Home » Beruf und Familie » Die Rolle der Eltern bei der Berufswahl: Begleiten statt bevormunden

Eltern begleiten ihre Kinder zur Studienberatung oder machen für sie einen Termin beim Bewerbungscoach: Das ist ein Trend in den letzten Jahren. Damit dieses Engagement den Jugendlichen auch wirklich hilft, ist ein richtiges Maß an Unterstützung wichtig. In keinem Fall  jedoch sollten Väter und Mütter den Nachwuchs bevormunden.

Eltern und die Berufswahl ihrer Kinder

Eltern spielen bei der Berufswahl ihrer Kinder eine große Rolle.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Eltern, Schulabgänger, Studierende, Auszubildende, Berufseinsteiger und berufserfahrene Angehörige.

In diesem Artikel erfahren Sie:

  • wie die Rolle der Eltren bei der Berufswahl ihrer Kinder aussieht.
  • wo die Eltern hilfreich sind.
  • wie Konflikte aussehen.
  • welche Ängste Eltern haben.
  • was Experten Eltern raten.
  • Tipps auf einen Blick.
  • Linkempfehlungen.
  • Literaturempfehlung.

Die Eltern kommen mit zur Beratung

Petra Caemmerer, Berufsberaterin bei der Arbeitsagentur Berlin-Süd, stellt seit einigen Jahren fest, dass Eltern vermehrt zur Berufsberatung mitkommen. „Etwa 30 Prozent der Abiturienten bringen bei uns eine Begleitperson mit. Oft sind das die Mütter, manchmal beide Elternteile.“ Und auch Großmütter begleiten desweilen ihre Enkel zum Gespräch.
Caemmerer kennt sich mit der Beratung von Schulabgängern der verschiedenen Schulformen bestens aus. „Überwiegend engagieren sich Eltern von Abiturienten. Diese nehmen für den Beratungstermin oft sogar Urlaub.“ Bei Erziehungsberechtigten, deren Kinder die Haupt- oder Realschule besuchen, sei dies seltener der Fall.

Brigitte Reysen-Kostudis von der Studienberatung der Freien Universität beobachtet das gleiche Phänomen: „Noch vor 15 Jahren waren Mütter und Väter eigentlich nie beim Beratungsgespräch dabei. Heute sind es bei uns etwa acht Prozent.“ Aus anderen Regionen Deutschlands weiß sie, dass das Thema im Hochschulalltag noch viel präsenter ist. „Die Universität Bamberg lädt zum Beispiel zu Beginn des Wintersemesters nicht nur die Studienanfänger sondern ausdrücklich auch deren Familien zu einer feierlichen Begrüßung ein.“

Bei der Berliner Studien- und Berufsberatung planZ spielen die Erziehungsberechtigten eine zentrale Rolle. Schließlich bezahlen sie auch die private Beratungsleistung. „Unsere mehrstündige Beratung beginnt mit den Eltern und Kindern gemeinsam. Nach etwa einer Stunde verlassen dann die Väter und Mütter das Gespräch. Sie kommen erst am Ende bei der Präsentation der Ergebnisse wieder“, betont Malte Eilenstein, Mitbegründer von planZ. Er sieht die Vorteile der Familienberatung: „Wir haben fast nur positive Erfahrungen gemacht. Denn die ältere Generation begleitet die Jugendliche in aller Regel gut.“ Der Studienberater empfindet es außerdem als hilfreich, die Eltern kennenzulernen. „So kann ich mir ein Bild über die familiäre Situation machen.“

Mehr Engagement der Eltern

Oft verdrängen Minderjährige das Thema Studien- und Berufswahl, weiß Eilenstein. „Angesichts der schulischen Belastung ist das natürlich verständlich. Umso wichtiger ist es, dass Mütter und Väter dafür sorgen, dass das Thema im Alltag präsent bleibt.“ Das vermehrte Engagement der Erziehungsberechtigten bei der Berufswahl macht Eilenstein auch an der Verkürzung der Schulzeiten fest. So sind die Abiturienten aktuell deutlich jünger als noch vor einigen Jahren. „Heute greifen viele Eltern gern tief in die Tasche, um ihre Sprösslinge zu unterstützen. Unsere Kunden stammen aus ganz Deutschland oder sogar aus dem Ausland. So fallen neben der Beratungsgebühr noch Kosten für Fahrt und Unterkunft an.“

Auch der Karrierecoach Jürgen Hesse vom Autorenteam Hesse/Schrader berät immer wieder ganze Familien. „Die Eltern machen in der Regel den Beratungstermin aus und bringen ihr Kind vorbei. In vielen Fällen kommen sie sogar selbst mit zum Gespräch.“ Für den vielfachen Buchautor ist dieser Trend nur relativ neu. „Die Entwicklung begann vor etwa sechs Jahren nach abklingen der Wirtschaftskrise.“

Hilfreich im Beratungsgespräch

Die Familienberatung erlebt Caemmerer in aller Regel als unproblematisch: „Die Eltern sind überwiegend hilfreich. Denn oft fällt es den Jugendlichen schwer, über ihre eigenen Interessen und Fähigkeiten zu sprechen. In diesem Fällen sind Väter und Mütter meist gesprächsfördernd“, berichtet Caemmerer. Denn sie können ihren Nachwuchs an seine speziellen Begabungen und Fertigkeiten erinnern und zum Beispiel berichten, dass sich ihr Sohn bestens mit Fahrradreparaturen auskennt. „Ansonsten halten sie sich diskret im Hintergrund. Nur die wenigsten dominieren das Gespräch.

Die Diplom-Psychologin Reysen-Kostudis sieht die Familienbegleitung ebenfalls häufig als problemlos an: „Die Jugendlichen wünschen oft sogar ausdrücklich, dass Vater und Mutter sie begleiten.“ Auf jeden Fall ist es sinnvoll, wenn sich die Erziehungsberechtigten informieren. „Denn selbst wenn sie Akademiker sind, wird vieles für sie neu sein. Schließlich unterscheidet sich das Studium von heute deutlich von dem vergangener Zeiten“, so Reysen-Kostudis. Außerdem sei durch die Bologna-Reform das Studienangebot sehr stark gewachsen, sodass das Bedürfnis nach Information aus erster Hand gestiegen sei.

Informationsbedarf der Eltern

Ein Grund für das verstärkte Interesse der Eltern ist das Alter der Studienanfänger: „Einige Abiturienten sind heute noch nicht volljährig. Sie können nicht einmal einen eigenen Mietvertrag unterschreiben. Deshalb ist es nachvollziehbar, wenn sich die Erziehungsberechtigten aus elterlicher Sorge auch mit der Studienwahl ihres Nachwuchses beschäftigen.“
Nicht immer läuft eine familiäre Berufsberatung harmonisch ab. Manchmal treffen auch konträre Meinungen aufeinander. Da kommen Sprüche wie: „Das hast Du mir ja noch nie gesagt“. Caemmerer: „Das Beratungsgespräch macht es möglich, dass Kinder und ihre Eltern offener miteinander reden als bei sich zu Hause. Oft enden diese Konfliktgespräche erfreulich und alle liegen sich zum Schluss im wortwörtlichen Sinn in den Armen.“

Berater als Mediatoren

Reysen-Kostudis kennt ebenfalls Konfliktsituationen: „Gerade wenn der Redeanteil der Erziehungsberechtigten sehr groß ist, wird es meist problematisch.“ Dann schlüpft die Psychologin in die Rolle der Mediatorin. So informiert sie etwa über die beruflichen Perspektiven jener Studiengänge, die Väter und Mütter vielleicht als „brotlose Kunst“ ansehen.

Auch Jürgen Hesse kennt aus seinem Coachalltag Situationen, die Eltern vor Überraschungen stellen. „Eine junge Frau erzählte zum Beispiel von ihrem Wunsch, Polizistin zu werden. Die sie begleitende Mutter war davon völlig perplex.“ Der Psychologe Hesse weiß, dass ein ungewohntes Setting wie ein Beratungsgespräch neue Erkenntnisse zutage fördern kann.

Doch auch am heimischen Küchentisch ist ein offenes Gespräch mit dem Nachwuchs möglich. Caemmerer: „Am besten fragen Sie nach den Träumen und Wünschen Ihres Kindes, ohne alles zu bewerten. Nehmen Sie ihm den Druck, dass seine Entscheidung auf Anhieb richtig sein muss.“

Oft besteht Caemmerers Aufgabe darin, die ältere Generation zu beruhigen. Schließlich bieten der demografische Wandel und der stärker werdende Fachkräftemangel den jungen Leuten vielfältige Beschäftigungsperspektiven. „Heute muss niemand unbedingt studieren, um beruflich erfolgreich zu  sein. Auch mit einer Ausbildung hat man beste Karrierechancen, zumal einem späteren Studium meist nichts im Wege steht … auch ohne Abitur.“

Begleiten statt bevormunden

Die Psychologin Brigitte Reysen-Kostudis rät zur Gelassenheit: „Eingeschlagene Wege können sich im Lauf eines Studiums noch ändern. Oft kippt im ersten oder zweiten Semester die Studienentscheidung. Und das ist kein Drama!“ Im Gegenteil: Ein Studienfachwechsel oder ein Studienabbruch ist oft der Ausgangspunkt einer guten beruflichen Entwicklung.

Jürgen Hesse versteht die Gefühle von Eltern, auch als Vater: „Natürlich will man seine Totchter oder seinen Sohn vor allem Bösen bewahren. Trotzdem sollte sich jeder klar sein, dass mit der Entscheidung für einen Beruf nun aber endgültig die Verantwortung der Erziehungsberechtigten aufhört.“ Deshalb empfiehlt er, die jungen Leute zu begleiten statt sie zu bevormunden.

Eltern sollten sich über ihren Einfluss auf die Berufsentscheidung ihrer Kinder klar werden. Denn nicht selten  tritt die junge Generation in die Fussstapfen der älteren, ergreift dieselben Berufe oder übernimmt sogar das Familieunternehmen. Doch das hat auch seine Schattenseiten. Hesse: „Manche Erwachsene sind mit ihrer Berufsentscheidung unglücklich, weil sie diese nur ihrer Familie zuliebe getroffen haben.“ Und genau diese Situation gelte es zu verhindern.  „Ermuntern Sie Ihren Nachwuchs, sich auszuprobieren. Signalisieren Sie aber auch Unterstützung, falls es mit der ersten Berufswahl nicht so klappt wie gewünscht.“

Die Ängste von Eltern, die Sorgen der Kinder

Ein immer wiederkehrendes Problem ist, dass Väter und Mütter ihre eigenen Sorgen auf ihre Kinder übertragen. Caemmerer: „Wer in der Familie nur über die Schattenseiten seines Jobs spricht, schürt bei Jugendlichen massive Ängste. Besser ist es, ihnen Lust auf den Beruf zu machen.“ Deshalb ihr Tipp: Erzählen Sie Ihrem Nachwuchs auch mal von den positiven Aspekten Ihrer Arbeit.

Nicht immer stülpen Eltern den Kindern ihre Befürchtungen über. Manchmal sind es auch die jungen Leute, die Ängste entwickeln. Malte Eilenstein erlebt zum Beispiel oft überbesorgte Schulabgänger: „Viele fühlen sich unter Druck, die richtige Entscheidung treffen zu müssen, während die Erziehungsberechtigten eher gelassen wirken. Denn nicht wenige Eltern haben selbst ein Studium abgebrochen und dennoch später Karriere gemacht.“

Tipps für Sie als Eltern:

  • Die Kinder nach ihren Wünsche und Zielen befragen. Das offene Gespräch suchen.
  • Den Jugendlichen nicht die eigenen Vorstellungen überstülpen.
  • Die eigenen  beruflichen und existenziellen Ängste nicht auf die Kinder übertragen.
  • Nicht nur über den eigenen Beruf klagen, sondern auch etwas Positives erzählen.
  • Sich selbst über die Studien- und Berufswahl und aktuelle Trends informieren.
  • Im Beratungsgespräch bei der Arbeitsagentur oder Uni keine dominierende Rolle spielen, sondern eher zuhören.
  • Den jungen Leuten die Chance bieten, sich auszuprobieren und sie zum Beispiel ermutigen, ein Jahrespraktikum oder ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren.
  • Den Kindern bei der Erstellung von Bewerbungsunterlagen helfen.
  • Unterstützung bei Problemen wie Ausbildungs- oder Studienabbruch signalisieren.

Fragen an Sie:

  • Begleiten Sie Ihr Kind zur Studien- und Berufsberatung?
  • Wie unterstützen Sie Ihr Kind bei der Berufswahl?
  • Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
  • Welche Tipps würden Sie anderen Eltern geben?
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Meine Linkempfehlungen:

Meine Lektüreempfehlung:

  • Svenja Hofert: „Am besten wirst du Arzt“. So unterstützen Sie Ihr Kind wirklich bei der Berufswahl, 232 Seiten, Campus Verlag (Frankfurt a.M.) 2012 19,99 Euro.

(Hauptartikel veröffentlicht in der Berliner Zeitung, September 2015)

(Copyright 2015 by Anja Schreiber)

  • Anja Schreiber
    Article By :
    Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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