Home » Berufswahl » Downshifting im Beruf: Sinn statt Hamsterrad

Freiwillig auf Geld und Status verzichten: Das nennt sich Downshifting. Dabei schalten Berufstätige ganz bewusst „herunter“, um berufliches Neuland zu betreten und mehr Lebensqualität zu gewinnen. Hintergrund ist ihre Unzufriedenheit im alten Job. Doch mit Aussteigen hat das Downshifting in den allermeisten Fällen nichts zu tun.

Downshifting im Job

Tipps für’s Dowbnshifting im Beruf

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufserfahrene, Neustarter und Neustarter 40plus.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • was Downshifting ist.
  • welche Gründe dazu führen.
  • welche Schritte zum Downshifting gehören.
  • Tipps in Sachen Bewerbung.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

Die 54-jährige Karriereberaterin Martina Bandoly begleitet nicht nur ihre Klienten beim Downshifting. Sie hat diesen Prozess auch selber hinter sich: Viele Jahre lang war sie in einem großen Telekommunikationskonzern als Führungskraft tätig. Zuletzt führte sie 30 Beschäftigte. „Die längste Zeit machte mir meine Arbeit großen Spaß. Denn ich hatte viele Freiheiten und konnte selbstbestimmt arbeiten.“ Ein wichtiger Schwerpunkt ihrer Tätigkeit bildete die Karriereentwicklung ihrer Mitarbeiter. Sie schloss Zielvereinbarungen, führte Jahresgespräche und Gehaltsverhandlungen.

Doch Umstrukturierungen im Konzern veränderten ihre Arbeit. „Auf einmal sollte ich mich hauptsächlich mit der Akquise neuer Projekte befassen. Die Mitarbeiterführung selbst hatte ich nach den Vorstellungen meiner neuen Vorgesetzten nur noch nebenbei zu erledigen“, berichtet Bandoly. Auf einmal wurde der Führungskraft genau auf die Finger geschaut.

Die Frage nach dem Sinn

Bandoly sah keinen Sinn mehr in ihrer Arbeit. „Ich konnte meine wichtigsten Werte nicht mehr leben: Das freie selbstbestimmte Arbeiten und den Einsatz für die Angestellten.“ Sie entschied sich für den Ausstieg, bekam eine Abfindung und suchte nach einem beruflichen Neuanfang. Das war vor fünf Jahren. „Es war genau die richtige Entscheidung“, sagt die Berliner Karriereberaterin heute.

Immer noch hält sich die Meinung, dass Downshifting gleichbedeutend mit Totalausstieg ist. Dass dies nur in Ausnahmefällen zutrifft, weiß Dr. Wiebke Sponagel, Coach und Buchautorin aus Frankfurt a. M.: „Beim Downshifting finden Berufstätige heraus, was sie können und was sie wirklich wollen„, betont sie. „Die meisten meiner Klienten wollen im Einklang mit sich selbst und anderen leben und arbeiten.“

Zentrale Faktoren dabei sind Selbstbestimmung und die Frage nach dem Sinn. Ziel ist es, die Kontrolle über das eigene Leben zurückzugewinnen. Die Berufstätigen möchten ihr Lebenstempo und die Inhalte ihrer Arbeit besser steuern können. „Es geht keinesfalls um ein Leben in der Hängematte. Auch Menschen, die heruntergeschaltet haben, sollten in der Lage sein, bei Bedarf wieder ein paar Gänge hochzuschalten. Denn Langsamkeit allein ist noch keine Problemlösung“, erklärt Sponagel.“ 30 Prozent meiner Klienten sind potentielle Downshifter, die in ihrer jetzigen Arbeit keinen Sinn mehr sehen“, berichtet Sponagel. Größtenteils sind sie 40 Jahre oder älter und männlich. Viele von ihnen sind in „Sandwichpositionen“.

Macht und Status allein reichen nicht

Der Kölner Karrierecoach Dr. Bernd Slaghuis bestätigt ebenfalls: „Meist sind Downshifter Menschen im mittleren Alter, deren Karriere meist gut läuft.“ Doch das Macht und Status allein reicht vielen nicht mehr aus, um dauerhaft zufrieden zu sein. „Diese Berufstätigen stellen fest, dass sich ihre Werte im Laufe ihres Berufslebens verändert haben. Sie wollen raus aus dem Hamsterrad. Karriere und Geld allein interessiert sie immer weniger. Sie brauchen mehr Zeit für Anderes, etwa die Familie und suchen häufig eine stärker selbstbestimmte Tätigkeit.“

Auch Herwarth Brune, Geschäftsführer der ManpowerGroup Deutschland, sieht in der Sinnfrage einen wesentlichen Grund für die Jobunzufriedenheit von Arbeitnehmern: „Wer in seiner Arbeit keinen Sinn erlebt, verliert den Spaß daran und ist häufig nicht mehr so erfolgreich.“ Wie die kürzlich erschienene Studie ‚Jobzufriedenheit 2015‘ der ManpowerGroup nachweist, gehört auch fehlende Wertschätzung zu den Faktoren, die Beschäftigte unzufrieden stimmen. Ein weiteres Problem sind die zeitlichen Rahmenbedingungen: „Mit der aktuell anziehenden Konjunktur verschlechtert sich oft die Situation der Mitarbeiter. Diese müssen mehr leisten, weil die Aufträge gestiegen sind“, so Brune. „Der Anteil an flexiblen Arbeitszeitmodellen sank im Vergleich zum Vorjahr ebenfalls.“

Unzufriedenheit als Symptom

Viele Klienten von Slaghuis sind sich gar nicht klar darüber, dass sie eigentlich den Wunsch nach Downshifting haben. „Oft verspüren sie ein unbestimmtes Gefühl von Unzufriedenheit. Erst wenn ich mit ihnen über ihre Werte rede, stellt sich heraus, dass sie diese in ihrem Job nicht verwirklichen können.“ Deshalb ist der erste Schritt zu mehr Zufriedenheit, sich über die eigenen Werte klar zu werden. In einem zweiten Schritt wird überlegt, wie sich diese Werte konkret umsetzen lassen. Deshalb fragt Slaghuis seine Klienten, welche Dinge sie in ihrem Arbeitsalltag als erstes verändern würden und was sie davon für realistisch halten. Ein Vertriebsmanager könnte zum Beispiel feststellen, dass er lieber sein Wissen weitergeben möchte als ständig neue Umsatzziele zu erreichen. In diesem Fall macht zum Beispiel eine berufsbegleitende Trainerausbildung Sinn. „Es muss nicht sein, dass jemand sofort aussteigt. Aber ein neues langfristiges Ziel kann dazu führen, dass sich auch die Einstellung des Berufstätigen zum aktuellen Job ändert und er zufriedener wird.“

Um gute, aber unzufriedene Mitarbeiter zu halten, sieht Brune auch die Arbeitgeber in der Pflicht: „Gerade Arbeitnehmer, die komplexe Aufgaben zu lösen haben, sind oft in 30 Arbeitsstunden produktiver als andere in 50 Stunden. Deshalb sollten Unternehmen ihren Mitarbeitern in Sachen Arbeitszeit und Flexibilität soweit wie möglich entgegenkommen.“ Er ist sich sicher, dass ein solches Vorgehen die Jobzufriedenheit steigern würde und mögliche Downshifter davon abhält, die Firma ganz zu verlassen.

Tipp: Ziele und Wünsche klar kommunizieren

Aufgabe des Mitarbeiters bleibt es, sich über seine Ziele und Wünsche klar zu werden und diese auch klar zu kommunizieren„, so Brune. Wer das macht, kann leichter gegenüber seinem Vorgesetzten argumentieren, was er wirklich will. „Ein guter Chef wird die Wünsche seines Mitarbeiters nicht einfach abschlägig behandeln, sondern ihn nach Möglichkeiten unterstützen.“

Nicht jedes „Herunterschalten“ muss mit der Beendigung eines Arbeitsverhältnisses einhergehen. Aber ein Stellenwechsel oder der Schritt in die Selbständigkeit ist für manche Berufstätige eine bedenkenswerte Alternative. Allerdings empfiehlt Sponagel, zuvor alle Pro- und Contra-Argumente genau abzuwägen. Denn Downshifting heißt zwar mehr selbstbestimmte Zeit, aber nicht unbedingt weniger Arbeit. Außerdem sollten sich Berufstätige überlegen, ob sie auf einen Teil ihres Einkommens, ihres Status oder ihrer beruflichen Sicherheit verzichten können. „Oft verändert sich mit einem Job- oder Berufswechsel auch der Bekanntenkreis.“ Das ist ebenfalls zu bedenken.

Tipp: Strategisch bewerben

„Eine Führungskraft, die wieder als Sachbearbeiter tätig sein will, löst in Unternehmen heute immer noch Kopfschütteln aus“, betont Karrierecoach Martina Bandoly. Um so wichtiger sei es für den Downshifter, sich genau zu überlegen, was er seinem künftigen Arbeitgeber kommunizieren will. Ihr Tipp: „Firmen suchen Mitarbeiter, die ihnen nutzen. Darauf sollten sich Bewerber einstellen. Am Besten ist es, wenn die Entscheidung für die berufliche Veränderung folgerichtig erscheint. Das überzeugt Personaler.“ Es kommt also auf den rote Faden an.

Slaghuis empfiehlt außerdem Wechselwilligen, den potentiellen Arbeitgeber genau unter die Lupe zu nehmen. „Downshifter haben einen intensiven Reflexionsprozess hinter sich und wissen, was sie brauchen. Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern Freiräume bieten und Selbstverantwortung groß schreiben, stehen bei ihnen hoch im Kurs.“

Berufliche Umbrüche bringen oft auch Veränderungen in den sozialen Beziehungen mit sich. Wer das weiß, kann diesen Wandel sinnvoll gestalten. „Wenn jemand neue berufliche Wege sucht, sollte er lieber Tante Erna meiden, die ihm das ausreden will“, empfiehlt Bandoly. Stattdessen ist es hilfreich, ein neues Netzwerk zu knüpfen: „Ich bin zum Beispiel gleich in einen Berufsverband eingetreten und habe dort viel Unterstützung erfahren.“

Fehlende Anerkennung im Job

Unzufriedenheit: Fast die Hälfte der Arbeitnehmer in Deutschland sind aktuell mit ihrem Job unzufrieden. Das ist ein Ergebnis der repräsentativen Studie „Jobzufriedenheit 2015“ der ManpowerGroup Deutschland. Damit hat sich die Unzufriedenheit im Vergleich zu 2014 noch einmal um vier Prozentpunkte gesteigert und liegt nun bei 49 Prozent. Die geringere Zufriedenheit gegenüber dem Vorjahr zeigt sich dabei in fast allen Bewertungskriterien wie etwa Arbeitszeit, Förderungsmöglichkeiten sowie Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Umorientierung: Mit der steigenden Unzufriedenheit im Job wächst auch die Bereitschaft, sich beruflich umzuorientieren. So erwägen derzeit 45 Prozent der Angestellten, ihren Job in den nächsten zwölf Monaten zu wechseln. 2014 lag diese Zahl noch bei 42 Prozent. Rund jeder vierte Arbeitnehmer sucht einen besser bezahlten Job. Der Wunsch nach Abwechslung bewegt 14 Prozent der Befragten zum Jobwechsel. Bei 13 Prozent spielt der Wunsch nach mehr Anerkennung eine entscheidende Rolle.

Tipps für Sie auf einen Blick:

  • Downshifting ist nicht gleichbedeutend mit Totalausstieg. Es geht vielmehr darum, herausfinden, was Sie können und was Sie wirklich wollen.
  • Fragen Sie sich, wie viel Sinn Sie in Ihrer aktuellen Tätigkeit sehen und ob Sie unzufrieden sind.
  • Fragen Sie sich, welche Werte Sie antreiben und ob Sie diese in Ihrem Job verwirklichen können.
  • Überlegen Sie, wie sich Ihre Werte konkret umsetzen lassen.
  • Versuchen Sie sich auch über Ihre anderen Ziele und Wünsche klar zu werden.
  • Kommunizieren Sie diese in strategisch sinnvoller Weise gegenüber Ihrem Vorgesetzten. Denn sonst kann sich auch nichts ändern.
  • Falls Sie in Ihrer jetzigen Position keine Möglichkeiten sehen, sich zu verändern, sollten Sie über einen Job- oder Berufswechsel nachdenken.
  • Überlegen Sie sich bei einer Bewerbung ganz genau, wie Sie Ihr Downshifting verkaufen wollen. Lassen Sie Ihre berufliche Veränderung als folgerichtig erscheinen.
  • Knüpfen Sie ein neues Netzwerk, das zu Ihren Zielen und Wünschen passt.

Meine Fragen an Sie:

  • Haben Sie sich schon mal überlegt auszusteigen? Und wenn ja, warum?
  • Haben Sie bereits ein Downshifting hinter sich?
  • Welche Tipps würden Sie Anderen geben?
  • Gefällt Ihnen der Artikel?
  • Ist er hilfreich?

Meine Linkempfehlungen:

Meine Literaturempfehlungen:

  • Wiebke Sponage: Downshifting. Selbstbestimmung und Ausgeglichenheit im Job, 124 Seiten, Haufe (Planegg bei München) 2013, 6,95 Euro.

(Hauptartikel eröffentlicht in der Berliner Zeitung, Mai 2015)
(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

  • Anja Schreiber
    Article By :
    Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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