Selbstmanagement: Die hohe Kunst des „Nein-Sagens“

Ihr Chef überhäuft Sie mit Arbeit? Ihre Kollegen bitten Sie ständig um Hilfe, so dass Sie gar nicht mehr zu der Erledigung Ihrer eigenen Aufgaben kommen? Wenn das der Fall sein sollte, ist es höchste Zeit, die Kunst des Nein-Sagens zu praktizieren. Dr. Matthias Nöllke, Buchautor zu Rhetorik- und Management-Themen, weiß, wie es geht.

Wie Sie es lernen, Nein zu sagen.
Wie Sie es lernen, Nein zu sagen.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

„Wenn das Verhältnis zwischen Geben und Nehmen unter den Kollegen nicht mehr stimmt und Sie ständig anderen helfen, ohne dass Ihnen jemand hin und wieder unter die Arme greift, dann sollten Sie lernen Nein zu sagen“, betont Nöllke. Ein „Nein“ ist auch dann angebracht, wenn Mitarbeiter ihren eigentlichen Aufgaben durch die Hilfeleistung für andere nicht mehr nachkommen können. Übrigens sollten sie gegenüber ihren Kollegen nicht ausführlich rechtfertigen, warum sie nicht helfen. Denn sonst tappen sie in die Falle, immer eine gute Begründung für ihr „Nein“ finden zu müssen.

Die Angst vor dem „Nein“

Viele Ja-Sager haben Angst, es sich mit einem „Nein“ bei ihren Kollegen zu verscherzen. Aber viel schlimmer ist es, eine einmal gegebene Zusage wieder revidieren zu müssen. Damit machen sie sich viel eher unbeliebt. Deshalb rät Nöllke: „Sagen Sie nicht einfach Ja, sondern erkundigen Sie sich, wie groß der Arbeitsumfang der Hilfeleistung wirklich sein wird.“ Also Vorsicht vor allzu schnellen Zusagen! Besser ist es, sich Bedenkzeit auszubitten.

Hat sich ein Mitarbeiter entschlossen, „Nein“ zu sagen, dann sollte er das natürlich in einem sachlichen und freundlichen Ton tun. Völlig kontraproduktiv wäre es, gegenüber dem Hilfesuchenden pampig zu werden. Er kann schließlich nicht unbedingt wissen, wie eingespannt Sie wirklich sind. Deshalb ist eine höfliche Frage auch höflich zu beantworten.

Nachfragen beim Chef

Die Arbeitsanweisungen und Bitten des Chefs sind natürlich anders zu behandeln als die der Kollegen. Grundsätzlich hat ein Arbeitnehmer die Verpflichtung, den Anweisungen seines Vorgesetzten Folge zu leisten. Doch auch hier kann das bloße Abnicken Probleme eher vergrößern als lösen: „Fragen Sie Ihren Chef, wenn er Ihnen zusätzliche Aufträge erteilt, was Sie zuerst erledigen und was Sie zurückstellen sollen“, empfiehlt Nöllke. Denn durch Ihre Nachfrage erfahren Sie von Ihrem Vorgesetzten, wo seine Prioritäten liegen.

Nennt der Chef trotz Nachfrage keine Priorität, muss der Mitarbeiter selbst aktiv werden. „Machen Sie selbst Vorschläge zur Prioritätensetzung, etwa nach dem Motto „Dann mache ich das zuerst und das andere dann morgen“, rät Nöllke. Wenn der Chef etwas dagegen hat, wird er es schon sagen, zum Beispiel dann, wenn alle Aufgaben sofort erledigt werden müssen. „Natürlich können Sie so nur vorgehen, wenn die Arbeit wirklich nicht in einem Tag beendet werden kann.“

Kein „Ja, aber“

Viele vermeiden gegenüber dem Chef das Wörtchen „Nein“ und sagen lieber „Ja, aber …“. Aber wer diese Formulierung benutzt, macht in der Regel keine gute Figur. „Das reizt häufig den Vorgesetzten zum Gegenangriff und fordert ihn heraus, doch eine schnelle Abarbeitung der Aufgaben zu fordern“, so Nöllke. Besser ist es, diese Formulierung zu vermeiden, aber gleichwohl in einer Ich-Botschaft das Problem zu thematisieren, das bei der Bearbeitung der zusätzliche Aufgabe entsteht. „Zeigen Sie sich kooperativ und gewillt, gemeinsam mit Ihrem Chef das Problem zu lösen.“

So sinnvoll und wichtig ein „Nein“ an der richtigen Stelle ist: Mitarbeiter sollten nicht ständig davon Gebrauch machen. Denn so verscherzen sie es sich womöglich wirklich mit ihrer beruflichen Umwelt. Es ist auch keine gute Idee, nur deshalb „Nein“ zu sagen, weil Sie früher zu häufig „Ja“ gesagt haben.

Wer übrigens anderen einen Gefallen tut, sollte auch selbst Hilfe und Unterstützung einfordern. Und das sollten notorische „Ja-Sager“ genauso üben wie das „Nein-Sagen“. Am besten suchen sie sich dafür ein leichtes Übungsfeld, zum Beispiel bei unwichtigen Themen oder bei Menschen, zu denen sie eine gute Beziehung haben. Sie werden überrascht sein, wie leicht Bitten akzeptiert werden. Jetzt wäre der andere in der Verlegenheit „Nein“ sagen zu müssen.

(veröffentlicht bei GMX.de im Mai 2011)

(Copyright 2011 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.