Autismus und Beruf: Denken in Bildern

Autisten sind generell kreative Denker und Perfektionisten, sie verfügen über Ausdauer und Genauigkeit … alles Eigenschaften, die in der Berufswelt dringend gebraucht werden. Trotzdem sind viele von ihnen arbeitslos. Denn in der Regel haben sie Schwierigkeiten in der Kommunikation. Doch inzwischen erkennen immer mehr Firmen wie etwa SAP das berufliche Potenzial dieser Menschen.

Perspektiven für Menschen mit Autismus.
Perspektiven für Menschen mit Autismus.

Für wen dieser Artikel besonders interessant ist:

  • Berufseinsteiger, Berufserfahrene und Eltern.

Marko Riegel ist zum Beispiel Softwaretester bei der Berliner Firma Auticon. Er ist fest angestellt, bezieht ein festes Gehalt und hat einen geregelten Tagesablauf. Doch das war nicht immer so: Der 36-jährige erlebte ein für Autisten typischen Werdegang mit Studienabbrüchen, ABM-Maßnahmen und Hartz-IV-Bezug. „Nebenbei habe ich semiprofessionell als DJ, Musikproduzent, Webseitengestalter und Partyveranstalter gearbeitet“, berichtet Riegel. Doch er musste auch erleben, wie sein Autismus ihm immer wieder beruflich im Weg stand: „Ich habe Probleme mit dem Selbstmanagement und der Organisation. Außerdem versinke ich in Details und verzettele mich schnell.“ Auch das soziale Miteinander machte ihm zu schaffen: Intrigen und Ränkespiele überforderten ihn und es mangelte ihm an Durchsetzungsvermögen.

Problem: Soziale Integration

„Autisten tun sich schwer mit der sozialen Interaktion“, berichtet Dr. Isabel Dziobek von der Autismus-Forschungs-Kooperation. Sie ist Emotionsforscherin am Exzellenzcluster Languages of Emotion der Freien Universität Berlin. „Sie verstehen die Emotionen anderer Menschen oft falsch. Das führt meist zu Missverständnissen und Problemen im Joballtag. So werden sie häufig fälschlicherweise als antisozial wahrgenommen.“

Außerdem leiden viele Menschen im Autismus-Spektrum an einer sogenannten exekutiven Dysfunktion: „Es fällt ihnen schwer, zu planen und mit Unvorhergesehenem flexibel umzugehen“, erklärt Dziobek. Auch das schränke oft ihre Beschäftigungsfähigkeit ein.
Und noch eine Besonderheit haben Autisten: Sie sind oft hypersensibel gegenüber optischen Reizen wie Neonlicht oder akustischen Signalen wie Telefonklingeln. „Ist es zum Beispiel zu laut, behindert das ihre Arbeit extrem, auch wenn sie normal intelligent sind und einen Hochschulabschluss haben.“

Unterstützung vom Jobcoach

Riegels Arbeitgeber Auticon berücksichtigt diese autismusspezifischen Probleme. Er wird wie alle anderen bei Auticon beschäftigten Autisten von Jobcoachs unterstützt. „Diese vermitteln zwischen den autistischen Softwaretestern und den Kunden, für die sie tätig werden und klären diese über den Autismus auf“, erklärt Tilman Höffken von Auticon. Außerdem kommt das Unternehmen den autistischen Bedürfnissen nach wenig optischen und akustischen Reizen entgegen. „Bei uns gibt es am Arbeitsplatz keine Telefone, dafür aber einen Ruheraum“, so Höffken.

Inzwischen ist das Geschäftsmodell von Auticon so erfolgreich, dass die Firma sowohl für den Standort Berlin als auch für Düsseldorf und München weitere Softwaretester sucht. Dabei stellt sich die Firma auf ihre speziellen Bewerber ein: „Wir wissen, dass Autisten häufig keinen lückenlosen Lebenslauf haben, sondern dass Studienabbrüche und Hartz-IV-Phasen dazugehören. Was Bewerber allerdings mitbringen müssen, sind Programmierkenntnisse“, so Höffken.

Der Softwarekonzern SAP will ab kommendem Herbst ebenfalls Menschen mit Autismus als Softwaretester, Programmierer und Spezialisten für Datenqualitätssicherung einstellen. Dabei arbeitet das Unternehmen mit der dänischen Firma Specialisterne zusammen, die SAP bei der Besetzung der Arbeitsplätze mit Autisten unterstützt. „Specialisterne hat sich weltweit damit einen Namen gemacht, Autisten auf technologieorientierte Arbeitsplätze zu vermitteln“, erklärt Anka Wittenberg, bei SAP für Vielfalt und Integration zuständig. „Dabei fungiert Specialisterne als Leiharbeitsfirma, die ganz normale Arbeitsverträge mit einer angemessenen Entlohnung abschließt.“

Ziel von SAP sei es, bis 2020 etwa ein Prozent der Unternehmensarbeitsplätze mit Menschen zu besetzen, die vom Autismus betroffen sind. Das ist zugleich der Anteil, den Autisten an der Gesamtbevölkerung haben. „Dabei geht es uns aber nicht um die Erfüllung einer Quote, sondern um einen nachhaltigen Prozess“, so Wittenberg.

Erfolgreiches Pilotprojekt bei SAP

Der aktuellen Initiative von SAP ging ein erfolgreiches Pilotprojekt in Indien voraus: Acht Mitarbeiter mit Autismus arbeiten dort in Zusammenarbeit mit Specialisterne als Softwaretester.

Auch die eingetragene Genossenschaft autWorker hat das Ziel, Autisten in die Arbeitswelt zu integrieren. Sie berät sowohl potenzielle Arbeitgeber als auch arbeitssuchende Betroffene und versucht, sie in eine geeignete Beschäftigung zu vermitteln. Marco Antons von autWorker: „Auch wenn Autisten gute Noten haben und es ins Vorstellungsgespräch schaffen, scheitern sie dort meist. Denn oft gewinnen die Firmen von ihnen einen falschen Eindruck und nehmen sie als unfreundlich oder desinteressiert wahr.“

Ein weiteres Problem sieht Antons darin, dass viele Autisten sich ihrer Stärken und Fähigkeiten gar nicht bewusst seien. Deshalb bietet autWorker regelmäßig Workshops für Autisten an, um ihren individuellen Stärken auf die Spur zu kommen. Dabei stehen die Hobbys und Spezialinteressen der Teilnehmer im Fokus, aber auch die Fähigkeiten, die viele von ihnen gemeinsam auszeichnen. „Autisten sind zum Beispiel besonders kreativ in Finden von Lösungswegen. Sie denken oft in Bildern“, erklärt Antons. Außerdem gehören Pünktlichkeit, Verlässlichkeit und Ehrlichkeit zu ihren hervorstechenden Eigenschaften, All das seien Fähigkeiten, die in der Arbeitswelt gebraucht würden.

Die regelmäßig in Hamburg stattfindenden Workshops verbessern aber auch die Kommunikationsfähigkeit der Teilnehmer: „Bei uns lernen Autisten, die oft jahrelang zu Hause hockten, wieder neue Leute kennen. Auf einmal beginnen sie zu kommunizieren. Das ist eine tolle Erfahrung.“

Autismus: Zahlen und Fakten

Autismus ist eine tiefgreifende Entwicklungsstörung, die sich bei der Wahrnehmungs- und Informationsverarbeitung im Gehirn auswirkt. Etwa ein Prozent der Gesamtbevölkerung sind Autisten, wobei verschiedene Schweregrade vorliegen können. Deshalb spricht die Wissenschaft auch vom Autimusspektrum. Unterschieden wird zwischen dem frühkindlichem Autismus (Kanner-Syndrom) und dem Asperger-Syndrom, das häufig erst nach dem dritten Lebensjahr sichtbar wird. Nach einer noch unveröffentlichten Umfrage der Arbeitsgruppe von Dziobek verfügen 33 Prozent der hochfunktionalen Autisten – also der normal intelligenten Autisten – über einen Hochschulabschluss. Dennoch sind etwa 60 Prozent der befragten hochfunktionalen Autisten arbeitslos. Nach Erkenntnissen der gleichen Umfrage liegen die Spezialinteressen von Autisten zu 34 Prozent im Bereich der Human- und Sozialwissenschaften und zu 28 Prozent im kreativen Bereich. Lediglich 24 Prozent der befragten haben ihr Spezialinteresse in der Informatik und den Ingenieurwissenschaften.

Die Autismus-Forschungs-Kooperation ist ein Zusammenschluss von autistischen Menschen und Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin. Infos: www.autismus-forschungs-kooperation.de

Aspies e.V. ist eine Selbsthilfeorganisation von und für Menschen im Autismusspektrum: www.aspies.de

Auticon: auticon.de

autWorker: www.autworker.de

(Veröffentlicht bei der Berliner Zeitung und dem Kölner Stadt-Anzeiger, Juni/Juli 2013)

(Copyright 2013 by Anja Schreiber)<img

Anja Schreiber
Anja Schreiber
Anja Schreiber arbeitet seit vielen Jahren als freie Fachjournalistin zu den Themen Bildung, Studium und Beruf. Sie schreibt unter anderem für die Berliner Zeitung, Stuttgarter Zeitung und Süddeutsche Zeitung, aber auch für Hochschulmagazine, Onlinemedien und eine wissenschaftliche Publikation. Außerdem bloggt sie regelmäßig.

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