Der Schreibtisch des Mitarbeiters: Die Bühne des Arbeitnehmers

Theaterbühne und Reliquienschrein in einem: Das sind die Schreibtische von Berufstätigen … und zwar weltweit. Ob aber Spielzeugautos, Plüschtiere, Grünpflanzen, iPhones oder private Fotogalerien dominieren, hängt von der Branche, dem Land und dem Geschlecht des Schreibtischinhabers ab. Das fanden Prof. Dr. Uta Brandes und Prof. Dr. Michael Erlhoff von der Köln International School of Design (KISD) heraus.

Der Schreibtisch: Die Bühne des Mitarbeiters.
Der Schreibtisch: Die Bühne des Mitarbeiters.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Auszubildende, Berufseinsteiger und Berufserfahrene.

Die beiden Design-Professoren untersuchten gemeinsam mit Studierenden sechs Monate lang Arbeitsplätze auf fünf Kontinenten, darunter Ländern wie etwa Deutschland, Ägypten, Brasilien, Taiwan oder Indien. Sie analysierten dabei anhand von Fotos knapp 700 Schreibtische, die in öffentlichen Verwaltungen, Designstudios, Callcentern sowie Banken und Versicherungen aufgenommen worden sind.

Der Schreibtisch als Heimat

„Der Schreibtisch ist für Arbeitnehmer in allen Ländern eine Art Heimat. Er fungiert als kleine Bühne und Ausstellungsraum. Deshalb finden sich auf ihn auf der ganzen Welt durchschnittlich mehr als ein Dutzend privater Objekte“, berichtet Brandes. Was sich konkret auf dem Schreibtisch befindet, sagt viel über das Geschlecht, die Branche und die Nationalität des Nutzers aus und ist Spiegel der eigenen Individualität und der Gesellschaft, in der der Arbeitnehmer lebt.

Manche Ergebnisse der Studie entsprechen sogar Klischees: „Frauen lieben weltweit Pastelltöne und rosa Farben am Arbeitsplatz … leider“, berichtet Brandes, die offensichtlich nicht sehr glücklich über den Geschmack ihrer Geschlechtsgenossinnen ist. Und noch etwas vereint die Arbeitnehmerinnen: „Sie haben eine enorme Sammelleidenschaft und bevorzugen dabei weiche und plüschige Objekte.“ Große Ausnahme sind Frauen, die in westlichen Designer-Büros arbeiten. Bei ihnen finden sich helle Erdfarben und das klassische iPad-Weiß.

Frauen-Schreibtische, Männer-Schreibtische

Weltweit platzieren Männer übrigens eher dunkelblaue, schwarze oder metallische Objekte auf ihren Schreibtischen, die aus härteren Materialien bestehen, etwa Spielzeugautos oder Comicfiguren. Während sich an den Trennwänden in den Großraumbüros bei Frauen häufig Fotos von Familie und Freunden sowie die künstlerischen Hochleistungen ihrer Kinder finden, stellen Männer dort lieber Sportfotos aus. Den geringsten Unterschied zwischen Männern und Frauen gibt es übrigens in New York, der Ort mit den weltweit unpersönlichsten Schreibtischen. „Das mag an den harten Arbeitsbedingungen und der dortigen Hire-and-Fire-Mentalität liegen.“

Zeige mir Deinen Schreibtisch und ich sage Dir, wo Du arbeitest: Auf diese einfache Formel lässt sich die Studie der beiden Design-Professoren bringen. So sind Arbeitsplätze in den öffentlichen Verwaltungen besonders voll. Gründe dafür sind – so Brandes – die lange Verweildauer an einem bestimmten Arbeitsplatz und der geringe Publikumsverkehr. Die nationalen Vorlieben sind dabei höchst unterschiedlich: Während in der deutschen Verwaltung Grünpflanzen dominieren, finden sich zum Beispiel auf asiatischen und südamerikanischen Schreibtischen kleine Buddhas, Shivas oder Engel.

Platzierung von Statusymbolen

Wesentlich unpersönlicher sehen da schon die Schreibtische bei Banken und Versicherungen aus … auch dort, wo kein Publikumsverkehr herrscht: „Nur wenige ausgesuchte Gegenstände werden dort platziert. Männer zeigen meist Statussymbole wie das prestigeträchtige Smartphone oder den Autoschlüssel einer teuren Marke, während Frauen auch schon mal eine Zeichnung ihres Nachwuchses oder ein Familienfoto ausstellen.“

Ähnlich übersichtlich sehen auch Schreibtische in westeuropäischen Designer-Büros aus. Auch hier ersetzen statusträchtige Autoschlüssel und aktuellste Smartphones das unübersichtliche Sammelsurium anderer Branchen. Aber nur in Europa! In Asien dagegen platzen auch die Schreibtische in der Designer-Zunft – so wie fast aller anderen Branchen – aus den Nähten. Hier findet sich eine große Zahl von Postern, Figuren, Auszeichnungen und eigener Entwürfe.

Der Wirtschaftszweig mit den unpersönlichsten Schreibtischen ist, so die Untersuchung, die Call Center-Branche. Nur Getränke und Lebensmittel machen die Büromöbel hier unterscheidbar, da Mitarbeiter in der Regel keinen eigenen Tisch haben, sondern diesen nach Dienstschluss räumen müssen. Aber selbst wenn es um die Lebensmittelauswahl geht, unterscheiden sich Männer und Frauen: Während die Herren dort üblicherweise Junk Food und süße Softdrinks ablegen, findet sich bei den Damen augenscheinlich Gesünderes wie etwa Jogurts oder Müsliriegel. Nur in der Vorliebe für Kaffee sind sich die Geschlechter einig.

Literaturtipp:
My Desk is my Castle. Exploring Personalization Cultures, Uta Brandes, Michael Erlhoff, Birkhäuser Verlag, Basel (2012), 317 Seiten, 31,99 Euro.

(Veröffentlicht bei der Berliner Zeitung, April 2012)
(Copyright 2012 by Anja Schreiber)

Anja Schreiber
Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.