellungen, die sie bisher von einer idealen Partnerschaft hatten, überdenken. Müller-Münch: „Viele Frauen fühlen sich durch einen beruflich erfolgreichen Mann aufgewertet.“ Wenn das wegfällt, verliert der Mann zwangsläufig an Attraktivität … es sei denn, im Denken der Frau ändert sich etwas Entscheidendes.

Doch der Druck auf die Partner entsteht nicht nur in ihren eigenen Köpfen, er wird für beide auch durch Familie und Freunde aufgebaut. Das hat Müller-Münch in vielen Interviews immer wieder feststellen müssen: „Wenn der Mann arbeitslos ist, fragen ständig Leute aus der Umgebung, ob er schon wieder einen Job hat.“ Das macht die Situation für beide Partner zusätzlich schwierig. Denn während eine Frau zu Hause bleiben darf – auch wenn sie keine Kinder zu versorgen hat -, wird das bei einem Mann in der Regel nicht gesellschaftlich akzeptiert.

Immer noch männlich!

„Doch angesichts der Tatsache, dass inzwischen mehr Mädchen als Jungen studieren, wird sich unsere Gesellschaft auf dieses neue Beziehungsmodell einstellen müssen“, betont Müller-Münch. Aber Männer und Frauen müssen an sich arbeiten und sich vom Getuschel ihrer sozialen Umgebung unabhängig machen. „Die Frauen sollten lernen, ihren Männern keine Vorwürfe zu machen und akzeptieren, dass ihre Männer im Haushalt vielleicht anders arbeiten als sie selbst.“ Und auch den Männern kann ein Rollenwechsel gelingen, wenn sie einerseits ihre Frauen unterstützen, aber auch andere Betätigungsfelder jenseits des Erwerbslebens finden. „Ihnen sollte klar werden, dass sie mit einem Staubtuch in der Hand weder Männlichkeit noch Sex-Appeal verlieren.“

Schon heute funktioniert dieses Beziehungsmodell, erklärt Müller-Münch. So ist es in Künstler- und Intellektuellenkreisen durchaus akzeptiert, wenn die Frau den Lebensunterhalt verdient und der Mann als Bildhauer mal wenig Aufträge hat oder als Schriftsteller an einem Buch schreibt. Doch was für diese Kreise schon zur Normalität gehört, ist für viele Industriearbeiter noch ein großes Problem. „Ein gesellschaftliches Umdenken ist deshalb dringend notwendig.“

Literaturtipp:

Ingrid Müller-Münch: Sprengsatz unterm Küchentisch. Wenn die Frau das Geld verdient, Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 304 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-608-94595-9

(Veröffentlicht bei GMX.de, Mai 2014)
(Copyright 2014 by Anja Schreiber)

  • Anja Schreiber
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    Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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